Immer mehr Notrufe: Regensburger Retter arbeiten längst auf Anschlag

Von André Baumgarten · 12. Februar 2024 um 05:00

Viel zu oft wird für kleine Wehwehchen die 112 gewählt – ist ein Pilotprojekt in Regensburg und Neumarkt eine Lösung? Das ist nicht das einzige Problem: Immer wieder haben Retter mit aggressiven Patienten zu tun – Angriffe sind sehr selten, Beleidigungen nicht.

Die Retter in und um Regensburg werden immer häufiger zu Notfällen alarmiert. Die Einsatzzahlen haben sich in den letzten Jahren teils nahezu verdoppelt – auch, weil viel zu oft die 112 gewählt wird. Beispielsweise, wenn lediglich ein Pflaster nötig wäre, um eine kleine Schnittwunde zu versorgen. Damit müsse aber das System lernen, umzugehen, sagen Experten. Hilfesuchende riefen oft aus der Unsicherheit heraus an, weil sie nicht mehr weiterwüssten. Ein Pilotprojekt von BRK und Maltesern soll helfen, den Alltag der Retter wieder etwas einfacher zu machen.

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Im vergangenen Jahr wurden BRK, Johanniter, Malteser und RKT etwa 74.000 Mal zu Einsätzen gerufen. Mehr als die Hälfte davon waren Notfälle, wie eine MZ-Umfrage zeigt. Aber: „Immer mehr Menschen denken, dass selbst eine Grippe oder ein Schnupfen ein Notfall ist“, sagt Korbinian Oswald von der Johanniter-Unfall-Hilfe. Das mache den Alltag nicht leichter. Beim Malteser Hilfsdienst sieht man darin vor allem eine „Hilflosigkeit der Bürger, den richtigen Ansprechpartner bei medizinischen Problemen zu finden“, meint Nikolaus Hirschmann. Eine Belastung für die Retter sei das sehr wohl.

„Damit muss das System und nicht der Hilfesuchende umzugehen lernen“, sagt Sebastian Gerosch, Leiter des Rettungsdienstes beim BRK-Kreisverband Regensburg. Allein mit der immer älter werdenden Gesellschaft lasse sich das nicht erklären, pflichtet ihm Hirschmann von den Maltesern bei. Das sei vielmehr „ein Symptom für ein zu überarbeitendes System der medizinischen Versorgung“. Eine Möglichkeit könne eine rund um die Uhr erreichbare Stelle sein, wo man direkt Hilfe bekomme – zum Beispiel Facharzttermine in zeitlich auch akzeptablen Zeiträumen.

Regensburg und Neumarkt testen Modellprojekt

Ein anderer Lösungsansatz ist bei BRK und Maltesern bereits in Erprobungsphase, gefördert von der Staatsregierung: Liegt keine dringliche Indikation für einen Notfall vor, fährt statt Rettungswagen und Notarzt ein sogenanntes Rettungsdiensteinsatzfahrzeug (REF) zum Anrufer. Entschieden wird das vom Disponent in der Integrierten Leitstelle (ILS), der die Dringlichkeit bereits am Telefon einschätzt. Sieht der keinen Notfall, wird ein erfahrener Rettungsdienstler zum Einsatzort geschickt – ein „solo-besetztes Rettungsmittel ohne Transportfunktion“, nennt man das.

Für den Raum Regensburg und Neumarkt läuft das Projekt bereits und hat sich bewährt, wie BRK-Rettungsdienstleiter Gerosch meint. Aktuell könne das REF „über 65 Prozent der zugewiesenen Einsätze eigenständig abarbeiten“. Und: Für die Anrufer werde natürlich die richtige Versorgung in die Wege geleitet – sie oder ihre Angehörigen würden die richtige Hilfe erhalten und von einem Fachmann beraten. Aufgrund der bislang guten Erfahrungen sei vorstellbar, das Konzept für sozial-medizinische oder psychiatrische Fälle auszuweiten, so Gerosch. Das entlaste den Rettungsdienst, „der dann wieder für die ‘echten‘ Notfälle verfügbar und frei ist“.

Gefordert ist der Rettungsdienst aber nicht nur mit steigenden Einsatzzahlen – Sanitäter werden auch immer wieder Opfer von Angriffen. Auch in Regensburg ist das ein Thema, so die MZ-Umfrage. Erst kürzlich wurden drei Johanniter bei einem Einsatz so heftig attackiert, dass sie selbst medizinisch versorgt werden mussten. Vor allem nachts und an Wochenenden käme es zu solchen Übergriffen, bestätigen die Malteser. Körperliche Angriffe seien jedoch die Ausnahme, immer wieder käme es aber zu Beleidigungen. „Gerade weibliche Rettungskräfte müssen sich häufig sexistische und übergriffige Bemerkungen gefallen lassen“, sagt Oswald von den Johannitern. Insgesamt gesehen sind Übergriffe „eher selten“, sagt RKT-Geschäftsführer Jürgen Zosel, was auch das BRK bestätigt: Mehr als 99 Prozent der rund 42.000 Einsätze verliefen ohne Zwischenfälle.

„Die sicheren Einsätze überwiegen mit Abstand“, betont Sebastian Gerosch. Das Bayerische Rote Kreuz bringe jedwede Vorfälle stets zur Anzeige. Im vergangenen Jahr habe es zwölf Einsätze gegeben, die als potenziell gefährlich eingestuft wurden – nur einmal kam es zu Tätlichkeiten. Auslöser seien in den meisten Fällen Alkohol oder Drogen sowie psychische Ausnahmesituationen. „Verbale Äußerungen im Graubereich“ könnten auch beim BRK kaum erfasst werden. Die Retter aller Regensburger Organisationen sind darauf allerdings bestens geschult, hieß es.

Retter haben keinen Mangel an Fachkräften

Trotz dieser Erschwernisse haben die Rettungsdienste in der Region keine Probleme, Nachwuchs zu finden. Fachkräftemangel wie in anderen Branchen sei „bei uns nicht spürbar“ – womöglich auch wegen der hohen Attraktivität des Standorts Regensburg, sicher aber, weil auf sehr hohem Niveau ausgebildet werde. Mittelfristig sei dennoch Handlungsbedarf da. Die bisher „auf Sicht geplante Finanzierung von Ausbildungsplätzen durch die Kostenträger“ wirkt sich negativ aus, so Gerosch. Aber hier sei ein „dezentes Umdenken“ erkennbar.

„Unser Rettungsdienst fühlt sich im Einsatz sicher, auch wenn sich die Zeiten geändert haben“, sagt Sebastian Gerosch, der Leiter des BRK-Rettungsdienstes in Regensburg.
„Der allgemeine Respekt vor Rettungskräfte ist bei weitem nicht mehr so hoch wie noch vor Jahren“, sagt Korbinian Oswald vom Johanniter Rettungsdienst.