Wenn Sonne lebensgefährlich wird: Neumarkter Hautarzt erklärt, wie man sich vor Hautkrebs schützt

Hautkrebs ist die häufigste Krebsart in Deutschland. Schon ein nur Millimeter dicker Tumor kann zu Metastasen führen. Der Neumarkter Hautarzt Nikolaus Stosiek erklärt Risikofaktoren, wie man sich schützen kann und was eine regelmäßige Vorsorge leistet.
Immer mehr Menschen erkranken an Hautkrebs. Stellen Sie diese Entwicklung auch in Ihrer Praxis fest?
Nikolaus Stosiek: Ja, wir merken das deutlich. Wir haben etwa 500 Tumorpatienten pro Quartal in der Praxis. Hautkrebs ist die häufigste Krebsart in Deutschland. Bei etwa 80 Prozent handelt es sich um einen hellen Hautkrebs. Zum einen werden seit Einführung des Hautkrebsscreenings 2008 mehr Hautkrebse und in früheren Stadien entdeckt. Zum anderen sind seit 2015 bestimmte Hautkrebsarten als Berufskrankheit von Außenberuflern (Landwirtschaft, Bau etc.) anerkennungsfähig und meldepflichtig. Zudem kommen die früheren Sonnenanbeter in die Jahre und werden immer älter, erleben also ihren Hautkrebs.
Was ist der Unterschied zwischen schwarzem und weißem bzw. hellem Hautkrebs?
Stosiek: Rein medizinisch bezieht sich die Benennung nicht auf die Farbe, sondern die Qualität der Zelle: Schwarzer Hautkrebs entsteht aus den Zellen der Haut, die braune Hautfarbe (Melanin) bilden können. Weiße Hautkrebse entstehen aus den Zellen der Haut, die keine braune Hautfarbe bilden können. Manchmal bilden schwarze Hautkrebse keine Farbe und sind dann hautfarben, häufig lagern weiße (helle) Hautkrebse Melanin ein und sehen dann braun bis schwarz aus.
Schwarzer Hautkrebs kann tödlich enden
Wenn schwarzer Hautkrebs nicht frühzeitig erkannt wird, verläuft er meist tödlich. Warum ist er so gefährlich?
Stosiek: Die sich aus Pigmentzellen entwickelnden Krebse sind bereits von Natur aus sehr aggressiv. Da die Haut ein sehr dünnes Organ ist, erreichen sie schon bei sehr geringer Dicke die Hautzone, in der durch Adern und Lymphgefäße eine Verteilung im Körper erfolgen kann. So können sich schnell Metastasen bilden. Das passiert manchmal schon bei einer Gesamtdicke von weniger als einem Millimeter. Ab 1,5 Millimetern Gesamtdicke gelten schwarze Hautkrebse bereits als Hochrisikokrebs mit hohem Verteilungsrisiko.
Woran kann man schwarzen und weißen Hautkrebs an sich selbst erkennen?
Stosiek: Beim schwarzen Hautkrebs leistet für den Laien die ABCDE-Regel Hilfestellung: A steht für Asymmetrie, B für Begrenzung, C für Colorierung – wenn er unterschiedliche Schattierungen aufweist, D für Durchmesser und E für Entwicklungsdynamik, fälschlicherweise wird oft nur von „Erhabenheit“ gesprochen.
Eine weitere Regel ist die Hässliche-Entlein-Regel: Man schaut nach Pigmentmalen, die aus dem individuellen Rahmen fallen: Zeigen sich bei einer Person zum Beispiel fast nur große dunkle Pigmentmale, dann ist der kleine helle Fleck das „hässliche Entlein“.
Es ist ein Trugschluss, dass schwarzer Hautkrebs nur aus einem Leberfleck entsteht. Über 80 Prozent der Melanome entstehen aus einer Einzelpigmentzelle. Weißer Hautkrebs ist für den Laien schwer erkennbar, teilweise sind es nur raue Hautstellen.
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Wie oft sollte man zur Hautkrebsvorsorge beim Dermatologen gehen?
Stosiek: Der von den Kostenträgern übernommene Rhythmus ist ohne Rücksicht auf Risikogruppen auf zwei Jahre festgelegt. Die gesetzlich festgelegte Hautkrebs-Früherkennung muss ab dem 35. Geburtstag von allen Kostenträgern übernommen werden.
Bei Risikogruppen – etwa nach einer Transplantation, bei Lichtschaden oder Personen mit sehr vielen Pigmentmalen – sind engmaschigere Kontrollen empfohlen, die vom Patienten zu tragen sind.
Gibt es Personengruppen, denen Sie eine häufigere Kontrolle empfehlen?
Stosiek: Personen, bei denen bereits einmal Hautkrebs oder dessen Vorstufen entdeckt wurden, die viele oder atypische Muttermale und deutliche Lichtschäden haben, sollten sich engmaschiger untersuchen lassen. Vielleicht alle sechs bis zwölf Monate.
Was kostet so eine Untersuchung, wenn man sie selbst zahlen muss?
Stosiek: Wir veranschlagen etwa 60 Euro.
Künstliche Intelligenz wertet Bilder von Muttermalen aus
Es gibt ja auch die Möglichkeit, Muttermale mit Bildern zu dokumentieren.
Stosiek: : Eine KI-gestützte Videoanalyse kann die Entwicklungsdynamik und Struktur sehr gut erfassen. So lassen sich zunächst unklare Fälle meist sicher einordnen. Viele Patienten halten ein Dermatoskop für eine Lupe. Doch dabei handelt es sich um ein Auflichtmikroskop, mit dem man direkt in die Haut sehen kann. Durch die Befeuchtung der Kontaktfläche mit Flüssigkeit stellen sich die Strukturen von Hautveränderungen klarer dar.
Wie sehr kann man mit solchen Vorsorgeuntersuchungen das Risiko minimieren, an Hautkrebs zu erkranken?
Stosiek: Die Bezeichnung „Vorsorge“ ist nur teilweise richtig. Denn die Ursachen für die Entwicklung von Hautkrebs liegen oft bereits in den frühen Lebensjahren. Die Vorsorge besteht darin, Hautkrebs frühzeitig zu erkennen. Nahezu jeder Hautkrebs ist so rechtzeitig behandelbar.
Welches sind die wichtigsten Ursachen für Hautkrebs?
Stosiek: Zahlreiche Lichtschäden holte man sich früher in der Kindheit. Zum einen war das Risiko Hautkrebs damals nicht in den Köpfen präsent. Es gab weder Informationskampagnen noch sah man eine Veranlassung, sich vor Sonne zu schützen.
Die Wurzeln dafür sind Ende des vorletzten Jahrhunderts zu finden, als Kinder aus Mangel an Sonnenlicht häufig an Rachitis erkrankten. Die Therapie bestand darin, Kinder möglichst konsequent in die Sonne zu schicken. So wurden die Risiken der Sonnenstrahlung ausgeblendet.
Zum anderen haben sich Kinder früher ohne Kontrolle durch Eltern stundenlang mit Freunden der Sonne ausgesetzt. Und es gab damals noch keinen qualitativ hochwertigen Sonnenschutz wie Sonnencreme, Markisen oder Sonnenschirme. Außerdem gilt seit etwa 100 Jahren nicht mehr helle, sondern braune Haut als Schönheitsideal.
Das sind Risikofaktoren für Hautkrebs
Welche Risikofaktoren können zu Hautkrebs führen?
Stosiek: Ungeschützte, unkontrollierte, dem jeweiligen Hauttyp nicht entsprechende UV-Exposition. Außerdem genetische oder individuelle Faktoren wie ein niedriger Vitamin-D-Spiegel. Am häufigsten persönliches Fehlverhalten aus Unkenntnis. Daher sind gesundheitspädagogische Ansätze und ein authentischer Erziehungsansatz in der Familie wesentlich.
Und wie sieht es mit Sonnenbrand aus?
Stosiek: Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Tatsächlich entstehen die Krebszellen bereits deutlich unter der Sonnenbrandschwelle. Eine Verbrennung der Haut an sich führt je nach Grad jedoch nicht zu einem erhöhten Krebsrisiko.
Für die nachhaltige Schädigung ist die Fähigkeit des ultravioletten Lichtes verantwortlich, Erbmaterial in den Hautzellen zu schädigen. Es gibt eine direkte Schädigung durch kurzwelliges UV-Licht (UVB) und eine indirekte Schädigung durch langwelliges UV-Licht (UVA).
Die dadurch entstehenden Krebszellen werden kontinuierlich von zwei Reparaturmechanismen des Immunsystems der Haut bekämpft. Man geht davon aus, dass pro Tag im Durchschnitt geschädigte Hautzellen im fünfstelligen Bereich korrigiert oder eliminiert werden. Sind diese Reparatursysteme jedoch nicht voll funktionsfähig – zum Beispiel durch genetische Defekte, Immunsuppression oder eine noch nicht ausgereifte Funktionalität wie bei Kleinkindern – bleiben immer wieder Krebszellen unbehandelt und können so Jahre bis Jahrzehnte später zur Entwicklung eines Hautkrebses führen.
So findet man eine gute Sonnencreme
Das heißt, am besten schütze ich mich mit einer guten Sonnencreme? Aber woran erkennt man die?
Stosiek: Eine gute Sonnencreme sollte immer beide Arten ultravioletten Lichts (UV-Licht) von der Haut fernhalten. Am einfachsten geschieht das durch reflektierende Systeme. Die Taktik entspricht der des Elefanten, der seine Haut durch eine Staub- und Schlammschicht schützt. Dadurch können die Strahlen nicht an die Hautkommen, egal ob UVA oder UVB einwirkt.
Die absorbierenden Systeme bestehen aus chemischen Filtern, die sehr selektiv nur UVA oder UVB „schlucken“. Die auf der Sonnencreme deklarierte Höhe betrifft primär immer nur UVB.
UVA-Filter müssen nicht verpflichtend in Sonnencremes vorhanden sein. Um zu sehen, ob in der jeweiligen Sonnencreme auch ein UVA-Filter enthalten ist, gibt es ein genormtes Logo: die drei Buchstaben „UVA“ in einem Kreis. Einige noch erlaubte Lichtschutzfilter gelten als hormonaktiv und/oder krebserregend und sollten vermieden werden.
Muss ich das ganze Jahr über – also auch im Winter oder bei Bewölkung – eine Creme mit Lichtschutzfaktor verwenden?
Stosiek: Eine Hautcreme mit Lichtschutzfaktor reduziert das Risiko für Hautkrebs und schützt vor Hautalterung. Es wäre also durchaus angebracht, das Gesicht auch im Winter vor zu intensiver Sonne zu schützen.
Meteorologisch gesehen, hat die Aggressivität der Sonne in den letzten vier Jahrzehnten deutlich zugenommen. Die landläufige Aussage „heute ist keine Sonne“ stimmt natürlich nicht. Denn durch die Wolken werden allenfalls die Infrarotstrahlung (Wärme) und das sichtbare Licht (Helligkeit) reduziert.
Je nach Beschaffenheit der Wolken kann durch Streuung sogar eine intensivere UV-Belastung als bei blauem Himmel erfolgen.
Sonnenbrand gibt es auch im Schatten
Dann ist Schatten auch kein wirklicher Schutz?
Stosiek: Im Schatten ist man in der Regel immer noch etwa 60 Prozent der UV-Strahlung ausgesetzt, die einen in der prallen Sonne erreichen würde. Bei Funktionstextilien wie Markise, Sonnenschirm oder UV-Schutz-Shirt sollte man daher immer auf die UV-Schutz-Norm (801) achten.
Ist es genauso gefährlich für die Haut, sich auf eine Sonnenbank zu legen? Oder kann man sich damit sogar auf die stärkere Sonneneinstrahlung im Sommer vorbereiten?
Stosiek: Sonnenbänke sind zumindest nicht ungefährlicher als natürliche UV-Strahlung. Es gibt kein Bio-Solarium. Diese Bezeichnung ist geschickten Marketingstrategien zuzuschreiben. UV-Strahlung hat immer auch ein krebserregendes Potenzial.
Die Nutzung von Solarien ist in der Europäischen Union für Jugendliche verboten. Der regelmäßige Besuch eines Sonnenstudios – zum Beispiel einmal pro Monat über ein Jahr – erhöht das Risiko von Hautkrebs bereits um mindestens 75 Prozent.
In jedem Fall ist Vorbräunung kein geeigneter Schutz vor Lichtschäden, sondern bewirkt das Gegenteil.



