Kleine Schwester des Regentals verkümmert: Ist das Schicksal des Chambtals aufzuhalten?

Von Johannes Schiedermeier · 24. August 2023 um 19:00

Die Regentalaue ist die große und berühmte Schwester der Chambtalaue. Doch das Chambtal droht in deren Schatten zu verkümmern. 21 Millionen Euro hat der Landkreis gut gefördert in den Flächenankauf im Regental investiert. Mit Erfolg. Doch im Chambtal, wo vor 30 Jahren noch Bekassine und Brachvogel brüteten, ist es still geworden. Nur ein gemeinsamer Kraftakt von Bauern, Behörden und Naturschutz kann das Aussterben der Arten verhindern. Und es tut sich was.

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Allerdings stellt sich die Frage, wie lange sich das noch hinziehen soll. In einem Gutachten von 2015 hat das Bayerische Landesamt für Umwelt Managementpläne für Schutzgebiete wie das Chambtal als „vorrangig“ eingestuft. Der Plan ist heute noch bei der Regierung in Arbeit – nach fast acht Jahren. Anschließend muss er öffentlich ausgelegt und an einem runden Tisch aktiviert werden. Für die Behörden sind die Inhalte verbindlich. Die lange Dauer des Verfahrens steht in einem krassen Gegensatz zum Tempo des Niedergangs.

Dokumentiert wird dieser vom Landesbund für Natur- und Vogelschutz (LBV). Dessen Gebietsbetreuer für das Chamb-tal, Michael Wagner, haben wir zum Gespräch eingeladen gemeinsam mit BBV-Geschäftsführer Franz Kerscher und einem neuen Hoffnungsträger für den Naturschutz im Landkreis Cham: Katharina Kuhlmann. Sie arbeitet seit kurzem im Landratsamt und berät gemeinsam mit Kollegen im Amt für Landwirtschaft über die Möglichkeiten der Förderungen und über das Vertragsnaturschutzprogramms (VNP).

Kein Durchblick mehr

Das ist wichtig. „Niemand blickt mehr durch, was für ihn infrage kommt und wie er das kombinieren darf, was Land, Bund und Europa anbieten“, sagt Franz Kerscher. Am konkreten Beispiel wird schnell klar, dass es Chancen gibt, die noch gar nicht ausgelotet sind.

Der BBV-Geschäftsführer kennt die Probleme und Fallstricke des Naturschutzes für die Bauern recht genau: „Wenn man es besonders gut macht, wird plötzlich ein Biotop draus und das setzt einen dann matt, wenn man die Fläche nicht mehr tauschen kann. Dazu kommt die Unsicherheit, was es mit dem angrenzenden Land macht, wenn man einen Streifen verkauft, sagt Kerscher. „Welche Vorschriften kommen dann für die nächsten Meter?“

Katharina Kuhlmann erzählt, dass es inzwischen Förderprogramme gibt, die flexibel sind und Flächen zwischen fünf und 20 Prozent ermöglichen und einen Wechsel zwischen den Bereichen, die dem Naturschutz zur Verfügung gestellt werden. Das ist scheinbar noch nicht durchgedrungen.

Zudem hat sich die Politik mit den Fördergrundlagen auch manchmal selbst ein Bein gestellt: Wer die Hecke in die Produktionsflächen wachsen lässt, bekommt einen Förderabzug. Kerscher berichtet auch über schlechte Erfahrungen mit der Schnelligkeit der zuständigen Behörden: „Wenn ein Baum ins Feld fällt, dann muss der bis zur Ernte weg. Selber darf man nicht ran, und bis dann einer kommt, das dauert oft ... Drum lassen es manche.“

Außerdem ist die Lage an sich komplex. Denn der Mensch stellt schnell fest, dass er bei dem Versuch, zu regulieren, was er schon kaputtgekriegt hat, wesentlich weniger genial ist als die Natur. Katharina Kuhlmann hat ein Beispiel, wie Artenschutz sich ausschließt: Es werden immer wieder Gehölze gefordert, weil die gut sind für Hase, Rebhuhn, Fasan und Co. Allerdings dienen sie auch Habichten und Falken als Ansitz. Das wiederum dezimiert die Bodenbrüter wie Kiebitz und Braunkehlchen.

Im Chambtal hat man offensichtlich die Chance verpasst, die man im Regental ergriffen hat. Der BBV-Geschäftsführer erklärt das so: „Die Flurbereinigung war etwas, was die Landwirtschaft vielerorts auch nicht wollte. Aber im Regental hat man damals Flächen vorteilhaft getauscht und auch gutes Geld bezahlt. Heute ist das Geld nichts mehr wert und alle sind hinter den Flächen her: das Staatliche Bauamt als Ausgleich für den Straßenbau, die Gemeinden für ihre Ökokonten, der Naturschutz will sie auch, und der Bauer will sie behalten ...“

Ist die Chance also schon verpasst? Biodiversitätsberaterin Kuhlmann glaubt das nicht, obwohl sie gemeinsam mit LBV-Gebietsbetreuer Wagner dieselbe Erfahrung gemacht hat: Es ist schwer geworden, einen Landwirt ins Vertragsnaturschutzprogramm zu bringen. Viel muss zusammenpassen: die Betriebsstruktur, die Lage der Fläche, die Förderung. Trotzdem zeigt der Trend nach oben: Seit 2018 hat sich die Fläche im Vertragsnaturschutzprogramm auf 65 Hektar fast verdoppelt.

Doch die Flächen sind immer noch zu wenig und vor allem meist unzusammenhängend – eben nicht wie im Regental. Das ist die gemeinsame Aufgabe in den nächsten Jahren: Mehr Flächen in den Naturschutz bringen, mehr Rücksicht, mehr Ausgleich und vor allem: genügend Personal, das für die Umsetzung sorgt.

Denn, wenn BBV-Geschäftsführer Kerscher den Kopf hebt, dann findet er nicht nur in der Landwirtschaft Verbesserungswürdiges. Die Begrünung von Bau- und Gewerbegebieten wird oft nicht umgesetzt. Die Gemeinden pflegen ihre Ausgleichsflächen nur unzureichend. Und so mancher Privatmann, der auf die Bauern zeigt, könnte auch mal in seinen eigenen Garten schauen.

So könnte es gehen

Wie es gehen könnte, zeigt LBV-Gebietsbetreuer Wagner auf den Feldern bei Raindorf. Dort hat der LBV mehrere Grundstücke gekauft. Dort grünt und – vor allem – blüht es. Dort tobt ein anderes Leben, als es der Landwirt auf seinen Turbograsflächen für die Milchwirtschaft brauchen kann. Es hüpft, flattert und krabbelt.

Allerdings ist das noch kein Garant für einen Erfolg. Naturschutz braucht einen langen Atem: Die Ansitze für die Braunkehlchen sind bis auf ein paar Durchzügler leer geblieben. Gebrütet hat niemand. Bei den vereinzelten Kiebitzen muss Wagner um jedes Ei kämpfen. Gebietsberater, Biodiversitätsberater und der Bauernverband haben noch viel gemeinsam zu erledigen. Und der Managementplan sollte endlich in die Pantinen kommen, weil dann auch die Behörden zu etwas verpflichtet sind.

Die Geschichte vom Wiesenknopf-Ameisenbläuling

Von Johannes Schiedermeier

Cham. Er, der Unaussprechliche, der Kuckuck unter den Schmetterlingen – gerade er ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwer die Aufgabe ist, die im Chambtal bevorsteht. Dass der Wiesenknopf-Ameisenbläuling genau genommen nicht einmal bläulich ist, erstaunt kaum noch angesichts seiner Spezialisierung.

Die Falter ernähren sich von dem Nektar des Großen Wiesenknopfs, sie schlafen, balzen und paaren sich auf ihm. In diesem Wohnzimmer legen sie auch ihre Eier ab und der Wiesenknopf dient später den jungen Raupen als Versteck und Futter. Irgendwann krabbeln sie dann aus ihrem Versteck und lassen sich auf den Boden fallen. Die Raupen des Wiesenknopf-Ameisenbläulings sind Optimisten und Spezialisten. Sie gehen davon aus, dass sie von einer ganz bestimmten Ameisenart gefunden werden: der Rotgelben Knotenameise. Dann drehen sie richtig auf. Sie krümmen sich und blähen bestimmte Körpersegmente so lange auf, bis die Ameise überzeugt ist, eine eigene Larve gefunden zu haben. Dabei packt die Raupe alle Tricks aus: Sie produziert Lockstoffe aus ihren Honigduftdrüsen und imitiert damit den Duft der Ameisenbrut. Dann hat die Kuckucksraupe ausgesorgt, weil sie ins Ameisennest gebracht und dort durchgefüttert wird nach allen Regeln der Kunst.

Wird die Raupe nicht gefunden, verhungert sie. Trifft sie auf eine andere Ameisenart, wird sie selbst zu Futter und der Optimismus wird tödlich.

Oft scheitert aber schon ihre Entstehung am Fehlen der Wiesenknopfs in den artenarmen Wiesen der intensiven Landwirtschaft. Wer in dieser Umwelt neben den Grundbedingungen auch noch Glück und spezielle Ameisen braucht, der wird es schwer haben..

So sehen Bäche aus, die unter das Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) fallen. Fotos: Johannes Schiedermeier
LBV-Gebietsbetreuer Michael Wagner zeigt die einzige Zuflucht für den Wiesenknopf-Ameisenbläuling.
Katharina Kuhlmann soll im Landratsamt als Biodiversitätsberaterin der Vertragsnaturschutz nach vorne bringen.
Das ist er: der Wiesenknopf-Ameisenbläuling, ein vom Aussterben bedrohter Chambtal-Falter.