Ja zum Amazon-Logistikzentrum: Rohrer Markträte entscheiden unter Polizeischutz

Von Alexandra Nurtsch · 21. Februar 2024 um 19:00

Mehr als 100 Zuschauer verfolgten am Dienstagabend die Entscheidung im Rohrer Marktrat zum Logistikpark in Stocka. Mit deutlicher Mehrheit ebnete er den Weg für die Ansiedlung des Online-Händlers Amazon. Die Bürgermeisterin wollte für etwaige Zwischenfälle gerüstet sein – und informierte die Polizei.

Da nur 100 Gäste im Sportheim erlaubt waren, musste der Rest im Vorraum, bei geöffneter Saaltür, ausharren. Sie erlebten eine deutliche Entscheidung. Mit 15:2 Stimmen sprachen sich die Markträte – unter Polizeischutz – für die Änderung des Flächennutzungsplans in ein Sondergebiet Logistik und die Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplan aus. Damit machten sie den Weg für die Ansiedlung des Amazon-Logistikzentrums frei.

Mit Tumulten habe sie nicht gerechnet, sagte Bürgermeisterin Birgit Steinsdorfer am Mittwoch auf Nachfrage. Es sei ihr wichtig gewesen, dass unabhängige Personen vor Ort seien, falls es zu Zwischenfällen komme. Darum habe sie die PI Mainburg informiert. Die rückte mit sechs Mann an, am Ende konnte PI-Leiter Martin Wuchterl von einem „ruhigen Abend“ sprechen.

Proteste vor der Sitzung

Die Polizeipräsenz bei der Marktratssitzung sorgte bei vielen für Unverständnis. „Scheinbar haben sie Angst“, sagte einer der Projektgegner, die sich vor der Sitzung mit Transparenten vor dem Sportheim versammelt hatten. „Warum wollt ihr unsere Heimat verkaufen? Ihr werdet benutzt“ oder „Wann wacht ihr auf? – Geld kann man nicht essen“ war darauf unter anderem zu lesen.

Der Oberschambacher Rainer Feil sieht in dem Projekt „einen riesen Umbruch für die Gegend“. „Da kommen Sachen auf uns zu, die wir noch gar nicht abschätzen können“, sagte er und verwies auf fehlende Arbeitskräfte, den fehlenden Bahnanschluss, die geplanten Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor und die Verkehrsbelastung auch für seinen Ort.

Einige Meter weiter stand Josef Stiglmeier mit seinem Traktor. Er warnte vor dem „Verkauf der Heimat“ und befürchtet, dass der Logistikpark erst der Anfang sei. Er werde weiter gegen das Projekt kämpfen, „bis zum Ende“.

„Brandbrief“ geschrieben

Doch die Projektgegner fanden bei den Markträten kein Gehör, genauso wenig wie die Bürger von Bachl, Scheuern und Birka, die sich in einem Brandbrief an Steinsdorfer, Landrat Neumeyer und die Markträte gewandt hatten. Darin hatten sie auf den „extrem ausufernden Verkehr“, die „Dauerbeleuchtung des Logistikparks“ und den „enormen Wertverlust“ ihrer Häuser hingewiesen.

In der Sitzung, in der die Markträte zu Beginn einstimmig beschlossen hatten, keine Bild- und Tonaufnahmen zu erlauben, ergriff Bachls Ortssprecher Josef Krottenthaler das Wort. Er kritisierte neben dem Flächenverbrauch auch, dass die Markträte die E-Mail mit den finalen Plänen mit 14 Anhängen und 200 Seiten erst wenige Tage vor der Sitzung erhalten hätten, um eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Zwei Gegenstimmen

Der Marktrat habe sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und auch „abwegige Diskussionen“ geführt, um sich ein allumfassendes Bild zu machen, sagte Konrad Lausser von der Bürgerliste 2020. „Kann uns was Besseres passieren, als dass sich ein Unternehmen einer zukunftssicheren Branche bei uns ansiedelt?“, fragte er. Es sei „grob fahrlässig“, die Chance nicht zu nutzen.

Dagmar Günther von den Grünen hatte ob der riesen Fläche Bauchschmerzen. Doch der Boden sei landwirtschaftlich nicht nutzbar, um ihn sei es „nicht wirklich schade“. Walter Fuchs von der CSU sagte, die Ansiedlung von Amazon könne den gefährdeten Wohlstand in der Region und Arbeitsplätze für die nächste Generation sicherstellen. Mit Verweis auf die wirtschaftliche Situation sagte Petra Lütz: „Wir haben gar keine andere Wahl.“ Am Ende stimmten nur Georg Riedl (SPD) und Siegfried Steinberger (fraktionslos) gegen das Projekt.

Pläne werden ausgelegt

Bürgermeisterin Birgit Steinsdorfer hatte im Vorfeld gehofft, dass sich im Marktrat eine breite Mehrheit für das Projekt findet. Der Start des Bauleitplanverfahrens sei ein wichtiger Schritt. In rund zwei Wochen können die Pläne im Rathaus und auf der Homepage des Marktes Rohr eingesehen werden, dann können im Rahmen der öffentlichen Beteiligung auch Bürger ihre Stellungnahmen abgeben.

Nach der Sitzung standen zahlreiche Gäste der Sitzung zusammen und diskutierten über die Entscheidung, darunter auch der ehemalige Bürgermeister Andreas Rumpel und Roland Weiß. Für den Vorsitzenden der Bürgerinitiative BIA war das Ergebnis klar, doch elementare Probleme seien nicht gelöst. „Es müssen mehr Kanonen schießen als nur die BI. Wir finden kein Gehör mehr.“

Weiß hofft nun auf die Unterstützung der Bürgermeister der angrenzenden Gemeinden. Er wird sich am Freitag mit MdL Ruth Müller (SPD) treffen, um mit ihr über das Thema zu sprechen. Auch Andreas Rumpel sieht das Amazon-Logistikzentrum kritisch. „Der Raum verkraftet das nicht.“ Er freue sich, wenn es auf dem Gelände vorangehe, aber es müsse zur Region passen und da sehe er ein großes Fragezeichen.

Logistikpark Stocka: Das ist geplant

Der Online-Händler Amazon will auf der Westseite des Logistikparks Stocka auf einer Fläche von 23 Hektar ein Logistikzentrum errichten. Die Pläne sehen eine viergeschossige, 370 Meter lange und 25 Meter hohe Halle vor. Im Erdgeschoss befinden sich Verwaltungs- und Prozessbereich. In den drei Obergeschossen sind Roboter-Regallager.

Weiter ist auf dem Areal ein Parkhaus mit vier Ebenen und etwa 842 Parkplätzen vorgesehen. Die Dächer werden zum Teil begrünt, zum Teil mit einer PV-Anlage bestückt. In dem Logistikzentrum wird montags- bis samstags rund um die Uhr gearbeitet. Maximal 2676 Menschen sollen dort beschäftigt werden, stellte Rohrs Geschäftsleiter Bernhard Loibl das Vorhaben in der Sitzung vor.

Auf der Ostseite des Geländes, das durch die Staatsstraße 2230 getrennt wird, ist eine 14 Meter hohe und maximal 258 Meter lange Halle für bis zu sechs Nutzer geplant, der Panattoni-Park. Der Projektentwickler Panattoni geht von maximal 314 Beschäftigten aus. Als Betriebszeiten wurden in der Vorhabenbeschreibung rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche angegeben.

Bürger aus Schambach und Offenstetten hatten sich mit Transparenten vor dem Sportheim versammelt. Fotos: Nurtsch
Josef Stiglmeier will weiter demonstrieren.