Tiere helfen, bei Jugendlichen seelische Wunden zu heilen

Von Lucia Pirkl · 21. Januar 2023 um 16:00

Ein tiergestütztes Projekt des Berufsbildungswerks Abensberg eröffnet Jugendlichen, die es schwer haben, neue Wege.

Mila, Maja, Hanno und Luna haben sie ins Leben zurückgeschubst. Der „Vorhang“ ist weg und auch die Angst vor dem Zahnarzt. Sie trägt die Haare jetzt kurz, probiert sich beruflich aus, die Zukunft kann kommen.

Die zwei Border Collies, die Katze und noch ein paar andere Tiere auf dem Bauernhof zwischen Abensberg und Neustadt haben schon so manchem Jugendlichen dabei geholfen, seine traumatischen Erfahrungen zu bewältigen, die Schüchternheit abzulegen, aus dem ewigen Gedankenkarussell, das wie ein Gefängnis ist, auszubrechen. Am Ende waren sie so gefestigt, dass sie ihre berufliche Zukunft mit Hilfe des Berufsbildungswerks (BBW) anpacken konnten.

Auch dieses Mädchen, das lieber ungenannt bleiben möchte, hat den Tieren viel zu verdanken. Sie versteckte sich hinter ihren langen Haaren, sprach kaum ein Wort, körperliche Nähe war ihr zuwider. „Die junge Frau hat sich sehr gut entwickelt“, so Katrin Baumann.

Die Sozialpädagogin hat eine Zusatzausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Pädagogik und leitet die intensivpädagogische Wohngruppe im Berufsbildungswerk Abensberg, ein Projekt, das junge Menschen aus ganz Bayern betreut.

Lina ist ein einmaliger Rückzugsort für Jugendliche

Das BBW hat auf einem Hof in Lina einen Rückzugsort geschaffen, in dem jene Jugendliche Unterschlupf finden, die es im Leben schwer hatten, eine psychische Auffälligkeit oder auch ein Handicap mitbringen, die intensiv betreut werden, sich erst einmal stabilisieren müssen, bevor sie überhaupt an einen Beruf denken können.

Im Moment leben hier sieben Jugendliche zwischen 15 und 20. Sie nehmen tagsüber an einer beruflichen Maßnahme teil und werden am Abend sowie am Wochenende und in den Ferien von einem siebenköpfigen Team betreut. Gemeinsam kümmern sie sich um jeweils drei Kaninchen, Meerschweinchen sowie Katzen, fünf Shetlandponys, mehrere Hühner und die Hunde der Betreuer. Eine Tierwirtin unterstützt sie dabei.

Motorik oder Gesprächsführung sind nur zwei der unzähligen Aspekte, die sie dabei trainieren können – schließlich müssen sie sich untereinander abstimmen oder auch mal ein Pony halftern. Zudem sollen die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen, sollen die Tiere versorgen, auch, wenn sie sich eigentlich viel lieber verkriechen würden.

Zweimal die Woche findet am Nachmittag das „Bauerhofprojekt“ statt, ein Angebot, in dem die jungen Menschen schon einmal ein bisschen an das herangeführt werden, was sie für ihren späteren Beruf auch brauchen könnten, „statt in der Werkstatt verbringen sie dann den Nachmittag am Hof, reparieren beispielsweise den Hühnerstall oder mähen Rasen“, erzählt Baumann. Im Vier-Augen-Gespräch wird zudem geklärt, wo der Jugendliche Unterstützung brauchen könnte.

Die Wohngruppe existiert seit 2019, der Weg dorthin war lang. Eineinhalb Jahre hatte es gedauert, einen geeigneten Hof zu finden, der in der Nähe zum BBW liegt, Stallungen hat und wohngruppentauglich ist. „Wir hatten da einfach unglaubliches Glück, haben das durch einen privaten Kontakt erfahren“, erzählt Baumann, die eine Zusatzausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Pädagogik hat.

Die Tiere, die sind ein Eisbrecher, stellt Baumann immer wieder fest. Selbst Jugendliche, die mit Menschen Probleme haben, können sich über sie öffnen. Der Bauernhof ist für sie auch ein Anker, „wir leben hier wie eine Familie, spielen, backen, kochen miteinander“, so Baumann. Die meisten bekämen von zuhause, aus welchen Gründen auch immer, nicht die Unterstützung, die sie bräuchten.

Authentizität ist wichtig

Dass die Betreuer authentisch bleiben, sei ganz wichtig. Feste Regeln, wie etwa das gemeinsame Abendessen, gibt es, aber ansonsten werden die Jugendlichen da abgeholt, wo sie stehen. Freilich laufe nicht immer alles rund, „das sind Jugendliche, die wollen sich auch reiben“, weiß Baumann. Schritt für Schritt werden die Jugendlichen an den beruflichen Alltag herangeführt, lernen wieder, acht Stunden durchzuhalten, „eine Herausforderung für jene, die zuvor keinen strukturierten Tagesablauf hatten“, weiß auch Lisa Wolf, Bereichsleitung Erziehungshilfe und Casemanagement. Nicht immer klappt es. Bei so manchem Jugendlichen stellt sich heraus, dass er noch nicht so weit ist, eine berufliche Maßnahme zum aktuellen Zeitpunkt nicht das Passende ist, Alternativen gesucht werden müssen.

Anderen wiederum öffnet sich ein Weg, ein Weg, der vorher verschlossen war, der eine gute Zukunft aufzeigt, in ein neues Abenteuer führt.

So hilft die tiergestützte Intervention:

Sozial:Auf der sozialen Ebene dienen Tiere häufig als Katalysator. Die Kontaktaufnahme zwischen Pädagogen und jungen Menschen funktioniere so einfacher und ungezwungener, weiß Katrin Baumann, Sozialpädagogin und Gruppenleiterin.

Neurobiologisch:Die Begegnung zwischen Mensch und Tier schüttet Oxytocin, das so genannte Kuschelhormon aus, das Stresshormon Kortisol werde gesenkt, ebenso Blutdruck und Herzfrequenz.

Psyche:„Konzentration und Motivation lassen sich steigern. Sie heben die Stimmung und können dadurch Angst und Depression mildern“, ist Baumann überzeugt.

Das tägliche Versorgen von Tieren hilft, Verantwortung zu lernen.
Katrin Baumann begleitet die Jugendlichen. -Foto: Fotos: Baumann