Xaver Meier war der letzte Dorfschmied in Harrling und ein beliebter Hobby-Musikant

Schon lange ist es her, als noch die schweren und hellen Hammerschläge aus der Harrlinger Dorfschmiede zu hören waren. Es war zu einer Zeit, wo in diesem kleinen Dorf noch viele Handwerker zuhause waren, vor allem aber ein Schmied. Ein Schmied war unentbehrlich und er hatte zu jeder Jahreszeit seine Arbeit.
Nicht nur die großen Bauern nahmen sein handwerkliches Können stetig in Anspruch, sondern auch die vielen kleinen Landwirte brauchten ihn, auch wenn diese nur eine stumpfe Pflugschar zum Dengeln hatten.
So war es auch in Harrling. Xaver Meier hieß der Schmied, der letzte im Dorf. Am Ortsrand, dort wo es den Schatzberg hochgeht, hatte er sein Haus, in dem sich auch die Schmiedewerkstatt befand. Diese war eigentlich ein großes „Flez“. Der Boden war mit schweren und dicken Granitplatten ausgelegt, und in der hinteren Ecke befand sich die schwarz verrußte Esse.
Dicht daneben ein großer Blasbalg, der mittels einer Stange mit dem Fuß betätigt werden konnte. Unmittelbar davor war ein großer Granitblock mit einem mächtigen Amboss darauf. Schwere Schmiedehämmer und große Zangen lagen dicht daneben.
Gar andachtsvoll standen wir Dorfkinder oft in dieser Schmiede und sahen zu, wenn das glühende Eisen mit wuchtigen Schlägen geformt und dann unter lautem Zischen im kalten Wasser abgekühlt wurde. Kamen wir Kinder dabei dem Schmied zu nahe, so ging er mit Schimpfworten gar nicht zimperlich um, und wir wichen schleunigst zurück.
Spangerl für die Holzchuhe
Interessant war so eine Schmiede immer. Nicht nur wegen der vielen Werkzeuge, sondern auch wegen dem, was ein Schmied so alles machen konnte. Von den Pflugscharen, die besonders im Herbst oft gedengelt werden mussten, bis hin zum Wagenrad, den Zugscheiteln und verschiedensten bäuerlichen Werkzeugen.
Im Winter standen dann die neuen Wägen vor der Schmiede, die gerade aus der Wagnerwerkstatt kamen und auf das Beschlagen warteten. Im Winter bekam der Schmied auch von den Kindern ganz besondere Aufträge. Er musste nämlich Spangerl anfertigen, die während des Krieges und noch Jahre danach hoch im Kurs standen.
Diese Spangerl waren etwa 20 Zentimeter lang und aus Rundeisen, an beiden Enden gebogen und scharf gespitzt, so dass man sie in die dicke Holzschuhsohle einschlagen konnte. Je Schuh brauchte man zwei Stück davon. Zur vollständigen sportlichen Ausrüstung gehörte auch noch ein Haselnussstecken, der mit einer scharfen Eisenspitze versehen war und zum Anschieben diente. All das musste unser Dorfschmied natürlich mit der Hand anfertigen, doch er tat es in der damals schlechten Zeit nicht für Geld, sondern in den Zeiten der Lebensmittelkarten nur für Fleischmarken von den Zuteilungskarten. Und das war bitter für uns Kinder.
Inbrünstig wurde daheim darum gebettelt und Mutter trennte dann stillschweigend ein „Makerl“, auf dem 100 Gramm Fleisch draufstand, von der Karte. Frohgemut liefen wir dann zum Schmied und bekamen so unsere Spangerl.
Unser Dorfschmied war aber auch ein guter Gesellschafter und vergönnte sich liebend gern nach Feierabend eine Maß Bier.
Im Dorfwirtshaus war er selten alleine und so gab es auch immer einen Diskurs. Und wie es halt so ist, wurde nach der zweiten und dritten Maß oft gehänselt, was aber gar nicht ernst gemeint war. Stand dann einmal der Dorfschmied im Mittelpunkt dieser Hänseleien und fiel dabei das Wort „Pfeifferlschmied“, dann sprach dieser laut und deutlich „Einen Liter“, was er noch mit einem lauten Klopfen mit dem Gehstock bekräftigte. Alle Stammtischbrüder am Tisch wussten nun, was folgen musste. Lautlos stellte der Wirt eine Maß auf den Tisch, die nun dem Schmied gehörte und von dem, der vorher den Schmied gefrotzelt hatte, bezahlt werden musste.
So ging es oft den ganzen Abend hindurch bis in die späte Nacht. Selten gingen sie auseinander, ohne dass das „Fern bei Sedan“, ein Soldatenlied aus dem Ersten Weltkrieg, in allen Tonarten gesungen wurde. Der Harrlinger Dorfschmied hatte aber auch musikalische Talente. Gab es im Dorf Umzüge jeglicher Art, an denen auch Musikkapellen beteiligt waren, so schlug er trotz seiner Gehbehinderung oftmals die große Trommel, die nicht zu überhören war.
Ein Spaß am Biertisch
Einmal jedoch passierte bei einem „Nachtrunk“ in der Wirtschaft folgendes. Wieder ging es dabei sehr musikalisch zu, und der alte Schmied wurde gedrängelt, es einmal mit der Trompete zu versuchen. Das ließ sich dieser nicht zweimal sagen, setzte die Trompete mit dem Mundstück an seine Lippen und fing an, gar kräftig zu blasen.
Die meisten seiner Zechkumpane hatten es gar nicht mitbekommen, dass ein danebenstehender Musiker die Tasten der Trompete drückte, und der Schmied nur blasen durfte. Diese Stammtischbrüder von damals leben schon lange nicht mehr. Sie waren wohl die letzten auch der nachfolgenden Generationen, die nach einem harten Arbeitstag abends noch ein wenig Zeit hatten für eine Musestunde am Biertisch.
Der Harrlinger Dorfschmied Xaver Meier gehörte noch zu diesen. 1882 in Harrling geboren, ist er am 25. April 1961 gestorben und wurde auf dem Harrlinger Friedhof beerdigt. Auch das urige Wirtshaus gibt es nicht mehr. Es wurde später abgebrochen.
Was noch von der damaligen Zeit geblieben ist, sind noch spärliche Erinnerungen, so wie diese Geschichte.
