Wenn das „Normalsein“ im Job Kraft kostet: Darum sind Frauen mit Autismus oft benachteiligt

Mit Forschungselite in Kontakt: Autistinnen haben es in der Arbeitswelt schwer, das BBW in Abensberg wollte wissen, warum und suchte nach Lösungen. Für seine Autismus-Expertise ist das Berufsbildungswerk auch international bekannt.
Filmemacher lieben Autisten: Die Serien „Big Bang Theory“, „The Good Doctor“ oder der Kinoklassiker „Rain Man“ haben mit der Realität aber wenig zu tun. Und noch weniger mit den realen Problemen im Job.
Lösungen sind hier gefragt, und bei denen spielt das BBW St. Franziskus in Abensberg eine große Rolle, auch international. Eine Studie soll den Weg dafür ebnen, dass es Autisten im Beruf, vor allem Frauen, künftig leichter haben. Denn die leiden häufig ein Stück mehr als ihre männlichen Kollegen, Sie sind, auch wenn sie durchschnittliche oder überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten haben, im Berufsleben stärker benachteiligt als Männer. Das wissen Hannah Krohn und Tanja Ederer, die das Forschungsprojekt AUT *CIA leiten. Ein Projekt, mit dem das BBW auch international in Kontakt zur Autismusforschungselite steht.
Bisher sei man davon ausgegangen, dass auf acht autistische Männer eine Frau käme, so Krohn. Mittlerweile ist klar, dass es mehr sind, dass nur deren Strategien, ihr Anderssein zu verbergen, besser funktionieren. „Manche beherrschen das so gut, das es gar nicht auffällt“, weiß Krohn. Das gehe so weit, dass sie passende Sätze für jede Situation im Voraus einstudierten und somit Fallstricke in der Kommunikation kaschierten, über die viele Autisten stolpern.
Diagnose als Erleichterung
Nicht selten wissen sie selbst lange Zeit nicht, was mit ihnen los ist. Manchmal erhalten sie die Diagnose erst in ihren 30ern. Die Diagnose sei zwar oft eine Erleichterung, so Krohn, bis dahin ist es aber ein weiter Weg. Falsche Diagnosen wie Essstörung oder Borderline sind keine Seltenheit. Genauso wenig, dass sie zusätzlich zum Autismus Depression oder soziale Phobien entwickeln, vor allem weil sie immer wieder anecken, auf Ablehnung stoßen, ihr Gegenüber enttäuschen oder das ewige Kaschieren kräftezerrend ist.
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Während es für Kinder und Jugendliche Anlaufstellen gibt, fallen Erwachsene häufig aus dem Raster. Dabei könnten soziale Kompetenztrainings helfen, „wir machen das beispielsweise hier im Haus, aber eben mit den Jüngeren“, so Krohn. Im BBW sind etwa 160 autistische Jugendliche in der Ausbildung oder einer Vorstufe. Sie finden hier einen Schutzraum, können in verschiedene Berufe reinschnuppern, einen passgenauen Beruf erlernen, auch in Partnerbetrieben außerhalb des BBW, und danach gestärkt rausgehen. Das BBW steht den Betrieben und den autistischen Jugendlichen beratend zur Seite, nach der Ausbildung gibt es noch ein halbes Jahr den Integrationsfachdienst.
Die Expertise des Abensberger Berufsbildungswerks wird von Firmen gerne angenommen, denn „viele Arbeitgeber wissen einfach zu wenig über Autismus“, hat Ederer immer wieder festgestellt. Mehr noch: „Manchmal weiß der Arbeitgeber gar nicht, dass er einen Autisten beschäftigt.“ Dabei ist eine Autismus-Spektrum-Störung gar nicht mal so selten: „Es gibt eine Hochrechnung, dass einer von 68 Personen Autismus hat“, fügt Krohn an.
Und jeder Betroffene ticke anders, manche seien lärmempfindlich, andere könnten in einem lauten Büro oder unter gleißendem Licht nicht arbeiten. Frauen, so das Ergebnis der Studie, sind noch einmal ein Stück mehr gestresst von all dem. „Sie können oft nicht Fuß fassen, brechen Studiengänge ab, kündigen ihren Job.“ Um dies abzufedern, sind Krohn und Ederer gerade dabei, Maßnahmen zu entwickeln. Wichtig sei unter anderem auch, die Politik mit ins Boot zu holen, sind die beiden Frauen überzeugt. Zentrale Anlaufstellen müssten geschaffen, die Angebote gebündelt werden. Auch, wenn man in Bayern mit dem Netzwerk Autismus Niederbayern, dem Autismuskompetenzzentrum in München und dem IFD in Mittelfranken ganz gut aufgestellt sei, gebe es Nachholbedarf. Es gebe nur wenige Stellen, wohin sich erwachsene Autisten, vor allem aus dem hochfunktionalen Bereich, hinwenden könnten. „Dass sie auf der einen Seite hohe Berufsabschlüsse geschafft haben, auf der anderen Seite so Probleme haben, den Tag zu strukturieren und Unterstützung brauchen, ist für manchen schwer zu verstehen“, so die Erfahrung Ederers.
Offener kommunizieren
Auch die Betroffenen selbst sind gefordert. „Wir tragen das an sie heran, dass sie offener damit umgehen, auch am Arbeitsplatz“, so Ederer. Offenheit zu beiden Seiten könnte helfen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. „Mit dem Ändern von ein paar Kleinigkeiten am Arbeitsplatz oder an der Kommunikation könnten Firmen eine Superarbeitskraft haben“, so Ederer.
Fachtagung für alle Interessierten: BBW als Vorreiter in Sachen Autismus:
Paradigmenwechsel: Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung zeichnet aus, dass sie Schwierigkeiten in sozialen Situationen haben, dass das Verständnis in non-verbaler Kommunikation, zum Beispiel in Mimik oder Körpersprache eingeschränkt ist. Häufig haben sie eine Vorliebe für Regeln und Routinen.
Erfahren: Das BBW trägt das Autismusgütesiegel. Eine gute Verzahnung zwischen praktischen Erfahrungen und der Forschung zu Autismus, das zeichnet das BBW in Abensberg aus. Das BBW ist mit der Forschungselite im Bereich Autismus im Kontakt.
Inhalt: Das Forschungsprojekt AUT *CIA (AUT steht für Autismus; CIA für Chancengleichheit im Arbeitsleben) soll Kenntnisse liefern, warum Frauen und Mädchen mit hochfunktionalem Autismus besondere Belastungen im Berufsleben empfinden und welche Hilfe Frauen benötigen.
Gemeinschaftsarbeit: Projektpartner sind IFD Mittelfranken und BFW Hamburg, die OTH Regensburg sowie eine Gruppe von Beratenden aus dem Autismus-Spektrum. 800 Rückmeldungen von Erwerbstätigen, unabhängig vom Geschlecht, wurden ausgewertet. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden dann in 30 Interviews mit Männer und Frauen vertieft.
Tagung: Am 27. Juni findet eine kostenlose Tagung zum Thema „Autistinnen im Berufsleben“ statt. Da werden die Ergebnisse vorgestellt und auch Maßnahmen, um die Lebenssituation von Autistinnen zu verbessern. Die Tagung ist für alle Interessierten offen, neben Präsenzplätzen kann man die Tagung auch am Bildschirm verfolgen.Eine Anmeldung ist auf www.autismusundarbeit.de/autcia/fachtagung möglich.
Infos: Mehr Informationen gibt es aufwww.bbw-abensberg.de/en/autismus.