Energie-Experte Michael Sterner zum Klimawandel: Naturgesetze nicht verhandelbar

„Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“ – wer so eine Rede zur Klimawende beginnt, hat Missionarisches vor. Doch auch, wenn Michael Sterner als 13-Jähriger Pfarrer werden wollte, bevor er die Mädels im Passauer Land entdeckte, zieht der Wissenschaftler seine Lehre nicht aus dem Glauben, sondern aus Fakten.
Und die legt er am Donnerstagabend beim Chamer Wirtschaftsgespräch der Sparkasse in einem launigen Vortrag dar, die seinen im Internet verbreiteten Ruf als Popstar der Klimawende alle Ehre macht. Der OTH-Professor aus Regensburg ist ein vehementer Befürworter des Ausbaus von Photovoltaik, Windenergie und Wasserstoff, der zuletzt mit seinem Buch „So retten wir das Klima“ Furore machte.
Mit dem Vortrag des Professors knüpfe die Sparkasse im Landkreis Cham an das Wirtschaftsgespräch von 2022 an, als „Wetterfrosch“ Sven Plöger zum Klimawandel sprach, so Sparkassen-Chef Franz Wittmann bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste im Sparkassensaal. Sterner wolle die Wege zu gutem Klima auftun. Wittmann erläutert die Erfolge der Sparkasse auf dem Weg zur Klimaneutralität, bevor Professor Sterner das Wort ergreift und die Bibelstelle zitiert.
Auf Worte achten
Es sei wichtig, auf die Worte zu achten – denn was man damit säe, das ernte man auch, so Sterner – und das sei physikalisch wie gesellschaftlich so. Jedes Wort schaffe Realitäten. Er machte klar, wo er als Wissenschaftler das Maß aller Dinge sehe: Die Natur und Umwelt seien das Entscheidende. Mit einem an die Wald geworfenen Bild seiner damaligen Schulklasse fragt er ins Publikum, was er denn da in erster Reihe stehend anhabe. „Nichts Neues!“, beantwortet er die Frage selbst. Denn alles auf dem Bauernhof, wo er aufgewachsen sei, sei recycelt worden – „das war eine Kreislaufwirtschaft, wie wir sie heute wieder brauchen!“, sagt Sterner.
Die Mülltonne sei dort praktisch überflüssig gewesen. Er erinnert an Dinge wie den Weltspartag und betont: „Sparen ist eine Tugend!“ Wenn er sich heute umschaue, wirke das nicht so. Und fragt: „Wo ist unser Maß?“ Die Menschheit verbrauche gerade drei Erden, ohne sie zu haben. Immer wieder flechtet er eigene persönliche Erfahrungen ein, die mit dem Thema Klima zu tun haben, wie seine Zeit in Kenia nach der Lehre.
In Kanada hätten 2023 wegen der Dürre Extrembrände gewütet, „die die Menschen nicht mehr begreifen!“ Viele würden sagen, der Klimawandel komme – da sei es egal, was man tue. Der Experte widersprach – jeder müsse Verantwortung übernehmen und das tun, was ihm möglich sei. „Technisch geht es, klimaneutral zu werden“, sagt er. Eine Kühlung fürs Haus werde künftig ebenso wichtig wie die Heizung: „Das ist keine Spinnerei!“
Der Treibhausgaseffekt „ist Physik und damit Fakt!“ Wenn sie als Wissenschaftler der Politik diese Gesetzmäßigkeiten darlegen würden, wolle die darüber verhandeln: „Doch Naturgesetze sind nicht verhandelbar!“ Wenn man Auto fahre und die Straße sei auf 70 km/h beschränkt, dann sei das eine menschengemachte Vorgabe: „Wird man dann aber mit 100 aus der Kurve getragen, dann ist das Physik!“ Die errechnete Erderwärmung um 2,7 Grad bedeute, dass in manchen Regionen ein Leben nicht mehr möglich sei.
Das bedeute Flüchtlingsströme – schon jetzt seien 43 Millionen Menschen wegen Naturkatastrophen auf der Flucht. „Es wird neue Völkerwanderungen geben“, sagt der Wissenschaftler. Schon 2007 habe man darauf hingewiesen, doch kaum einer habe zugehört. Alle durch die Erwärmung entstehenden Schäden seien deutlich teurer als der Weg zur Lösung: der Klimaneutralität und der Energiewende.
„Wir müssen die Erwärmung begrenzen und Verantwortung übernehmen!“, appelliert Michael Sterner. Jeder Deutsche verursache pro Jahr 200 Kilogramm Restmüll – aber 9000 Kilogramm Kohlendioxid. Die Lösung sei da – vom Speicher bis zum Netzausbau : „Wir müssen auf erneuerbare Energie aus Sonne und Photovoltaik umsteigen für den Klimaschutz.“ Fossile Energieträger seien zu wertvoll, um sie zu verbrennen. Wenn Bayern so weitermache, werde es erst in 230 Jahren klimaneutral. Deutschland an sich sei auf einem guten Weg.
Er wirbt für die Wärmepumpe, die im Winter wärme, im Sommer die Luft abkühle: „Im Sommer bei 30 Grad sind alle Nachbarn bei uns im Haus.“ Die Energieeffizienz zu verbessern sei ebenso wichtig. Alles werde künftig am grünen Strom hängen. Dafür brauche es auch Wasserstoff als Speichermedium, ebenso wie eFuels, etwa für die Bundeswehr. Strom sei der Schlüssel zu allem – auch zur KI und zur IT.
Zeit der Kernenergie vorbei
Die Kernenergie in Europa, die immer wieder „um die Ecke kommt, ist vorbei!“, macht er klar. Keiner wolle mehr in sie investieren. Seit 20 Jahren würden jedes Jahr fünf AKW vom Netz gehen – nur wenige würden nachgebaut. Auf die Kernfusion als Zukunftsenergiequelle zu warten, sei nicht möglich.
Er tritt den Kritikern etwa der Windkraft entgegen. Wind im Wald spare 1000 Mal mehr Kohlendioxid ein, wie es die Bäume an der Stelle geschafft hätten: „Wir müssen ehrlich miteinander sein!“ Wind sei die günstigste Art, Energie zu erzeugen: „Der Schlüssel ist die Bürgerbeteiligung!“ Er räumt die oft erzählten „Mythen“ der Energiewende beiseite, etwa dass Windräder die Vögelkiller Nummer 1 seien. Das sei längst widerlegt. Ebenso der angebliche Infraschall – der sei kein Thema. „Wenn du es nicht willst, findest du Gründe – wenn du es willst, findest du Wege!“, sagt er und erntet Applaus. Es gelte, die Bauordnung endlich auf Klimaneutralität umzustellen – 90 Prozent der Häuser in Bayern hätten Nachholbedarf.
„Es funktioniert, wenn wir wollen“, so Sterner zur Energiewende und greift am Ende seines Vortrags wieder auf eine Bibelstelle zurück, um Mut dafür zu machen: „Fürchtet euch nicht!“
Zur Person
Bildung: Prof. Michael Sterner ist 1978 geboren und im Passauer Land auf einem Bauernhof groß geworden. Nach der Hauptschule absolvierte er eine Elektrikerlehre, machte das Abitur nach und studierte Mechatronik an der OTH Regensburg, in Oldenburg und Kassel, wo er auch promovierte. Dann war er am Fraunhofer-Institut, wurde 2012 mit 33 Jahren Professor an der OTH.
Experte: Der Ingenieur arbeitet unter anderem ehrenamtlich im Weltklimarat (IPCC), war im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung und berät sie bis heute wie auch die Europäische Kommission. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Musiker und Komponist, vielfach ehrenamtlich engagiert und Vater von drei Kindern. Er wohnt mit der Familie im Landkreis Regensburg.
