Der Landkreis Cham steht auf für Demokratie und macht den Volksfestplatz bunt

Von Johannes Schiedermeier · 18. Februar 2024 um 15:37

Die Schätzungen von Polizei und Veranstalter gehen auseinander: Zwischen 2500 und 4500 Menschen aus dem ganzen Landkreis haben sich am Samstag auf dem Volksfestplatz versammelt. Sie demonstrierten mit Bannern und Plakaten unter dem Motto „Cham ist bunt“ für die Demokratie. Nach fast zwei Stunden verließen sie den Platz mit einem klaren Auftrag: heimzugehen und jeder an seinem Platz einzutreten für die Werte ihrer Republik.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung kamen die ersten auf den Volksfestplatz. „Hubert, wo bist Du heute?“, lautete ihre Inschrift auf Pappe. Da hatte wohl schon einer eine Vorahnung, dass der Freie Wähler-Chef diese Gesellschaft meiden würde. „Hitler wurde auch demokratisch gewählt“, hieß es auf den Schildern, oder: „Wenn die AfD die Antwort ist, wie dumm war dann die Frage?“ „Menschenrechte statt rechte Menschen“, forderte ein anderes Transparent.

Der Beginn zog sich hin, weil viele zu spät kamen. „Wir mussten am Biertor parken“, erzählte ein Ehepaar. Das Organisationskomittee um Günther Lommer war zufrieden mit einem zu drei Vierteln gefüllten Volksfestplatz. „Es hat sich gelohnt“, erklärte Lommer, der die Kundgebung auf der Bühne moderierte. Viel Beifall erhielt er, als er auf den Tod von Alexei Nawalny zu sprechen kam: „So gehen Diktaturen mit ihren Gegnern um!“

„Es ist Zeit, dass die schweigende Mehrheit Flagge zeigt“, sagte Bürgermeister Martin Stoiber als erster Redner. Es gelte an diesem Tag, öffentlich Farbe zu bekennen: „Cham ist so bunt wie sein Regenbogen.“ Stoiber erinnerte an die Bedeutung der offenen Grenze und die internationalen Patenschaften der Stadt und forderte: „Nie wieder!“ und: „Sei ein Mensch!“

„Die rechte Hetze ist da!“

Hannah Bauer (17) vom Benedikt-Stattler-Gymnasium berichtete über eine Schmiererei in einer Chamerauer Unterführung: „Hashtag Remigration – stand da. Ich war schockiert. Damit hatte ich auf dem Weg zum Supermarkt nicht gerechnet!“ Die rechte Hetze sei längst in unserer Mitte angekommen. „Hashtag – das ist ein Teil meiner Generation gewesen“, sagte sie und verwies auf die Zahlen einer Jugendwahl: 22 Prozent der 14 bis 18-Jährigen hätten da AfD gewählt. Dabei müsse gerade ihre Generation den Rechtsruck fürchten, die sich zu 20 Prozent zur queeren Community bekenne: „In der AfD-Gesellschaft ist kein Platz für jemanden, der nicht ins Weltbild passt!“ Außerdem leugne diese Partei den Klimawandel und könne schon in einer Legislaturperiode die Existenz der Menschen und des Planeten gefährden.

Pfarrer Ralf Heidenreich forderte: „Wehret den Anfängen und achtet auf die Mitmenschen, gerade wenn sie anders sind.“ Im Diskurs, der zur Demokratie gehöre, dürfe nie Anstand und Respekt vergessen werden. „Nehmen wir den Tag zum Anlass, alles Braune und Dunkle draußen zu lassen und für das Gute zu kämpfen!“

Tanja Haas sprach für den Verein „Leben ohne Behinderung“ (LoB). Sie bedauerte Björn Höcke, der gesagt habe, dass die Integration behinderter unsere Kinder nicht weiter- bringe. Inklusion sei ein unerfüllbarer Traum, habe der AfD-Vordenker gesagt. „Das tut mir Leid für ihn. Ich habe da in Cham sehr viel anderes erlebt.“ Die AfD wolle diese Menschen wieder am Rand der Gesellschaft haben. „Das hatten wir schon einmal. Wollen wir das wieder zulassen?“, fragte Haas.

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sprach Marian Janka: „Die AfD spricht von Remigration und meint damit Deportation.“ Janka umriss die Folgen der Ausweisung von Mitarbeitern in den Betrieben: „Der Druck wird steigen, die Wirtschaft gerät ohne diese Arbeitskräfte in Schieflage. Am Arbeitsplatz zählen der Mensch und der Respekt davor. Die AfD steht für Hetze und Spalterei. Wir brauchen Politik für die Menschen.“

Die evangelische Dekanin Ulrike Dittmar ernnerte an das Gleichnis vom barmherzige Samariter. „Jeder“, habe Jesus auf die Frage geantwortet, wer der Nächste sei.Das sei das Fundament ihres Glaubens und deswegen stehe sie hier. Das Aufstehen für Demokratie sein ein Aufstehen für gleiche Werte und gleiche Würde eines jeden Menschen und das seien nicht die Werte der AfD. „Danke, das sie mit aufgestanden sind“, so Dittmar.

Tanja Federl sprach als Mitglied des Bündnisses für Toleranz und Menschenrechte. Jahrelang hätten viele das Aufkeimen der Rechtsradikalismus gleichgültig hingenommen: „Heute stehen wir endlich hier!“ Die Abgrenzung der Ausgegrenzten sei fließend. Wenn ethnische Wurzeln nicht mehr ausreichten als Feindbild, dann richte sie sich gegen die queere Community. „Diese Leute sind jetzt ein beliebtes Ziel der Rechten:“ Unter rechten Hetzparolen sinke die Hemmschwelle. Jeder, der jetzt nach Hause gehe, dürfe in seinem Umfeld nicht zulassen, dass rechte Hetze sich ausbreitet.

Mehr Probleme hatte zunächst BBV-Kreisobmann Franz Holzapfel. Er erntete für die erste Hälfte seiner Rede Pfiffe und Buhrufe, weil er für die politischen Ziele der Bauern sprach. Er kehrte zum Thema zurück und stellte fest, die Bauern seien Demokraten und hätten kein Interesse an Rechtsradikalen: „Solche Partner brauchen wir nicht!“ Dafür bekam er Applaus.

Für den Rodinger Multi-Kulti-Verein trat Dr. Patrick Dawah ans Rednerpult. Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus gehörten auch im Landkreis Cham zum Alltag. „Das kann nicht sein. Wir alle sind Migranten. Alle stammen ursprünglich von den selben Menschen ab“, erinnerte er an die Anfänge der Menschheit. Der Rodinger Mukltikultiverein beweise seit elf Jahren, dass ein Zusammenleben aller Kulturen unter gegenseitigem Respekt und Wertschätzung möglich sei.

Uwe Mißlinger, Direktor am Fraunhofer-Gymnasium, erinnerte sich an den Stolz, als 2006 seine Heimatstadt Cham 7000 Menschen gegen die NPD auf den Marktplatz gebracht habe. „Solche Tage sind es, die uns Mut und Hoffnung geben und uns durch die nächsten Tage tragen.“ Das alleine reiche aber nicht. Jeder müsse mehr Farbe bekennen: bei Feiern, im Vereinsheim, am Arbeitplatz.

Wie lief das 1932?

Es gelte den Mund aufzumachen bei blöden Witzen, doofen Posts und komischen Ansichten. Ich habe die eine oder andere blöde Anmache bekommen und die Konsequenz gezogen: Ich stehe trotzdem hier oben“, so Mißlinger. Er forderte die Demonstranten auf, für ihre Freiheit zu kämpfen und nicht darauf zu warten, dass der Staat das tut: „Wer nicht wählt, wählt unsere Freiheit ab. Wir sind nicht mehr, wir sind viel mehr“, schloss Mißlinger, der viel Beifall erhielt.

Den bekam auch Landrat Franz Löffler, der als Höhepunkt seiner Rede einen Ausflug in die Geschichte wählte: Die NSDAP habe 1932 in zwei Wahlen nur etwas mehr als 19 Prozent bekommen. Im März 1933 seien es 34 Prozent gewesen: „Zwei Monate später gab es keine Demokratie mehr, keine Freiheit mehr und keinen Weg zurück. Und die Demokratie hatte die Kraft nicht mehr, dagegen aufzustehen! “ Die Werte der Verfassung seien einzigartig. „Halten wir zusammen, dass sie weiter gelten“, so Löffler. Die heutige Demo sei ein starkes Zeichen in bewegten Zeiten.

Der Widerstand wächst, versprachen junge Familien mit einem Plakat am Kinderwagen.
Fahnen, Plakate, Transparente und Regenschirme sorgten für ein buntes Bild.
Impressionen von der Demo für Demokratie.
Schön, dass es uns alle gibt war einer der Slogans.
Landrat Franz Löffler zog Vergleiche mit der Entwicklung 1932.
Auch Kinder waren dabei und hatten Plakate gebastelt.
Impressionen von der Demo für Demokratie.
Günther Lommer moderierte die Kundgebung.
Dr. Patrick Dawah sprach für den Rodinger Multikulti-Verein.
Viel Beifall erhielt JvFG-Diorektor Uwe Mißlinger.
Hitler wurde auch demokratisch gewählt – daran erinnerte ein Plakat.
Impressionen von der Demo für Demokratie.
Für den BBV trat Kreisobmann Franz Holzapfel ans Mikro.
Umrahmt wurde die Kundgebung durch Beiträge der Kreismusikschule und der Kolpingmusik.
Da Woid ist bunt lautete ein Motto auf einem Papp-Plakat.
Impressionen von der Demo für Demokratie.