Als ein Gastwirt in Hienheim zum Helden wurde und vier Menschen das Leben rettete

25. Februar 1944. Der Zweite Weltkrieg sorgte überall auf der Welt für Tote und Zerstörungen. Das damals kleine Dorf Hienheim war bis dahin vom Krieg weitgehend verschont geblieben. Doch an diesem Tag rückte der Krieg ganz nah an das Dorf. Ein US-Bomber stürzte auf Hienheim zu. Erstmals gibt es jetzt eine ausführliche Darstellung der Ereignisse, bei der an diesem Tag ein Mann zum Helden wurde. Ein Augenzeuge berichtet.
Der 25. Februar 1944 war ein richtiger Wintertag. Der Schnee lag 30 Zentimeter hoch, die Donau führte Treibeis. Seit Tagen schon waren US-Bomber im Anflug auf Regensburg und Obertraubling gesehen worden. Ihr Ziel waren die Messerschmitt-Werke, sie wurden komplett zerstört. Sechs Bomber wurden über der Region abgeschossen, einer stürzte bei Hienheim ab.
Erich Lickleder war damals neuneinhalb Jahre alt und lebte mit seiner Familie in Hienheim. Er erinnert sich im Gespräch mit dieser Zeitung: „Nachdem der Bomber abgestürzt war, war ich auf der Straße und hörte, dass sich beim Wagner-Wirt ein Amerikaner befindet, der mit dem Fallschirm abgesprungen und an der Donau gelandet war. Den Amerikaner wollte ich sehen.“
Der kleine Erich rannte zum Wirtshaus. Draußen vor der Tür sah er drei Männer aus dem Dorf. Einer hatte eine Doppelflinte, ein anderer ein langes Messer und ein dritter eine Heugabel dabei. „Ich bin von hinten rein ins Wirtshaus. Der Amerikaner saß beim Wagner in der Küche und zeigte sein Bein mit einem Wadendurchschuss. Mitten durch den Unterschenkel. So was hatte ich noch nicht gesehen“, erinnert sich der heute 89-Jährige.
Der Mann in der fremden Uniform, der in der Küche saß, war der Navigator des abgestürzten Bombers, Lieutenant William Fedge. Er stammte aus Brooklyn, New York.
Bomben über falschem Ziel
Ein Navigationsfehler war schuld daran, dass es an diesem Tag zu einem Angriff auf Messerschmitt gekommen war. Bei einem ersten Angriff am 22. Februar hatte „der Führungsbomber die Eisenbahnbrücke in Poikam mit der von Sinzing verwechselt“, sagt Messerschmitt-Experte Peter Schmoll. Darum ging alle Bomben, die an dem Tag für das Werk in Regensburg bestimmt waren, bei Bad Abbach nieder.
Da das Werk in Prüfening unbeschadet davongekommen war, folgten am Freitag, 25. Februar 1944, zwei vernichtende Angriffe auf das Werk in Prüfening und noch ein weiterer auf den Fliegerhorst Obertraubling. Insgesamt wurden damit am 22. und 25. Februar 1944 von 537 Bombern 1200 Tonnen Bomben auf Ziele in Regensburg abgeworfen.
Der US-Luftwaffe kosteten die Angriffe auf Regensburg an beiden Tagen 68 Bomber und sechs Jagdflugzeuge. „Dies bedeutete den Verlust von rund 680 Mann des fliegenden Personals“, hat Peter Schmoll recherchiert. Bisher war vor allem die Geschichte eines Bombers bekannt, der bei Langquaid abgestürzt ist. Jetzt kommt dazu die Geschichter der B-24 „Liberator“, die bei Hienheim abgeschossen wurde. Sie war von der Flak in Regensburg getroffen worden, die Besatzung wollte noch irgendwie die neutrale Schweiz erreichen. Aber der havarierte Bomber wurde vom Jagdgeschwader 104 aus Fürth abgefangen und abgeschossen.
„Der Bomber raste noch so gerade über das Dorf hinweg und zerschellte nur wenige hundert Meter dahinter, westlich der Straße nach Laimerstadt“, sagt Peter Schmoll, der die Geschichte des Absturzes ermittelt hat.
Der Aufprall war im Dorf zu hören, die Bevölkerung – Frauen, Kinder, alte Männer – hatte sich in den Häusern versteckt. Neun Mann der Besatzung konnten sich mit dem Fallschirm retten. Einer von ihnen fand sich kurz darauf in der Küche von Gastwirt Georg Wagner in Hienheim wieder. Der betrieb das Gasthaus Forster.
„Ein armer Hund“
Was dort geschah, hat Erich Lickleder selbst erlebt. „Wagner hatte eine Pistole in der Hand. Alles war auf einmal still, denn die Lage drohte zu eskalieren“, sagt Lickleder. 15 Meter vor der Küchentür standen die drei bewaffneten Männer aus Hienheim. „Als die drei sich näherten, brüllte Wagner wieder, wenn einer den Amerikaner anrühre, erschieße er ihn.“
„Der Amerikaner war ein armer Hund, ein schmächtiger Bursche, vielleicht 23, 25 Jahre alt. Er verfolgte die Vorgänge sichtlich nervös“, erinnert sich Erich Lickleder weiter. „Er Amerikaner merkte, dass es hier um sein Leben ging, denn die drei aus Hienheim wollten den verwundeten US-Soldaten offenbar lynchen.“ Dazu kam es aber wohl auch aufgrund der Haltung des Wirts nicht und der Amerikaner blieb unbehelligt. Der Wagner-Wirt – sechs Kinder hatte er nach Recherchen von Stadtarchivar Mattias Pöppel – blieb standhaft.
Peter Schmoll ist überzeugt: „Der Wirt hat dem Amerikaner das Leben gerettet – und den drei Hienheimern.“ Schmoll erklärt: „Wäre der US-Flieger von den drei Männern getötet worden, so hätte das nach Kriegsende für die drei Männer das Todesurteil bedeutet. Alle ungeklärten Todesfälle von US-Fliegern wurde nach Kriegsende von amerikanischen Behörden untersucht. Wurde eine Tötung oder Verletzung durch deutsche Staatsbürger vermutet, so wurde eine ‘War Crime Investigation‘ durchgeführt.“ Es gab deshalb in Deutschland zahlreiche Todesurteile gegen Personen, die US-Flieger getötet hatten. Deutsche, die einen abgesprungenen Flieger verprügelten oder anderweitig verletzt hatten, wurden mit Zuchthaus bestraft.
Versuche, Nachfahren des Wirtes Georg Wagner ausfindig zu machen, sind bisher ergebnislos geblieben. In den Unterlagen der einst selbstständigen Gemeinde Hienheim findet sich keine Eintragung über den Bomberabsturz, hat Matthias Pöppel, Stadtarchivar in Neustadt a.d. Donau, recherchiert. Die Absturzstelle ist heute nicht mehr erkennbar. Der GI wurde nach Kelheim und am nächsten Tag zum Fliegerhorst Manching gebracht.
Erich Lickleder sagt: „Was an dem Tag passiert ist, werde ich nie vergessen.“




