Wie Cannabis Kranken helfen kann: Neumarkter Experten über Nutzen und Risiken

Von Nicole Selendt · 4. Oktober 2023 um 17:00

Das Bundeskabinett hat die umstrittene Legalisierung von Cannabis auf den Weg gebracht. Noch in diesem Jahr könnte der Konsum legal werden. In der Medizin ist Cannabis dagegen längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sagt der Neumarkter Apotheker Peter Dorfner.

Als Arznei können Ärzte das Naturprodukt nämlich bereits seit 1998 verordnen. Damals galt es noch als kleines Nischenprodukt, doch mittlerweile „erkennen immer mehr Ärzte die Sinnhaftigkeit solcher Therapien“, sagt Dorfner. Das bestätigt Dr. Frank Janssen, Chefarzt der Schmerzklinik im Neumarkter Klinikum. Medizinisches Cannabis sei mittlerweile ein fester und sehr nützlicher Bestandteil in der Schmerztherapie: „Wir setzen medizinisches Cannabis in Form von Fertigarzneimitteln und Cannabisvollextrakten ein, hier kommen Öle in Tropfenform und Kapseln zum Einsatz.“

Dass seit 2017 Krankenkassen in bestimmten Fällen die Kosten für Blüten und Extrakte übernehmen, habe die Nachfrage in den vergangenen Jahren weiter angeschoben, erklärt Apotheker Dorfner. In welchen Fällen Patienten tatsächlich darauf zurückgreifen dürfen, regelt das Cannabis-Gesetz. Nur wer schwerwiegend erkrankt ist, hat unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch darauf. „Ein unglaublich schwammiger Begriff“, der laut Dorfner sowohl bei Ärzten als auch Krankenkassen inzwischen weiter gefasst werde.

Gute Erfahrungen gemacht

Janssen erklärt, dass in der Schmerzklinik medizinisches Cannabis bei Schmerzen eingesetzt werde, bei denen die üblichen Schmerzmittel keine Wirkung zeigen, zu nicht tolerablen Nebenwirkungen führen oder aufgrund von Erkrankungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht verabreicht werden dürfen. Also immer dann, „wenn die üblichen schmerzmedikamentösen Behandlungsoptionen ausgeschöpft sind“, fasst Janssen zusammen.

Und auch, wenn die Verordnung von medizinischem Cannabis kontinuierlich zugenommen hat – aus verschiedenen Gründen –, wird es laut Janssen nach wie vor mit sehr sorgfältiger Indikationsstellung verordnet. So habe man im Neumarkter Klinikum gute Erfahrungen bei Schmerzen infolge von Nervenerkrankungen und -verletzungen gemacht sowie bei Patienten mit schwerwiegenden Grunderkrankungen und/oder einer Vielzahl von Vormedikamenten.

Verschiedene Sorten je nach Beschwerden

Ungeeignet sei der Einsatz dagegen bei Patienten mit komplexen psychischen Vorerkrankungen und schwer lokalisierbaren und definierbaren Schmerzen wie diffusen Beschwerden von Gelenken und Muskulatur. „Es hat sich auch gezeigt, dass medizinisches Cannabis kein Allheilmittel ist, nicht bei allen Patienten wirkt und durchaus auch zu relevanten Nebenwirkungen führen kann. Entscheidend ist und bleibt – wie so häufig in der Medizin – die richtige und sorgfältige Indikationsstellung“, sagt Janssen.

Dorfner erklärt aus dem Apothekenalltag, dass medizinisches Cannabis nicht nur bei Spasmen, Ticks und Multipler Sklerose, sondern vor allem in der Krebstherapie breite Anwendung finde, indem es Schmerzen lindere und das Hungergefühl steigere. Zudem gäben verschiedene Studien laut Dorfner „erste Hinweise“ darauf, dass Cannabis bei Tumoren wachstumshemmend wirken könnte. Auch bei ADHS sei diese Therapieform seiner Meinung nach „eine gute Option“ für Erwachsene.

„Viele Patienten müssen erst verschiedene Sorten probieren, bis sie bei der richtigen angekommen sind.“ Peter Dorfner, Apotheker

Wie Dorfner erklärt, verschreiben Ärzte je nach Beschwerdebild verschiedene Sorten, die jeweils unterschiedliche Tetrahydrocannabinol-Gehalte (kurz: THC) aufweisen. Grundsätzlich unterscheide man zwischen Indica (Wachmachern), Sativa (zur Beruhigung) und Hybriden (eine Mischung aus beidem), so Alicia Krug, die als Cannabis-Expertin in der Rathaus-Apotheke fungiert. Es komme vor, dass die erste Sorte nicht so anschlägt wie erwartet, sagt sie. Dorfner ergänzt: „Viele Patienten müssen erst verschiedene Sorten probieren, bis sie bei der richtigen angekommen sind.“

Preise für ein Gramm Cannabis wurden zuletzt angehoben

Die Therapiehoheit liege beim Arzt, der das medizinische Cannabis über ein Betäubungsmittel-Rezept verordnet, Apotheker sprächen lediglich Empfehlungen aus, die auf Erfahrungen und Rückmeldungen anderer Patienten basieren, wie Krug erklärt. Sehr häufig würde der Vorschlag von Ärzten aber so übernommen, sagt Sebastian Schaub, Leiter der Rathaus-Apotheke.

Die Preise für medizinisches Cannabis legt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte fest. Erst im Juli 2023 hatte es den Verkaufspreis für ein Gramm von 4,30 Euro auf 5,80 Euro angehoben. Je nach Verordnung variieren die Preise für eine Therapie mit medizinischem Cannabis demnach zwischen einigen hundert, in Einzelfällen sogar bei mehr als 1000 Euro pro Monat. Die Mengen, die Patienten in seiner Apotheke in Neumarkt abholen, variieren zwischen fünf und 140 Gramm pro Monat, sagt Schaub.

„Es hat sich auch gezeigt, dass medizinisches Cannabis kein Allheilmittel ist, nicht bei allen Patienten wirkt und durchaus auch zu relevanten Nebenwirkungen führen kann.“ Frank Janssen, Chefarzt der Schmerzklinik im Neumarkter Klinikum

Jedoch übernehme nicht in jedem Fall die Krankenkasse die Kosten, sagt Dorfner. Etwa 50 Prozent seiner Kunden müssen medizinisches Cannabis selbst bezahlen. Die Patienten inhalieren die Wirkstoffe über einen Verdampfer. Ein sogenannter Grinder, eine Art Mühle, zerkleinert die Blüten zunächst. Anschließend wird die Dosis, in der Regel 0,4 Gramm, in eine kleine Kapsel gefüllt. Das Gerät erhitzt das Cannabis auf etwa 180 bis 200 Grad. In einem abnehmbaren Ventilballon wird der Dampf gesammelt und dann über ein Mundstück eingeatmet.

Vielversprechende Ansätze

Dorfner glaubt, dass Cannabis in der Schmerztherapie „ein Baustein sein wird, an dem man künftig nicht mehr vorbeikommt“. Darüber hinaus gebe es in weiteren Bereichen vielversprechende Ansätze, beispielsweise bei einer Essstörung. Dorfner nennt das Beispiel einer Kundin, der Cannabis das Leben gerettet habe, nachdem herkömmliche Therapieformen nicht angeschlagen hätten. Seit einem dreiviertel Jahr setze die Frau auf das Naturprodukt und habe seitdem deutlich zugelegt. „Cannabis allein hat das Problem nicht gelöst. Aber sie schafft es immerhin, zu essen.“

Wie bei fast jedem Medikament sei auch die Einnahme von Cannabis mit dem Risiko verbunden, dass Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Gewichtszunahme auftreten könnten. Doch die seien im Vergleich zu den Wirkungen des Medikaments zu vernachlässigen, sagt Dorfner. Selbst bei Aspirin seien größere Nebenwirkungen möglich.