Bürgermeister im Ehrenamt auf Anschlag – Paintens Gemeindechef beklagt gesundheitliche Probleme

Von Martin Rutrecht · 10. März 2024 um 19:00

Ihre Aufgaben als Bürgermeister nehmen zu, dazu üben sie einen Beruf aus und haben meist Familie: Gemeindechefs im Ehrenamt stoßen auch im Landkreis Kelheim an eine Belastungsgrenze. Die Folge sind auch gesundheitliche Probleme, wie ein Bürgermeister ganz offen einräumt.

Michael Raßhofer, der Rathaus-Chef von Painten, hat „auf die Zeichen reagiert, die einem der Körper gibt“. Der 47-Jährige listet im Gespräch mit unserer Zeitung „häufige Kopfschmerzen, Migräneanfälle, Schlafstörungen und Bandscheibenprobleme“ auf. Seit zehn Jahren ist Raßhofer Bürgermeister der Gemeinde mit 2285 Einwohnern, seit 18 Jahren arbeitet er selbstständig als Baufinanzierungsspezialist.

Jetzt hat er die Reißleine gezogen. „Zum 31. Januar 2024 habe ich meine Selbstständigkeit beendet. Eine Stundenreduzierung war so nicht möglich.“ Seither ist er ausschließlich als Gemeindeoberhaupt tätig. „Durch die ständige Doppelbelastung litt im Lauf der Jahre auch die Gesundheit. Viele Gespräche oder Arbeiten müssen unter starkem Zeitdruck erledigt werden.“

In der bayerischen Gemeindeordnung ist festgelegt, dass Kommunen bis 2500 Einwohner von ehrenamtlichen Bürgermeistern geführt werden. Der Gemeinderat kann allerdings bestimmen, die Tätigkeit in ein „berufsmäßiges“ Amt umzuwandeln. Dann gelten sie wie bei Kommunen über 2500 Bürgern als Beamte auf Zeit. Zwei Bürgermeister aus dem Landkreis Regensburg regten jüngst an, für alle Gemeinden das Hauptamt einzuführen.

Hausens Rathauschef kommt auf 240 Stunden im Monat

Raßhofer hält den Vorschlag „für sehr gut“. Der zeitliche Aufwand sei mit einem Halbtagsjob vergleichbar, Wochenendtermine oder Veranstaltungen nicht mit eingerechnet. Johannes Brunner, Bürgermeister von Hausen (2233 Einwohner), hat einen Monat lang seine Arbeitszeit mitgeschrieben und kam in Summe aus Gemeindechef und Beruf auf 240 Stunden im Monat. Der 35-Jährige ist Lehrer an einem Sonderpädagogischen Förderzentrum und hat auf 21 Wochenstunden reduziert. „Dafür bekomme ich auch nicht mehr das volle Gehalt“, sagt er.

Brunner plädiert nicht generell für ein Hauptamt, „man muss die jeweilige Gemeinde betrachten und vor Ort die Entscheidung treffen“. Gesundheitliche Probleme spürt er nicht. Definitiv sei das Amt jedoch „eine psychische Belastung. Da fühle ich mich aber immer noch bestens gerüstet.“

Dieselben Aufgaben wie Bürgermeister im Hauptamt

Raßhofer und Brunner üben ihr Bürgermeister-Amt „sehr gerne aus“. Gar von einem „Traumberuf“ spricht Winfried Roßbauer, Gemeindechef in Wildenberg (1434 Einwohner). „Wir haben dieselbe Arbeit wie hauptberufliche Bürgermeister“, spricht sich der 70-Jährige für eine Gleichstellung aus. Eine Krux sieht er aber: „Wenn jemand in der Privatwirtschaft arbeitet, kann er nicht so einfach aussteigen. Man muss oder will ja unter Umständen in seinen Beruf zurückkehren.“

Ein Beispiel dafür ist Gerhard Zeitler, Gemeindeoberhaupt von Train (1875 Einwohner), der über Jahre parallel zu seinem Amt einen Spenglerbetrieb führte. „Von Jahr zu Jahr wurde das schwieriger. Die Bürger fordern mehr, die Vorschriften und Themen werden komplexer“, sagt der 62-Jährige. Dennoch würde er die aktuelle Regelung, dass der Gemeinderat ein Hauptamt beschließen kann, beibehalten.

Bauleiter und zwischendrin auf Gemeinde-Terminen

Den Spagat zwischen Rathaus und Büro bewältigt auch Bürgermeister Franz Huber in Kirchdorf, mit 948 Einwohnern die kleinste Gemeinde im Landkreis. Als Bauleiter bei der Firma Haberstroh arbeitet er Vollzeit. Dank seines Arbeitgebers könne er zwischendrin auch Gemeindeaufgaben erledigen oder Termine wahrnehmen, dafür verzichtet er auf einen Teil seines Gehalts. „Ich könnte es mir ohne meinen Job nicht vorstellen“, sagt der 48-Jährige. Abends oder am Wochenende arbeitet er weitere Ägiden als Bürgermeister ab.

Ida Hirthammer (66), Gemeindechefin von Herrngiersdorf (1396 Einwohner), brachte ihr Amt bis zum Sommer 2023 mit einer 14-Stunden-Stelle als Fachlehrerin unter einen Hut. Mittlerweile ist sie in Altersteilzeit. „Ein Hauptamt ist nicht erforderlich“, findet sie. Dennoch: „Bürgermeister im Ehrenamt sind an der Belastungsgrenze“, stellt sie fest.

Bürokratie und undurchsichtige Vorschriften

Alle befragten Bürgermeister beschreiben einen gestiegenen Arbeits- und Zeitaufwand, auch Stichworte wie „fehlende Entbürokratisierung“ (Roßbauer) oder „Vorschriften von oben ohne konkrete Ansage“ (Brunner) fallen. Unisono wird auf die Wichtigkeit funktionierender Teams in Gemeindestuben und -gremien verwiesen. Huber sagt zudem: Ohne Frau und Kinder, die „mitspinnern“, ginge es gar nicht.

Der Hausener Bürgermeister Brunner stemmt während seiner Amtsstunden auch Kinderbetreuung, da seine Frau ebenso in Teilzeit arbeitet. „Mein Sohn ist es gewohnt, zu vielen Terminen mitzukommen. Er ist da sehr kooperativ“, schmunzelt Brunner über seinen kleinen Filius.

Sport, Oldtimer und Reisen als Ausgleich

Ausgleich finden die Lokalpolitiker beim Sport. Brunner, früher erfolgreicher Sommerbiathlet, kommt nicht mehr häufig dazu. „Aber manchmal muss es sein, dass ich allein im Wald laufen gehe und meine Gedanken sortiere.“ Der Sportschütze Huber kommt am Schießstand zur Ruhe oder schwingt sich aufs E-Bike. Roßbauer entspannt bei Ausfahrten mit Oldtimer-Bulldogs, Hirthammer reist und singt im Chor. Beim Bergwandern oder Skifahren tankt Zeitler Kraft. Er sagt auch nach 22 Jahren im Bürgermeister-Amt: „Ich lebe und brenne dafür.“

Die Stellung der Gemeinden im Landkreis Kelheim

Ehrenamt: Die Gemeinden Aiglsbach, Attenhofen, Biburg, Elsendorf, Essing, Hausen, Herrngiersdorf, Kirchdorf, Painten, Teugn, Train, Volkenschwand und Wildenberg werden von ehrenamtlichen Bürgermeistern geführt. Diese 13 Kommunen haben jeweils unter 2500 Einwohnern.

Hauptamt: Abensberg, Bad Abbach, Ihrlerstein, Kelheim, Langquaid, Mainburg, Neustadt a. d. Donau, Riedenburg, Rohr i. Niederbayern, Saal a. d. Donau und Siegenburg beschäftigen Bürgermeister im Hauptamt, die als Beamte auf Zeit gelten. Diese elf Gemeinden haben über 2500 Bürger.

Besoldung: Die Aufwandsentschädigung für Bürgermeister im Ehrenamt liegt bis 1000 Einwohner zwischen 1298,50 und 3376,01 Euro, von 1001 bis 3000 Einwohnern zwischen 3246,17 und 4869,27 Euro. Dies regelt das Gesetz über kommunale Wahlbeamte und Wahlbeamtinnen (KWBG). Die genaue Höhe bestimmt der Gemeinderat.

Der Kirchdorfer Bürgermeister Franz Huber hat auch an seiner Arbeitsstelle den Laptop für Gemeindeaufgaben dabei.
Johannes Brunner, Bürgermeister von Hausen, schultert während seiner Amtsstunden teils auch die Betreuung seines kleinen Sohnes.