Finanzchef schmeißt hin: Oberpfälzer Tastaturhersteller Cherry in der Krise

Beim Oberpfälzer Tastaturhersteller Cherry läuft es alles andere als rund. Eigentlich wollte das Unternehmen 2024 den Turnaround schaffen. Dann schmiss der Finanzchef plötzlich hin. Vorstandsvorsitzender Oliver Kaltner gibt sich gegenüber der Mediengruppe Bayern dennoch optimistisch.
Die 1950er Jahre in den USA: Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgt eine hohe Konsumgüter-Nachfrage für einen Wirtschaftsboom. In immer mehr Wohnzimmern steht ein Fernseher, Kühlschränke halten Einzug in den Küchen. Der Wohlstand steigt. Es entsteht die erste McDonald’s-Filiale in Illinois im Mittleren Westen. Dort gründet 1953 auch Walter L. Cherry ein Unternehmen, das Mikroschalter herstellt.
Heute, etwas mehr als 70 Jahre später, ist die Firma Cherry in der breiten Masse aber vor allem wegen ihrer PC-Tastaturen bekannt – und hat ihren Sitz längst nicht mehr in den Vereinigten Staaten, sondern agiert von Auerbach im Landkreis Amberg-Sulzbach aus. Von einer euphorischen Stimmung, wie sie in der US-Nachkriegswirtschaft herrschte, ist das Oberpfälzer Unternehmen aktuell allerdings weit entfernt. Es steckt in der Krise, will aber 2024 den Turnaround schaffen – doch dafür hat das Jahr denkbar schlecht begonnen.
Cherry verfehlt Prognose für 2023: Ebitda-Marge bei zwei statt zehn Prozent
Ende Januar verkündete Cherry, dass Finanzvorstand Mathias Dähn seine Aufgaben „derzeit nicht wahrnehmen“ könne. Zu den Gründen schweigt das Unternehmen auf Nachfrage der Mediengruppe Bayern. Allerdings ist unklar, ob Cherry überhaupt mehr weiß als in der Mitteilung angegeben. Gegenüber dem Magazin „Wirtschaftswoche“ sagte Vorstandsvorsitzender Oliver Kaltner, dass Dähn keine Gründe für seine Entscheidung genannt habe.
Unabhängig davon ist der Abgang des Finanzchefs kurz vor dem Jahresabschluss äußerst ungewöhnlich – auch vor dem Hintergrund, dass nur einen Tag nach der Mitteilung eine drastische Gewinnwarnung des börsennotierten Unternehmens folgte: Cherry teilte mit, dass die vorläufigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2023 unter der bisherigen Prognose liegen. Statt dem erwarteten Konzernumsatz von etwa 140 Millionen Euro, rechne man nun mit nur 126 Millionen Euro, hieß es von Cherry. Die Ebitda-Marge betrage voraussichtlich rund zwei statt wie prognostiziert zehn Prozent – für das Jahr 2022 betrug der Wert hier noch 11,5 Prozent.
Oliver Kaltner: Cherry „im Vergleich zur Umsatzgröße zu großzügig ausgelegt
„Die Abweichung von der Prognose ist auf ein langsameres Wachstum im vierten Geschäftsquartal zurückzuführen“, heißt es von Cherry. Der Zuwachs in der Nachfrage sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben. „Der dadurch ausgebliebene Umsatz führte zu einem Absinken der bereinigten Ebitda-Marge, da die Kosten nicht in gleichem Maße reduziert werden konnten.“
Noch befänden sich die Zahlen in der „finalen Jahresabschluss- und Wirtschaftsprüfungsphase“, sagt Cherry-CEO Oliver Kaltner auf Anfrage. Der 55-Jährige ist seit knapp einem Jahr Vorstandsvorsitzender bei dem Oberpfälzer Unternehmen. Seitdem ist der Aktienkurs von knapp acht Euro auf jetzt unter zwei Euro gefallen – gestartet war der Konzern im Sommer 2022 mit 32 Euro je Aktie. „Das erste Jahr meiner Amtszeit war von notwendigen, weitreichenden und tiefgreifenden organisatorischen und prozessualen Veränderungen geprägt gewesen“, sagt Kaltner. Diese waren ihm zufolge notwendig, weil der Konzern „im Vergleich zur Umsatzgröße zu großzügig ausgelegt war“. Die Kosten seien deshalb zu hoch gewesen. Man habe aber „inzwischen gezielt gegengesteuert“.
Auerbach in der Oberpfalz: 80 Mitarbeiter müssen gehen
Ein Mittel der Wahl war dabei offenbar ein Stellenabbau. Bis Ende März will sich Cherry von insgesamt 105 Mitarbeitern trennen. Besonders im Fokus: der Standort Auerbach. 80 Personen seien hier betroffen, sagt Kaltner. Insgesamt beschäftigte der Konzern im vergangenen Jahr etwa 500 Mitarbeiter.
Die wirtschaftlich schlechte Situation bei Cherry ist laut Kaltner vor allem die Folge des Einbruchs im Geschäftsbereich „Components“, sprich dem Schaltergeschäft. In den anderen beiden Sparten (siehe Zusatzinformationen am Textende) habe man nie die Gewinnzone verlassen, betont der Vorstandsvorsitzende. „Der Plan für 2024 sieht Profitabilität in allen drei Geschäftsbereichen vor“, erklärt Kaltner.
Prognose für 2024: Cherry erwartet Umsatz von 140 bis 150 Millionen Euro
Ihm zufolge befindet sich Cherry auch im Schaltergeschäft „wieder auf einem guten Weg“. Der erfolgte Umbau des Bereichs – unter anderem eine Anpassung der Produktionsorte und -kapazitäten – gebe die Möglichkeit, diesen „in 2024 wieder wettbewerbsfähig und profitabel zu gestalten“, sagt der CEO. Kaltners Aussagen spiegeln sich auch in der Prognose für das laufende Jahr wieder, die der Oberpfälzer Konzern am Dienstag veröffentlicht hat. Man erwarte einen Umsatz von etwa 140 bis 150 Millionen Euro, heißt es in der entsprechenden Mitteilung. Bei der bereinigten Ebitda-Marge rechnet Cherry mit einem Wert zwischen sieben und acht Prozent.
Der Ausfall des Finanzvorstands hat laut Kaltner indes keine Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der Geschäftsführung. Letztere sei „vollumfänglich sichergestellt“ – auch weil mit Volker Christ schnell ein Interims-Finanzchef gefunden war. Damit „werden alle Termine des Finanzkalenders eingehalten“, sagt Kaltner.
Das macht das Oberpfälzer Unternehmen
Geschäftsbereiche: Die Firma stellt Tastaturen, Mäuse und Headsets („Gaming & Office Peripherals“) sowie Schalter für mechanische Tastaturen („Components“) her.
Healthcare: Cherry ist außerdem im Gesundheits-Bereich („Digital Health & Solutions“) tätig. Arztpraxen nutzen Geräte der Firma, um die Gesundheitskarten von Patienten auszulesen. Der Marktanteil liegt bei geschätzt 70 Prozent.
