Wenn die Seele krank wird: Diakonie will „der Angst das Gewicht nehmen“

Von Heidi Bauer · 2. Oktober 2023 um 11:00

Das Arbeitspensum im Büro wird zu viel, die Prüfung an der Uni stresst, das Geld in der Haushaltskasse fehlt: Angststörungen beginnen meist schleichend. Psychische Erkrankungen nehmen auch im Landkreis massiv zu, werden aber immer noch tabuisiert. Zwei Expertinnen helfen Betroffenen.

Fast jeder dritte Erwachsene erkrankt im Lauf seines Lebens psychisch, doch nur jeder fünfte sucht sich professionelle Hilfe, weiß Psychologin Anita Drefs von der Diakonie NAH. Sie und Andrea Krebs von der Suchtberatung möchten Betroffenen Mut machen.

„Zusammen der Angst das Gewicht nehmen“ lautet das Motto des Aktionstages zum „Welttag der seelischen Gesundheit“, zu dem es auch im Landkreis Neumarkt verschiedene Veranstaltungen geben wird. Psychische Erkrankungen seien ein Thema mitten aus unserer Gesellschaft, würden aber noch immer tabuisiert, stellt Anita Drefs fest. Oft gingen sie mit einer Suchterkrankung einher oder Ängste werden mit Suchtmitteln kompensiert, weiß Krebs aus ihren Beratungen. Ein Teufelskreis.

Wie wichtig das Hilfsangebot der Diakonie im Landkreis Neumarkt ist, belegen die Zahlen: 2022 suchten laut Drefs 530 Menschen – 389 Frauen und 141 Männer – in der Beratungsstelle Unterstützung. Sie wurden in 2649 Gesprächen beraten und begleitet. Das Angebot des Tageszentrums nahmen 137 Personen wahr, durchschnittlich kamen täglich 18 Personen zu dem Beschäftigungsangebot und Hobby-Kontakt.

Hohe Dunkelziffer bei Suchterkrankungen

Andrea Krebs verzeichnete in der Suchtberatung 228 Betreuungen und 2150 Gespräche, überwiegend mit Betroffenen. Die Hauptdiagnose sei Alkoholkonsum gewesen. Das sei aber nur die Spitze des Eisbergs, die Dunkelziffer liege wesentlich höher.

Knapp drei Millionen Erwachsene in Deutschland hätten laut Statistik eine diagnostizierte Alkoholabhängigkeit oder betrieben Alkohol-, genauso viele Medikamentenmissbrauch. Rund 4,5 Millionen Erwachsene konsumierten demnach mindestens einmal im Jahr Cannabis, stellt Krebs heraus. Die häufigste psychische Erkrankung, noch vor den Alkohol- und affektiven Störungen, seien jedoch Angsterkrankungen, betont Drefs.

Gesellschaftliche Entwicklung beschleunigt Spirale

Angst sei ein Symptom vieler psychischer Erkrankungen. Vor allem Menschen, die an einer Depression leiden, seien häufig von Zukunftsängsten geplagt. Die aktuellen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen „triggerten“, beschleunigten diese Spirale.

Um unangenehme Gefühle zu bewältigen, konsumiere ein Teil der Betroffenen Alkohol, Medikamente, Computerspiele und andere Suchtmittel und laufe Gefahr, suchtkrank zu werden. Umgekehrt könne aber der Konsum genauso eine psychische Erkrankung anstoßen. Je länger solche Krisen dauerten, desto mehr Ressourcen und Bewältigungsstrategien müssten Betroffene aufbringen, um dem Druck psychisch standzuhalten.

Hausarzt als wichtige Anlaufstelle

Genau da bräuchten sie Unterstützung. Wer sich überfordert fühle, solle das Gespräch suchen, raten Drefs und Krebs: mit dem Hausarzt, mit Selbsthilfegruppen, mit Beratungsstellen. Sie ermuntern: „Zu uns kann jeder kommen, der sich psychisch belastet fühlt.“

Die Diakonie biete eine erste Orientierung. Und mit der Beratungsstelle für psychische Gesundheit sowie der psychosozialen Suchtberatungsstelle zwei wichtige Anlaufstellen. Sie seien eng vernetzt, wodurch sich schnell klären lasse, wo Betroffene am besten aufgehoben seien, wenn sie sich selbst unsicher fühlen. Datenschutz und Verschwiegenheit seien selbstverständlich.

Ambulante Angebote wichtige Hilfe für Betroffene

Eine ambulante Beratung sei so wichtig, weil Betroffenen oft grundlegende Informationen über Hilfsmöglichkeiten fehlten, sagt Andrea Krebs. Sie betont besonders die Bedeutung des ambulanten Rehabilitations-Angebots der Suchtberatung: Betroffene könnten ihren Alltag während der Therapie fortsetzen und neu erlernte Verhaltensregeln gleich in der Praxis anwenden.

Psychologin Drefs stellt klar: „Eine notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung können wir nicht ersetzen, aber stützende und begleitende Gespräche wie wir sie anbieten, tragen oftmals schon zu einer Stabilisierung bei.“ Maßgeblich für den Erfolg sei, dass der Betroffene sich helfen lassen will.

Jeder könne aber auch etwas für seine psychische Gesundheit tun: Indem man seine Gefühle benennt, soziale Kontakte pflegt, sich mit anderen Menschen austauscht, einen Ausgleich sucht, Sport treibt oder einen geregelten Tagesablauf einhält und einfach herausfindet, was ihm guttut.

Gut zu wissen: Informationen rund um den Aktionstag

Welttag der seelischen Gesundheit: Der Aktionstag am 10. Oktober soll auf das Thema psychische Gesundheit aufmerksam machen und Solidarität mit Betroffenen zeigen.

Nordic Walking: Die Beratungsstelle für psychische Gesundheit veranstaltet Nordic-Walking am 10. Oktober ab 17.30 Uhr (Treffpunkt Rathaus) in Parsberg und am 18. Oktober ab 17 Uhr in Berching (Treffpunkt Mehrzweckhalle) entlang des Main-Donau-Kanals.

Online-Austausch: Da viele Menschen mit Angststörungen Erfahrung mit angstlindernden Substanzen haben, wird Betroffenen am Freitag, 13. Oktober, von 15 bis 16 Uhr ein Online-Austausch mit Suchttherapeutin Kathrin Haag angeboten. Zugangsdaten erhalten Interessierte unter Tel. (09181) 440906, kathrin.haag@diakonie-nah.de.

Beratungsstelle für psychische Gesundheit: Die Diakonie NAH bietet einen Sozialpsychiatrischen Dienst mit Tageszentrum an. Leiterin ist Diplom-Psychologin Anita Drefs , Tel. (09181) 46400, Mail spdi@diakonie-nah.de, www.diakonie-nah.de.

Suchtberatung: Die Bereichsleitung Suchthilfe bei der Diakonie NAH hat Andrea Krebs, Tel. (09181) 440906, andrea.krebs@diakonie-nah.de. Das Büro in Neumarkt findet sich in der Seelstraße 11a.

"Zu uns kann jeder kommen, der sich psychisch belastet fühlt": Psychologin Anita Drefs von der Beratungsstelle für psychische Gesundheit und Andrea Krebs von der Suchtberatung der Diakonie Nürnberger Land/Neumarkt betonen, wie wichtig ambulante Anlaufstellen vor Ort für Erkrankte sind. Foto: Heidi Bauer