Wiesenbrüter: Kampf um jedes Nest im Landkreis Cham

Von Johannes Schiedermeier · 15. Mai 2023 um 19:00

Cham. Mitten auf einem Acker bei Cham sind 160 Quadratmeter Fläche mit einem Stromzaun abgegrenzt. In der Mitte thront ein Kiebitz auf seinem Nest. In 30 Tagen wird er seine Jungen in die freie Landschaft führen. Dann gelten die Gesetze der Natur wieder grenzenlos. Bis dahin kämpfen die Vogelschützer – besonders im Chambtal – inzwischen um jedes einzelne Nest. Warum eigentlich?

Spaziergänger haben ein aufgeregtes Kiebitzpaar über dem Acker entdeckt und dem Landesbund für Vogelschutz gemeldet. Gebietsbetreuer Michael Wagner hat das Nest dann am nächsten Tag entdeckt und zum Schutz gegen Füchse, Katzen und freilaufende Hunde mit einem Stromzaun geschützt, denn Wiesenbrüter sind außerhalb des Regentals zu einer Seltenheit geworden.

Nur noch Einzelnester

Entlang des gesamten Chamb-tals bis hinein in den Chamer Teil des Zellertals verläuft Wagners Zuständigkeitsbereich. 2022 hat er überhaupt kein Wiesenbrüter-Nest gefunden. Heuer hatte er drei Kiebitz-Nester. Dieses eine bei Cham, eines bei Runding und ein weiteres, das von dem Brutpaar aus unbekannten Gründen aufgegeben wurde.

„Ab und zu kommt einmal ein Brachvogel vorbei, oder eine Bekassine. Heuer haben wir ein Braunkehlchen. Das ist inzwischen aber eine absolute Seltenheit geworden“, berichtet Michael Wagner über den Zustand des Chambtals.

Mit den Landwirten, bei denen er Wiesenbrüter entdeckt hat, hat Wagner bisher nur positive Erfahrungen. Er macht seine Arbeit seit 2021 und durfte bisher immer einzäunen. Der Fall in Cham ist deswegen besonders erfolgversprechend, weil der Landwirt den Acker heuer stillgelegt hat und eine großzügige Einzäunung zulässt. Bei Runding wurde das Nest mitten ins Maisfeld gebaut. Auch dort hat der Landwirt zugestimmt, aber nur auf einer wesentlich kleineren Fläche, die er möglichst bald auch abernten will.

Woran liegt es, dass in der Regentalaue entgegen aller bayern- und bundesweiten Statistiken die Zahl der Wiesenbrüter steigt, während sie im Chambtal aussterben? Die Antwort kennt LBV-Geschäftsstellenleiter Markus Schmidberger. Der Landkreis Cham besitzt im Regental nach Aussage des Vogelschützers rund 500 Hektar Fläche, die er für 16 Millionen einst gekauft hat. Das sind große, zusammenhängende Flächen, die tatsächlich Schutz und Ruhe bieten während der Brutzeit. Das zweite Erfolgsgeheimnis ist laut Schmidberger ein leidenschaftliches Management durch Pater Zach, Jutta Vogl und Alfons Fischer. „Die kennen dort jeden Landwirt, sind täglich unterwegs und sorgen für das notwendige Verständnis im Umfeld“, sagt Schmidberger.

Das Chambtal aber sei in den letzten Jahren zu einem echten Sorgenkind mutiert. Würde man heute dieses Tal einzeln bewerten und nicht – wie üblich – im Sog der florierenden Regentalaue – dann würde es seinen Status als FFH-Gebiet längst verloren haben. Da ist sich der Naturschützer Schmidberger absolut sicher.

Im Chambtal hätten sich drei Landwirte an den Vertragsnaturschutz-Programmen (VNP) beteiligt und entsprechende Verträge abgeschlossen. „Deren Flächen sind aber unzusammenhängend und weit auseinander“, sagt Schmidberger. Und auf der Restfläche? Dort ruiniert die ganz normale Landwirtschaft den Lebensraum der Wiesenbrüter, sagt Schmidberger. Dabei hat er für die Bedürfnisse des Bauern durchaus Verständnis, zählt jedoch die Folgen auf: „Heute wird vier- bis fünf Mal gemäht. Deswegen ist die erste Mahd meist bereits für die Brut tödlich. Die Kiebitze werden samt Nest gehäckselt.“

Kein Umfeld, kein Futter

Dann müsse der Landwirt düngen, damit möglichst schnell das notwendige Turbogras nachwachsen kann, das die Kühe brauchen. Durch das Düngen stirbt die Welt der Bodenlebewesen und es gibt kein Futter für die Jungen, die von ihren Eltern durch das dichte Gras nicht geführt werden können. So ist die ganz normale landwirtschaftliche Nutzung dort, wo es keine zusammenhängenden Schutzflächen gibt, der Tod von Flora und Fauna, sagt Schmidberger. „Der Tisch wirkt voll, ist aber leer!“

Pressesprecher Fabian Koller hat von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt für eine unserer nächsten Ausgaben eine Stellungnahmen zu den Fragen über Chambtalaue und den Verträgen mit den Landwirten versprochen. Dafür ist diese Behörde nämlich zuständig und kann die Entwicklung auf diesem Sektor beurteilen.

In den Chambtalauen sind Kiebitz-Küken ein seltenes Bild geworden, anders in der Regentalaue, wo der Schutz durch Flächenankauf funktioniert.