Nach App für sicheren Heimweg: Junge Gründer feiern Erfolg mit Arbeitssicherheits-Software

Von Franziska Mahler · 22. Februar 2024 um 05:00

Mehr als 800.000 Arbeitsunfälle passieren jährlich in Deutschland. Ein Gründer-Duo aus Regensburg verwandelt Smartphones deshalb in ein Notsignal-Gerät für Arbeitnehmer. Begonnen hat jedoch alles vor zehn Jahren in Regensburg mit einer App, die Frauen einen sicheren Heimweg ermöglichen soll.

Es ist mitten in der Nacht. Der Nachhauseweg führt durch dunkle Gassen und vorbei an düsteren Gestalten. Ständiger Begleiter: ein unsicheres Gefühl. Regensburger, und vor allem Regensburgerinnen, kennen dieses Szenario. Aktuell wird die Sicherheitslage für Frauen rund um den Regensburger Hauptbahnhof bundesweit diskutiert. Auch 2013 war das Thema schon präsent. Die Maschinenbau-Studentin Katharina Hochmuth wollte dem unwohlen Gefühl entgegenwirken. Wie der Zufall will, traf sie im Studium an der OTH Regensburg auf Tim Hautkappe, ein Softwareentwickler, der nur noch auf die richtige App-Idee gewartet hatte: der Beginn von „KommGutHeim“.

Die Nachfrage nach der App war groß

„Die App ist wie ein Freund, der einen auf dem Nachhauseweg begleitet“, sagt Hautkappe im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern. Über den Start-up-Wettbewerb „5-Euro-Business“ fing alles an: Unternehmensgründung, Mentoring, Networking. Im Februar 2014 ging die App an den Start – und den Wettbewerb gewann das damals noch dreiköpfige Gründer-Team auch. Die Nachfrage war groß, denn Funktionen wie die WhatsApp-Standortfreigabe gab es noch nicht. Auch habe es nicht viel Konkurrenz auf dem Markt gegeben, sagt Hautkappe.

Mittlerweile, zehn Jahre nach der Einführung, nutzen „KommGutHeim“ rund 100.000 Menschen. Einen großen Zuwachs gebe es vor allem zu Zeiten des Oktoberfests und Karnevals, so der 32-Jährige.

Der Gründungsgedanke war, Frauen einen sicheren Nachhauseweg zu ermöglichen. Die Zielgruppe hat sich jedoch gewandelt. Auch Mütter, Sportler, Wanderer und Senioren verwenden die App. Dabei kann ausgewählt werden, welchen Kontakten man wann Zugriff auf seinen Standort erlaubt. Diese können den Weg dann live mitverfolgen. Mit einem Notfallbutton werden sie im Ernstfall benachrichtigt.

Gründer haben ein Freemium-Modell eingeführt

Der Zweck der App ist gut – deshalb sollte sie auch ein Gratis-Angebot sein. Doch für die Gründer entstanden Kosten. 2015 monetarisierten sie die App deshalb mittels eines Freemium-Modells. Das heißt: Das Basispaket ist kostenlos – in diesem Fall die Wegbegleitung und eine Alarmierung der Kontakte via Mail. Will man seine Kontakte aber über SMS oder Telefon im Ernstfall benachrichtigen, muss man die App kostenpflichtig erweitern. Doch auch dieses Bezahlmodell reichte nur, um die eigenen Ausgaben zu decken , sagt Hautkappe. „Das ist aber in Ordnung. Es ist unser kleines, soziales Projekt.“

Weg vom sozialen Projekt, hin zu einer gewinnbringenden Software: Mit diesem Gedanken wagten sich Hochmuth und Hautkappe 2020 nach Berlin und erhielten ein Start-up-Stipendium. Auch dieses Mal sollte es um das Thema Sicherheit gehen, aber nun mit Fokus auf Unternehmen. „Calima“ heißt die App, die ein Notfallsystem für Alleinarbeiter bietet.

Ex-Regensburger rücken Arbeitssicherheit in den Fokus

Vor allem im Außendienst und in der Industrie kommt es vor, dass Arbeitnehmer auf sich allein gestellt sind. Der Arbeitgeber ist dann verpflichtet, eine besondere Gefährdungsbeurteilung durchzuführen und daraus Maßnahmen abzuleiten. Er muss gewährleisten, dass nach einem Notfall unverzüglich Erste Hilfe geleistet wird – zum Beispiel durch eine Personen-Notsignal-Anlage.

Die Gründer schlüsseln die Relevanz des Themas Arbeitssicherheit auf: Mehr als 800.000 Arbeitsunfälle passieren jährlich in Deutschland – 450 enden tödlich. Ungefähr 260.000 Menschen erleiden jährlich einen Schlaganfall oder Herzinfarkt – 70.000 verlaufen tödlich. Zwischen 2010 und 2019 gab es einen Anstieg von Gewaltvorfällen am Arbeitsplatz um fast 50 Prozent. Und in jedem Fall gilt: „In Notfällen zählt jede Minute“, sagt Hautkappe.

Keine ständige Überwachung

Doch Unternehmen würden vorwiegend noch teure Hardware verwenden. Mit „Calima“ schaffen Hautkappe und Hochmuth eine günstige, flexible, schnelle und leicht bedienbare Lösung für Smartphones. Die Notfallauslösung kann manuell vom Arbeitnehmer erfolgen oder automatisch, wenn zum Beispiel ein Sturz oder Bewegungslosigkeit erkannt wird. Daraufhin wird der Standort präzise bestimmt. Aber wie auch bei „KommGutHeim“ gibt es keine dauerhafte Standortüberwachung und die Datenschutzrichtlinien werden eingehalten.

2021 haben die ehemaligen Regensburger mit der App gestartet, heute haben sie einen Kundenstamm von mehr als 300 Unternehmen, unter anderem der Brauereikonzern Carlsberg, DB Schenker und das Maschinenbauunternehmen Caterpillar. 15 Mitarbeiter verstärken das Duo mittlerweile – Hautkappe ist für den technischen Bereich und Hochmuth für den Vertrieb zuständig. Im vergangenen Jahr ist das Unternehmen profitabel geworden. Eine halbe Millionen Euro Umsatz wurde erzielt, sagt Hautkappe.

Für die Zukunft haben sich die ehemaligen OTH-Studenten mit „Calima“ hohe Ziele gesetzt, zum Beispiel eine Expansion auf den europäischen Markt. Ihr Herzensprojekt „KommGutHeim“ aufzugeben, kommt aber nicht in Frage.

Den roten Notfallknopf kann der Arbeiter automatisch bedienen. Die Software erkennt aber auch Bewegungslosigkeit. Foto: Calima