Insolvenz in Eigenverwaltung: So geht es nun bei Agrob Buchtal in Schwarzenfeld weiter

Von Philipp Breu · 26. Februar 2024 um 19:00

Diese Nachricht besorgt rund 1000 Mitarbeiter: Die Deutsche Steinzeug Cremer Breuer AG (DSCB) und ihre Tochter Agrob Buchtal GmbH haben jeweils ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eröffnet. Auch das Werk in Schwarzenfeld ist mit seinen rund 390 Beschäftigten davon betroffen. Die Löhne sollen aber vorerst gesichert sein.

Hohe Energiepreise, sinkende Nachfrage und eine veränderte Kreditsituation hätten den nach eigenen Angaben führenden deutschen Hersteller im Bereich Architektur- und Schwimmbadkeramik mit seinen Gesellschaften in finanzielle Schieflage gebracht. Vergangenen Mittwoch stellten die Verantwortlichen deshalb beim Amtsgericht in Bonn Anträge auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Diese wurden nun genehmigt, wie Unternehmenssprecherin Gabriele Busse auf Nachfrage mitteilt.

Gedrückte Stimmung bei der Buchtal-Belegschaft

Die Sanierung in Eigenverwaltung ist ein insolvenzrechtliches Verfahren, das das Unternehmen in eigener Regie durchführen kann. In diesem Prozess bleibt die Geschäftsführung voll handlungsfähig und kann uneingeschränkt agieren. Beaufsichtigt wird sie von einem vom Gericht bestellten Sachwalter. Der Prozess soll den Weg frei machen für einen Neustart, der die Erhaltung der Standorte und die Sicherung der Arbeitsplätze zum Ziel habe, heißt es.

Die rund 390 Mitarbeiter in Schwarzenfeld erfuhren, wie ihre rund 600 Kollegen an den weiteren drei Standorten, noch am gleichen Tag in einer Versammlung, die am Hauptsitz in Alfter-Witterschlick stattfand und an allen Standorten per Videokonferenzschaltung übertragen wurde, von der Entscheidung. „Natürlich ist die Stimmung etwas gedrückt, was ja auch verständlich ist. Aber wir haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass wir Herausforderungen meistern können“, sagt Busse und führt Beispiele an wie die Flut im Ahrtal – davon war die DSCB an zwei Standorten betroffen. Weitere Herausforderungen seien die Pandemie-Jahre und die Explosion der Energiepreise als Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine gewesen. Man sei zuversichtlich, dass es auch dieses Mal gelinge, die Krise zu überstehen.

Kunden werden weiter beliefert

Die Produktion laufe auch während des Verfahrens in allen Werken normal weiter. „Alle Kunden werden wie vereinbart beliefert, neue Aufträge nehmen wir jederzeit entgegen. Wir führen derzeit viele Gespräche mit unseren Kunden und unseren Lieferanten und erfahren dabei sowohl Verständnis für unsere Situation als auch eine große Unterstützung“, so Busse.

Dieter Schäfer, CEO der Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG, ergänzt: „Wir wollen so schnell wie möglich diese Neuaufstellung abschließen. Dafür werden wir in den kommenden Monaten für die Deutsche Steinzeug und die Agrob Buchtal die entsprechenden Pläne erarbeiten, zusammen mit unseren insolvenzrechtlichen Beratern. Diese stimmen wir dann mit den Gläubigern und dem zuständigen Gericht ab und setzen ihn um.“ Man habe auch schon früh damit begonnen, die Produktionskapazitäten und -prozesse an den ausbleibenden Markt anzupassen. „Diese Maßnahmen werden wir fortführen und sie zu einem erfolgreichen Abschluss bringen. Unser Geschäftsmodell ist grundsätzlich intakt“, sagt Schäfer.

Schwarzenfeld Bürgermeister zeigt sich überrascht

Auch die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter seien für die nächsten drei Monate gesichert. An den Urlaubsansprüchen oder den Arbeitsverträgen und -bedingungen ändere sich durch das Verfahren ebenfalls zunächst nichts. „Nach den drei Monaten werden unsere Unternehmen wieder selbst die Löhne und Gehälter tragen und aus dem laufenden Geschäftsbetrieb erwirtschaften. Ich bin sicher, dass wir aus den Verfahren gestärkt hervorgehen werden und stabilere Arbeitsplätze haben als zuvor“, so Schäfer.

Einen Tag nach Bekanntwerden der Insolvenz hatte er auch die drei Standort-Bürgermeister über die aktuelle Situation informiert. Das Buchtal-Werk liegt in den Gemeindegebieten Schwarzenfeld, Schmidgaden und Fensterbach. Auch Schwarzenfelds Bürgermeister Peter Neumeier (ÜPW) zeigte sich zuversichtlich, dass der Konzern die jüngste Krise überwinden wird. „Sonst hätten sie das Verfahren nicht in Eigenverwaltung beantragt“, so Neumeier.

Dass die Branche aktuell mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen habe, war auch dem Rathauschef nicht entgangen. Dennoch habe ihn die Nachricht überrascht. „Dass es so ernst ist, hätte ich nicht gedacht.“ Agrob Buchtal ist für die Region ein bedeutender Arbeitgeber. Keramik und Fliesen aus Schwarzenfeld werden in mehr als 100 Länder weltweit geliefert.

Agrob Buchtal: Eine Firma mit langer Geschichte

Gründung: Unter dem Namen „Buchtal AG, Keramische Betriebe der Reichswerke Hermann Göring, Oeslau bei Coburg“ wurde das Werk in Schwarzenfeld 1937 gegründet. Die Wurzeln liegen im Braunkohleabbau, bei dem Lehm als Abraum anfiel, der zu Klinker gebrannt wurde. Das Buchtal-Reichswerk stellte zunächst feuerfeste Schamott-Steine her: ein wichtiges Material im Zuge der Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten.

Nachkriegszeit: Die Streichung des Namenszusatzes „Reichswerke Hermann Göring“ erfolgte im Mai 1947 in der ersten Aufsichtsratssitzung nach Kriegsende. Man konzentrierte sich fortan auf die Herstellung von Fließen und Keramik. In den 70er Jahren präsentierte das Buchtal-Werk als Weltneuheit die keramische Großplatte „KerAion“, die vor allem für Fassaden verwendet wurde. Die Zahl der Mitarbeiter stieg auf 1600.

Name: Im Jahr 1993 kaufte die Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG den Fliesenhersteller Agrob auf und die Buchtal AG wurde daraufhin umbenannt – seit dieser Zeit trägt sie den Namen Agrob Buchtal.