Röchling in Wackersdorf schließt Werk 2025: Kommen Mitarbeiter in der Nachbarschaft unter?

Von Philipp Breu · 28. Februar 2024 um 17:57

Hiobsbotschaft für rund 90 Mitarbeiter in Wackersdorf: Die Röchling Automotive SE hat angekündigt, ihr Werk an der Ottostraße im ersten Halbjahr 2025 zu schließen. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben aber bemüht, den Stellenabbau so „verantwortungsvoll wie möglich zu gestalten“. Auch Bürgermeister Thomas Falter (CSU) will sich für die Belegschaft einsetzen.

Der weltweit tätige Kunststoffverarbeiter für die Automobilindustrie reagiere damit auf die veränderte Marktlage in Europa, heißt es in einer Pressemitteilung, die der Konzern am Mittwochvormittag veröffentlicht hatte. Die Mitarbeiter und der Betriebsrat seien bereits von der Geschäftsführung informiert worden.

„Unsere Mannschaft hat in den vergangenen Jahren ja miterlebt, dass die Umsätze permanent zurückgehen. Daher waren wir gezwungen, immer wieder über Freiwilligenprogramme das Personal anzupassen. Sicherlich haben viele Mitarbeitende mit der Schließung gerechnet, aber es war ihnen wirklich anzusehen, dass sie erschrocken waren über die Ankündigung“, erklärte Röchling-Unternehmenssprecher Christian Gerards.

Herbe Verluste am Automobilmarkt

Der Schritt sei Teil der Umstrukturierung und Konsolidierung der Produktionsstätten in Deutschland. „Nach den dramatischen Umsatzeinbrüchen während der Coronapandemie und mit der fortschreitenden Verschiebung von Verbrenner- zu Elektrofahrzeugen stabilisiert sich der europäische Automobilmarkt derzeit auf einem um rund 20 Prozent niedrigeren Niveau als vor der Pandemie“, so Gerards.

Und wenn etwa ein Fünftel weniger Fahrzeuge produziert werden, bleibe auch der Bedarf an Bauteilen der Zulieferer etwa ein Fünftel unter dem, der noch vor einigen Jahren verkauft wurde. „Dieser branchenweite Kapazitätsrückgang lässt sich kurzfristig nicht allein durch die Gewinnung neuer Kunden und den Verkauf neuer Produkte auffangen“, erklärte Gerards. Zudem führten die politischen Beschlüsse, in der Europäischen Union ab 2035 keine neuen Benzin- und Diesel-Fahrzeuge mehr zuzulassen, zu einem weiteren Umsatzrückgang.

Produktion in Wackersdorf soll vorerst aufrechterhalten werden

Matthias Drehkopf, COO bei Röchling Automotive, spricht in Bezug auf die Werkschließung in Wackersdorf von einer schweren Entscheidung: „Wir haben alle Optionen für eine verbesserte Struktur unserer Werke in Europa intensiv geprüft und uns die Entscheidung keineswegs leicht gemacht. Letztlich führt aber an der Werksschließung in Wackersdorf leider kein Weg vorbei.“ Man müsse an allen Standorten nachhaltig profitabel sein, „um unsere Fähigkeiten zu weiteren Investitionen und damit weiterem Wachstum in der Zukunft abzusichern“.

In Wackersdorf produziert Röchling Automotive seit 1997 Komponenten für Fahrzeuge internationaler Marken. Dazu zählen Bauteile für den Unterbodenbereich, aerodynamische Verkleidungen und Abdeckungen, Luftklappensteuerungssysteme sowie Motorabdeckungen. Für die Kunden des Automobilzulieferers wird die Standortschließung kaum Auswirkungen haben, versicherte Drehkopf: „Die Produktionsumfänge von Wackersdorf übernehmen die Röchling-Werke in Worms und Peine.“ Bis zur Schließung werde die Produktion aber auch an der Ottostraße weitgehend aufrechterhalten. „An der Stelle möchten wir der Mannschaft ausdrücklich danken und unseren höchsten Respekt zollen, da die Produktionsmaschinen noch am Tage der Ankündigung wieder liefen, um unsere Kunden pünktlich zu versorgen“, hieß es.

Röchling legte rekordverdächtigen Umzug hin

Dass Röchling in Wackersdorf im ersten Halbjahr 2025 Geschichte sein wird, sorgte auch im Rathaus für Bestürzung. „Das bedaure ich zutiefst. In die Ansiedlung des Unternehmens habe ich damals viel persönliches Herzblut gesteckt“, sagte Bürgermeister Thomas Falter.

Lange war des Werk im Wackersdorfer Innovationspark angesiedelt. Dort hatte die Firma eine Produktionshalle auf dem Gelände des Automobilriesen BMW angemietet. Doch als dieser mehr Platz für die Carbonfertigung brauchte, löste er den Mietvertrag 2013 zum Jahresende auf. Röchling fand schließlich am heutigen Standort an der Ottostraße eine neue Heimat. Falter hatte damals den rekordverdächtigen Umzug, der nur wenige Wochen dauerte, miteingefädelt und sogar den Röchling-Bauantrag persönlich zum Landratsamt gefahren, wie er sich erinnert.

Das Werk und auch der Maschinenpark wurden in den Folgejahren erweitert, die Zahl der Mitarbeiter wuchs stetig. Nun scheint der einstige Glanz aber verblasst zu sein. Falter will noch in dieser Woche die Unternehmens- und Standortleitung sowie den Personalrat im Werk an der Ottostraße besuchen – „was nichts daran ändert, dass die Werkschließung unumgänglich ist. Das haben mir die Geschäftsleiter bereits persönlich mitgeteilt“.

Bürgermeister will bei der Vermittlung helfen

Der Rathauschef kündigte aber an, sich auf Nachfolgelösungen konzentrieren zu wollen: „Können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in andere ortsansässige Betriebe vermittelt werden? Was passiert mit dem Firmengelände? Dazu werde ich im steten Austausch mit der Röchling-Unternehmensleitung und dem Personalrat intensive Gespräche in alle Richtungen führen“, so Falter.

Auch das Unternehmen sei nach eigenen Angaben bestrebt, den Stellenabbau in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat so verantwortungsvoll wie möglich zu gestalten und einen Sozialplan zu entwickeln. Man wolle alles daran setzen, die Zahl der betriebsbedingten Kündigungen gering zu halten. Das Unternehmen werde dazu die natürliche Fluktuation nutzen und verschiedene Möglichkeiten des freiwilligen Ausscheidens – zum Beispiel durch einen vorzeitigen Renteneintritt – anbieten.

Außerdem sei man bemüht, Mitarbeitende, deren Stellen wegfallen, in andere Unternehmensbereiche der Röchling-Gruppe zu vermitteln.

Die Firma Röchling

Gruppe: Die Röchling-Firmengruppe, die weltweit an 92Standorten in 25 Ländern mehr als 11700 Angestellte beschäftigt, teilt sich in drei zentrale Unternehmensbereiche auf: Röchling Industrial, Röchling Medical und Röchling Automotive.

Mitarbeiter: Röchling Automotive beschäftigt weltweit etwa 6000 Mitarbeiter an 40Standorten in 17 Ländern. Der Umsatz betrug 2022 etwa 1,15Milliarden Euro.

Geschäftszweige: Kunststofflösungen für die Automobilbranche sind das zentrale Geschäftsmodell von Röchling Automotive. Das Unternehmen stellt verschiedene Batteriekomponenten sowie ultraleichte Strukturbauteile, Unterbodenverkleidungen, Luftklappensysteme und Bauteile für Antriebe her.