Erlanger Mediziner Stefan Lehrmann: „Freigabe ab 18 Jahren macht keinen Sinn!“

Seit dem 23.Februar ist es offiziell: Ab dem 1.April soll der private Konsum und – unter bestimmten Voraussetzungen – auch der Anbau von Cannabis legal sein. Bis zuletzt war der Gesetzentwurf umstritten. Unser Medienhaus sprach mit dem Mediziner Stefan Lehrmann über die Auswirkungen von Cannabis-Konsum. Er leitet die Substitutions-Ambulanz am Universitätsklinikum Erlangen.
Herr Lehrmann, je nachdem, wen man fragt, ist Hanf entweder ein natürliches Allheilmittel oder eine gehirnzerstörende Einstiegsdroge. Was denn nun?
Lehrmann: Aus meiner Sicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Man kann mit Sicherheit sagen, dass es keine harmlose Substanz ist. Gerade ein regelmäßiger und hoch dosierter Konsum hat oft negative Folgen, die wir auch in der Klinik sehen.
Welche negativen Wirkungen sind das?
Lehrmann: Bei manchen kann es zu Übelkeit, Herzrasen oder seltener auch zu panikartigen Zuständen kommen. Das hängt aber immer von der Konzentration des THC und von der Persönlichkeit des Konsumenten ab. Besonders gefährlich sind die langfristigen Risiken, wie Störung der Gehirnentwicklung bei jugendlichen Konsumierenden, sowie die Entwicklung psychischer Erkrankungen, zum Beispiel einer Psychose oder Abhängigkeit.
Und wie sieht es mit der Heilwirkung aus?
Lehrmann: Hanf hat eine lange Geschichte als Heilpflanze. Wir setzen sie in Deutschland auch in den Kliniken ein. Bei chronischen Schmerzpatienten oder bei Multipler Sklerose. Aber das sind sehr spezielle und begrenzte Bereiche.
Also keine Wunderheilung von Krebs oder ähnliches?
Lehrmann: Es gibt ja fast kein medizinisches Leiden, von dem nicht irgendjemand behauptet, dass Cannabis dagegen helfen würde. Aber wissenschaftlich belegt ist nur die Linderung von gewissen Symptomen, wie chronischen Schmerzen. Ein Allheilmittel ist es sicher nicht.
Wirkung von Cannabis hängt von THC ab
Was passiert denn eigentlich genau, wenn man Cannabis zu sich nimmt?
Lehrmann:Die Wirkung kommt vom THC, dem Tetrahydrocannabinol. Das dockt sich beim Konsum an den Rezeptoren im Gehirn an und löst dort eine ganze Kaskade unterschiedlichster Verschaltungen aus. Eine wichtige Komponente ist die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin. Relativ schnell tritt dann ein Rauschzustand ein.
Welchen Effekt hat der?
Lehrmann: Es kann Veränderungen der Wahrnehmung in Bezug auf Zeit und Raum geben. Wenn der THC-Gehalt sehr hoch ist, können auch halluzinogene Effekte auftreten. Häufig treten Entspannung und Müdigkeit oder eine Appetitsteigerung auf.
Von Alkohol weiß man, dass er aggressiv machen kann. Gibt es das auch beim THC?
Lehrmann: Aggression verstärkt es eher nicht. Wir nehmen eher wahr, dass Personen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, tendenziell passiv und gleichgültig werden.
Wie lange hält die Wirkung des THC an?
Lehrmann: Auch das ist sehr unterschiedlich. Meist gibt es einen kurzen, intensiven Boost. Die Nachwirkungen können noch etwa sechs bis acht Stunden spürbar sein.
Kritiker der Legalisierung sehen Cannabis auch als Einstiegsdroge. Ist das so?
Lehrmann: Cannabis ist ja bereits jetzt die am häufigsten konsumierte illegale Substanz. Etwa ein gutes Drittel der Erwachsenen in Deutschland hat schon mal Cannabis konsumiert. Die Frage ist, wie stark sich die Zahlen durch eine Legalisierung verändern werden.
Wie sind die Erfahrungen in anderen Ländern?
Lehrmann: In den USA wurde nach der Legalisierung wirklich viel mehr konsumiert. Und es gibt auch Drogentourismus in die Staaten, in denen es legal ist. In Portugal dagegen war das nicht der Fall. Statt dessen kam es zu einer Verbesserung des Hilfesystems. In welche Richtung es in Deutschland, geht lässt sich überhaupt nicht voraussagen.
Was kann die Politik tun, damit der Effekt positiv ist?
Lehrmann: Die Beratungsstellen sollten auf jeden Fall besser gefördert werden, damit die gewünschte Schutzwirkung dabei herauskommt.
Und wie sehen Sie die Freigabe aus medizinischer Sicht?
Lehrmann: Die Altersgrenze ab 18 Jahren macht überhaupt keinen Sinn. Denn für die Gehirnentwicklung ist 18 Jahre keine relevante Grenze. Die Menschen sind zwar rechtlich volljährig, aber das Gehirn ist nicht ausgereift. Mit regelmäßigem Konsum sollte man deshalb auf jeden Fall bis Ende 20 warten.
Aber der Laie denkt doch, dass etwas, das legal ist, auch ungefährlich ist...
Lehrmann: Auch Alkohol und Tabak sind legal – und trotzdem extrem gefährliche medizinische Substanzen. Alkohol hat massive psychische und körperliche Folgen. Bei einer rein medizinischen Beurteilung käme er nicht gut weg. Deshalb gibt es auch Länder, in denen Alkohol verboten und Cannabis erlaubt ist.
