Naturschützer in der Regentalaue im Landkreis Cham sind täglich für den Kiebitz unterwegs

Von Martin Hladik · 7. März 2024 um 05:00

Das Auto ist gerade auf der schmalen Straße zwischen Untertraubenbach und Haid gefahren. Eine beliebte Abkürzungs- und Radwegstrecke mitten durch die Regentalaue. Für ein Foto steigen die vier Insassen an einer Haltebucht aus. Plötzlich fliegen rund 30 Meter entfernt, viele Vögel an einer Wasserfläche auf. Es sind Kiebitze.

Der Vogel des Jahres 2024. Und der fühlt sich von den vier Fußgängern gestört, das Auto hätte ihn wahrscheinlich nicht weiter beunruhigt.

Gerade jetzt läuft für die Kiebitze in der Regentalaue die Balz, berichtet Peter Zach. Zusammen mit Julia Vogl und Alfons Fischer betreut er das Naturschutzgebiet Regentalaue. Dabei werden die Ehrenamtlichen vom Naturpark unterstützt, der durch die Rangerin Lisa Gammer vertreten ist. Mit dem Reporter haben sie sich getroffen, um über ein wichtiges Tier für die Regentalaue zu reden. Den Kiebitz. Der ist heuer schon zum zweiten Mal nach 1996 Vogel des Jahres. In der Regentalaue und nicht nur hier, steht der Vogel, den früher jeder kannte, für das Ökosystem Feuchtwiese. Ist der Kiebitz da, dann geht es wahrscheinlich auch anderen Vögeln dieses Biotops gut, und typische Pflanzen wie Orchideen oder Arnika sind da, aber auch Tiere wie Libellen und Frösche.

Der Kiebitz steht auf der Roten Liste

Leider aber ist der Kiebitz weltweit gefährdet. Er ist eine Rote- Listen-Art. In der Regentalaue versuchen die Naturschützer mit viel persönlichem Einsatz und Unterstützung durch den Landkreis und die Landwirte den Bestand zu erhalten. „Ohne menschliche Hilfe würde der Kiebitz nicht überleben“, sagt Zach bestimmt. Die Bestände des Kiebitz gehen dramatisch zurück. Die Aussage kann er durch Zahlen untermauern: In den 60er- und 70er-Jahren habe es im Landkreis 300 bis 400 Kiebitz-Brutpaare gegeben. Aktuell sind es 100 bis 130. Etwa 90 Prozent in der Regentalaue. Seit 2010 werden die wichtigsten Flächen, auf denen der Kiebitz brütet und seine Jungen aufzieht, intensiv betreut. Seitdem ist die Zahl der flügge geworden Kiebitze deutlich gestiegen.

Ab einer Überlebensrate von 0,8 pro Brutpaar und Jahr bleibe der Bestand stabil, berichtet Zach. Vor 2010 habe es nur zwei Jahre gegeben, in denen dieser Bruterfolg erreicht wurde. Seit sich die Naturschützer aber intensiv um die Vögel kümmern, konnte den Kiebitzen bereits sechsmal so ein Aufzuchtserfolg gelingen. Deswegen seien in diesem Bereich die Bestandszahlen halbwegs „stabil“, während sie in der Nähe der Stadt Cham einen „brutalen Rückgang“ aufweisen, sagt Zach. Das liege am Freizeitdruck auf den Flächen, vermutet Zach.

Alles verhindern, was den Vogel stört

Deswegen bedeutet das Kümmern um die Vögel im Prinzip, alles zu verhindern, was sie bei der Aufzucht der Jungen stören könnte. Das in der Öffentlichkeit bekannteste Mittel dafür sind die Schilder, die seit Anfang März bis Ende Juni bestimmte Wege sperren. Schon auf 20, 30 Meter Entfernung können sich die Kiebitze von Spaziergängern oder Hunden bei m Brüten gestört fühlen, erklärt Julia Vogl. Sie fliegen dann auf und bleiben ihren Nestern lange fern: Die Eier kühlen aus und der Bruterfolg ist gefährdet. Deswegen bittet die Rangerin Gammer darum, die Sperrungen und Stoppschilder unbedingt zu beachten. Wenn jemand im gesperrten Bereich angetroffen werde, werde er auch angesprochen und auf die Sperrung hingewiesen. „90 Prozent haben Verständnis!“, sagt Zach. Aber es sei auch schon vorgekommen, dass Wiederholungstäter ans Landratsamt gemeldet wurden.

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Weil nicht nur Menschen den Vögeln Probleme machen, sondern auch tierische Nesträuber, wird in Kürze wieder eine Kernzone des Brutgebietes mit einem Elektrozaun umgeben. So soll das Eindringen von Fuchs, Marder und Co verhindert werden. „Aber die werden immer schlauer“, stellt Rangerin Gammer fest. Keine Wirkung hat der Zaun gegen fliegende Fressfeinde der Kiebitze. Krähe und manche Raubvögel sind auf die Kiebitzküken scharf. Allerdings hat Zach einen ungewöhnlichen Zusammenhang festgestellt, in starken Mäusejahren konnten deutlich mehr Kiebitzküken überleben. Der Bruterfolg hängt aber auch vom Wetter ab. Trockenjahre mögen die Feuchtwiesen-Bewohner gar nicht. In solchen Jahren bleibt der Aufzuchtserfolg unterdurchschnittlich. Um den Vögeln bis in den Sommer hinein Feuchtflächen zur Verfügung zu stellen, wurden in den letzten Jahren auch Mulden geschaffen, die dauerhaft Wasser haben.

Landwirte unterstützen den Artenschutz

Einen wichtigen Einfluss auf den Bruterfolg hat aber auch die Landwirtschaft. Hier spricht Zach den Bauern sehr großes Entgegenkommen aus. Das gelte nicht nur für die Flächen, die der Landkreis selbst in Besitz habe, sondern für fast alle Flächen in der Regentalaue. Nur durch tägliche Beobachtung gelinge es, die Nester oder die Jungvögel vor landwirtschaftlichen Maschinen zu schützen. Zum Teil sitzen die Naturschützer bei der Mahd mit auf dem Traktor. Die Bauern bearbeiteten die Flächen in einem langsameren Tempo, damit die Tiere fliehen können. Dafür gibt es Ausgleichszahlungen. Weil aber gerade der Kiebitz mit seinen Küken die Eigenschaft habe, sich vor den Maschinen im frisch gemähten Gras zu verstecken sei das oft eine schwierige bis unlösbare Aufgabe alle Küken einzufangen, berichtet Julia Vogl.

Ein Trupp Kiebitze auf ihrem Frühjahrszug über der Regentalaue. Die Aufnahme machte Peter Zach am 3. März 2024. Foto: Peter Zach