Elektronik ist zu schade zum Wegwerfen: Zweites Leben statt Schrott

Von Bernhard Fleischmann · 2. März 2024 um 19:00

In Autos und auch sonst wird immer mehr Elektronik verbaut. Platinen und Bauteile könnten auch nach der Verschrottung des Erstgeräts weiter genutzt werden. Das muss auch viel mehr geschehen. Ein Experte fordert mehr Nachhaltigkeit bei Halbleitern und sieht darin eine Chance für Deutschland.

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Elektroautos über ihren gesamten Produktions- und Lebenszyklus hinweg die Umwelt weniger belasten als Verbrenner. Trotzdem werfen sie Probleme aif : Es werden mehr Elektronik, mehr Halbleiter verbaut. Was geschieht damit, wenn das Auto oder auch andere Geräte mit elektronischem Inhalt stillgelegt, verschrottet, weggeworfen werden? Allein in der EU werden jährlich annähernd sechs Millionen Autos verschrottet. Das macht ein Gesamtgewicht von rund sieben Millionen Tonnen. Rund 95 Prozent davon werden wiederverwendet, aber 90 Prozent lediglich recycelt. Das heißt in der Regel geschreddert .

Elektronik anders gestalten

Besonders nachhaltig ist das nicht. Besser wäre es, den Elementen ein zweites oder drittes Leben zu ermöglichen. Das ist auch möglich, wenn wir uns rechtzeitig dazu Gedanken machen und die Elektronik anders designen und bauen. Was das – nicht nur – für Unternehmen bedeuten könnte, erklärte jetzt Ole Gerkensmeyer, Verkaufschef für den Automotive-Bereich beim Halbleiterunternehmen Wolfspeed, das sich vor allem auf den Stoff Silizium-Karbid als Material für Halbleiter konzentriert. Er präsentierte seine Erwartungen und Erkenntnisse zu einer Kreislaufwirtschaft in diesem Bereich vor Interessenten im Regensburger Netzwerk Transform.R. Dieses wird getragen von den beiden Clustern „Mobility & Logistics“ und „Sensorik“. Es soll ein Transformationsnetzwerk in der Fahrzeugindustrie und bei Zulieferern aufbauen.

Was ist noch wiederverwendbar aus der Elektronik? Der Chip eher nicht, so Gerkensmeyer. Er würde das Herauslöten aus der Platine kaum unversehrt überstehen. Umso schöner wäre es zu wissen, in welchem Zustand sich das gesamte Bauteil befindet, wenn das Auto verschrottet wird. Dann könnte man entscheiden, ob und wo man das Teil weiterverwenden könnte. In einem Pumpwerk etwa, nennt der Experte ein Beispiel – an Stellen, wo auch ein gealtertes, nicht mehr ganz so leistungsfähiges Bauteil völlig ausreicht. Um zu messen, wie gut das Teil in Schuss ist und wie viel Leistung es noch liefert, brauche man Künstliche Intelligenz und Sensoren. Für Letztere ist die Region Regensburg ein bundesweiter Schwerpunkt.

Viele neue Chipfabriken

Heute werde Elektronik aus dem Auto in der Regel nicht weiterverwendet. Das sei nicht sinnvoll, auch deshalb, weil der Bedarf an Halbleitern deutlich steigen dürfte. Gerkensmeyer zitiert Studien, wonach sich der weltweite Halbleitermarkt von heute 500 Milliarden Euro bis 2030 auf eine Billion verdoppelt. Die EU will davon 20 Prozent haben und bräuchte dafür rechnerisch 37 zusätzliche Halbleiterfabriken – und 82000 qualifizierte Arbeitskräfte. Automotive, grüne Energien, Klimaschutz, Medizin, Verteidigung – überall würden Halbleiter benötigt.

Die Fülle an Material führe gleich zum Müllproblem. „Das Plastik nur zu schreddern, wird nicht ausreichen“, sagt Gerkensmeyer und glaubt daran, dass auch Druck aus der Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit dazu beiträgt: „Die öffentliche Meinung wird eine Wiederverwertung fordern.“

Der Experte sieht darin eine Chance für Deutschland. Die hohen, manchmal überhohen Standards hierzulande kämen der Halbleiterei entgegen, wo es eben extrem auf diese und auf Qualität ankomme. Bis dahin seien aber mehrere Dinge nötig: Es brauche Standards für die Wiederverwendung. Die Industrie sehe bislang keine Notwendigkeit, Elektronik ein zweites Mal zu verwenden. Auch bei Autoherstellern sehe er keine Anreize, die Modelle so zu bauen, dass man später leicht an die einzelnen Bauteile herankommt. Das Design von elektronischen Baugruppen müsse verändert werden, so dass sie sich zerlegen lassen, dass die Einzelteile heil bleiben. Das geschehe dann, wenn es öffentlichen Druck gebe und es „ein paar Wahnsinnige und Mutige gibt, die zeigen, dass es möglich ist“.

Gerkensmeyer sieht voraus, dass eine zunehmende Kreislaufwirtschaft viel ermöglicht. Neue Geschäftsmodelle etwa, bei denen ein Hersteller eines Produkts gleich die Wiederverwertung in einer Tochtergesellschaft anbietet. Neue Märkte entstünden: Plastikflaschen werden zu Textilfasern, Smartphones zu Sicherheitskameras, Autobatterien zu stationären Energiespeichern. Neue Materialien spielten eine Rolle: Gras statt Holz im Hausbau, Bambus in vielerlei Varianten – alles schon möglich und versucht.

Fachpersonal gefragt

Für den Wandel zu Nachhaltigkeit in der Elektronik werde viel Fachpersonal gebraucht. Nicht nur Chipentwickler, sondern auch nicht-akademische Techniker, welche mit den in der Halbleiter-Industrie benötigten Maschinen umgehen können. Vertriebler müssten weit mehr als nur verkaufen. Sie würden gebraucht als lösungsorientierte Partner.

Gerkensmeyer sieht im Wandel zur E-Mobilität und generellen Elektrifizierung eine „einmalige Chance“ vor allem für Deutschland: eine nachhaltigere Welt mit weniger Energieverschwendung, eine Kreislaufwirtschaft mit einem geringeren Verbrauch von Ressourcen, neue Exportschlager.