Neumarkter hortet riesige Kinderporno-Sammlung – Herausragender Fall für Richter und Staatsanwältin

Von Petra Schlierf · 19. Februar 2024 um 17:00

Fast eine Viertelmillion Fotos und Videos mit Kinderpornos hat ein Mann aus Neumarkt über viele Jahre gehortet und mit anderen geteilt. Bis die Polizei vor der Tür stand. Jetzt musste sich der 47-Jährige vor dem Amtsgericht Neumarkt verantworten und beteuerte: „Ich wollte kein Monster sein.“

Es sind zwei unscheinbare Festplatten, die eine kaum vorstellbare Datenmenge mit nicht minder fassbarem Leid enthalten: Sie und der Mann, der sie über viele Jahre gesammelt hat, standen am Montag im Mittelpunkt einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Neumarkt. Am Ende musste der erfahrene Strafrichter Rainer Würth feststellen: „Bei dieser Menge sind Sie der traurige Spitzenreiter bei mir.“

Die schiere Menge an kinderpornografischen Darstellungen war dabei nicht nur für den Richter bemerkenswert, auch für die Staatsanwältin, die sich seit Jahren fast ausschließlich mit Jugendschutz-Delikten befasst, war diese Masse außergewöhnlich: weit über 200000 Fotos und tausende Videos, manche davon 20 Minuten lang, hatte der Angeklagte gehortet.

Angeklagter berichtet, als Kind selbst missbraucht worden zu sein

Noch nie habe sie einen Fall mit so vielen Bilddateien gehabt, zumal es sich auch um außerordentlich schlimme Darstellungen handele, so die Staatsanwältin. Viele Aufnahmen, die explizit sexuellen Missbrauch von Kindern zeigten, darunter Mädchen mit sechs oder sieben Jahren, schilderte die Anklage exemplarisch.

Wer hortet solche Bilder in diesen Mengen? Ein Monster? Das ist eine Frage, die sich der angeklagte 47-Jährige offenbar auch selbst viele Jahre gestellt hat. „Ich hatte Angst. Ich wollte kein Monster sein“, sagte der Neumarkter. Selbstverleugnung sei ein großes Thema gewesen, sagte sein Verteidiger Steffen Lindberg in einer Erklärung. Seinem Mandanten sei sehr wohl klar gewesen, dass die kinderpornografischen Darstellungen illegal und seine Neigungen behandlungsbedürftig sind.

Dass er sich zu Kindern sexuell hingezogen fühlt, habe er laut der Erklärung seines Verteidiger schon als junger Erwachsener bemerkt. Als er sich online legale Pornografie angesehen habe, sei er auf Darstellungen von Kindern gestoßen und habe bemerkt, dass ihn das anspreche. Mit der Zeit habe er sich immer tiefer in die illegalen Bereiche begeben, auf Tauschbörsen riesige Datenpakete heruntergeladen und zum Teil auch anderen Nutzern zum Herunterladen angeboten. Deswegen musste sich der 47-Jährige am Montag nicht nur wegen des Besitzes, sondern auch wegen Verbreitung von Kinderpornografie verantworten.

Auf der Anklagebank nahm ein unscheinbarer Mann Platz. Der Neumarkter geht einer geregelten Arbeit nach, doch immer wieder haben ihn persönliche Krisen aus der Bahn geworfen. Von Heimaufenthalten als Kind, psychischen Erkrankungen, Suizidgedanken, Burn-Out, mehreren Therapien berichteten er und sein Verteidiger. In solchen persönlichen Krisen habe sich der Angeklagte verstärkt ins Internet geflüchtet, formulierte Steffen Lindberg.

Richter Rainer Würth widmete sich intensiv der Lebensgeschichte des Angeklagten, denn den Anklagevorwurf selbst gab der 47-Jährige unumwunden zu. Trotz aller Rückschläge habe der es immer wieder geschafft, sich aus Krisen herauszuarbeiten, auch mit Hilfe von Therapeuten.

Ob die Kinderpornografie da mal Thema gewesen sei, wollte Würth wissen. Er habe über alles gesprochen, nur darüber nicht, sagte der Neumarkter – aus Angst, als Monster abgestempelt zu werden. Er wollte „nicht so einer sein“. Aufhören konnte er trotzdem nicht. Selbst als Beziehungen zerbrochen waren, nachdem die Frauen seinen Kinderporno-Konsum entdeckt hatten.

Gesetzesverschärfung: Gefängnisstrafe nur knapp entkommen

Mit dem Tag der Wohnungsdurchsuchung im Juni 2021 endete die Selbstverleugnung des Neumarkters unfreiwillig. Die Kripo fand die beiden prall gefüllten Festplatten, Sachverständige werteten sie aus. Wegen der Masse zog sich das Verfahren lange hin. Seit der Entdeckung stelle sich der Angeklagte seinem Problem, betonte der Verteidiger. Er sei in Therapie und voller Reue und Scham. Er selbst gab in der Hauptverhandlung an, von seiner Mutter sexuell missbraucht worden zu sein. Gerade deswegen schäme er sich so: „Ich bin ja selbst körperlich und seelisch misshandelt worden. Ich weiß ja, wie es ist.“ Dass frühere Opfer später selbst zu Tätern werden sei gar nicht so selten, merkte Rainer Würth an.

Reue, Selbsterkenntnis und der Wille, am eigenen Verhalten zu arbeiten, all das glaubten ihm Anklage und Schöffengericht am Ende. Und es rettete den Angeklagten ganz knapp vor dem Gefängnis.

Die Staatsanwältin hatte zwei Jahre Haft auf Bewährung gefordert, obwohl die Qualität des dargestellten Missbrauchs schlimm, viele Kinder so jung und die Anzahl der Aufnahmen so hoch ist. Die besonderen Umstände für eine Bewährung sah sie hier gerade noch gegeben, da der Neumarkter von sich aus Hilfe gesucht habe und sich selbst in schwierigen gesundheitlichen und psychischen Lebensumständen befand. Diesen Antrag konnte sich Verteidiger Lindberg anschließen.

Zum Hintergrund: Die Verschärfung des Strafrahmens für Verbreitung, Erwerb und Besitz von Kinderpornografie greift in diesem Fall noch nicht. Die Hochstufung vom Vergehen zum Verbrechen mit höheren Strafen traf erst knapp vier Wochen nach der Durchsuchung der Wohnung in Kraft.

Das Schöffengericht verurteilte den Mann schließlich zu zwei Jahren Haft auf Bewährung sowie 2000 Euro Geldauflage. Dazu kommen die immensen Kosten des Verfahrens, die wegen des IT-Sachverständigengutachtens wohl mehrere 10000 Euro betragen werden. Die Sexualtherapie legten dem Angeklagten alle Seiten nahe, im Urteil ist sie aber nicht festgeschrieben, denn es sei im Neumarkter Raum „extrem schwierig, zeitnah einen Platz zu bekommen“, erklärte Würth. Doch wenn wieder etwas sei, gehe es in den Knast, dann könne der Angeklagte „das Zahnbürstl gleich mitbringen“.