200 Patienten an einem Tag: Laut Neumarkter Kinderarzt eine „katastrophale Situation“

Vor ein paar Tagen hatte er 200 kleine Patienten in seiner Praxis – sehr viele davon mit Influenza. Der Neumarkter Kinderarzt Harald Lodes beurteilt die aktuelle Situation vor allem deswegen so problematisch, weil viele Infekte parallel unterwegs sind. Wäre eine Impfun sinnvoll.
Dadurch, dass aktuell so viele Krankheitserreger – neben Grippe auch Streptokokken, der RS-Virus und Corona – grassieren, stecken Kinder sich potenziell mit mehreren Infekten gleichzeitig oder direkt nacheinander an. „Die Kinder leiden, die Familien leiden“, sagt Lodes – dass ein Kind zwei Tage im Kindergarten oder in der Schule ist und dann wieder sieben Tage zu Hause sei aktuell kein Einzelfall. „Die Situation ist katastrophal.“
Die Häufung von Infekten bedeutet außerdem, dass manchmal Kinder nicht mehr zu Hause gesund gepflegt werden können – erst jetzt musste auf der Kinderstation im Klinikum ein Kind aufgenommen werden, das sich zugleich Corona, RSV und den Influenza-A-Virus eingefangen hat, sagt Lodes. Ein anderer kleiner Patient wiederum hatte innerhalb weniger Wochen direkt hintereinander Influenza A, dann die Atemwegsinfektion RSV und direkt im Anschluss Influenza B. „Da sind die einzelnen Familien echt am Ende.“
Dutzende Schüler in Neumarkt krank
Auch an mehreren Neumarkter Schulen merkt man, dass momentan viele Kinder krank sind – etwa an der Theo-Betz-Schule. „Wir haben ein deutlich erhöhtes Aufkommen an kranken Kindern“, sagt Schulleiter Wolfgang Wittmann. Bei vielen der insgesamt 350 Kinder sei ein grippeähnlicher Verlauf zu beobachten, „meist kurz und heftig“. In den letzten Wochen fehlten pro Schultag zwischen 20 und 40 Kinder.
Auch Schulamtsdirektor Christoph Weigert stellt bei seinen Schulbesuchen fest, dass aktuell „signifikant viele“ Schülerinnen und Schüler krank sind – allerdings sei das von Schule zu Schule teilweise sehr unterschiedlich.
Kommt es da gerade zur rechten Zeit, dass der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte aktuell erstmals zur Influenza-Impfung für alle Kinder rät – und damit von der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) abweicht? Die sieht eine Grippeimpfung nämlich nur für spezielle Kinder, etwa Kinder mit Risikofaktoren, vor. Die Begründung: Eine Influenza-Erkrankung bei gesunden Kindern oder bei Erwachsenen unter 60 Jahren verlaufe in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen.
Impfung „unterstützend, aber nicht unbedingt notwendig“
Dieser Begründung schließt sich auch Lodes an. Im Gegensatz zum Berufsverband spricht er sich für die Vorgehensweise der Stiko aus. „Wir empfehlen ganz klar eine Impfung nach Stiko“, sagt Lodes. „Aber wir raten jetzt auch niemandem von einer Impfung ab und sie wird niemandem verweigert.“ Die Impfung sei eine „gute, unterstützende“ Impfung, mit der Eltern ihrem Kind und sich viel Stress ersparen könnten. Sie sei aber „nicht unbedingt notwendig“, da Kinder eine Influenza meist gut überstehen würden.
Allerdings rät Lodes, sich jedes Kind und auch die jeweilige Familie genau anzuschauen: Gibt es eine Schwangere? Gibt es jemanden, der aktuell eine Chemotherapie macht oder aus anderen Gründen eine Abwehrschwäche hat? Ist das Kind eher schwach und liegt schon bei einer normalen Erkältung zwei Wochen im Bett? Dann sollte man über eine Impfung des Kindes nachdenken, so Lodes.
Für die Kinder- und Jugendärzte ist momentan eine zusätzliche Herausforderung, dass es viele unklare Befunde gibt, sagt Lodes. Zum Beispiel starken Husten, bei dem klassische Hausmittel wie Honig und Thymian einfach keine Hilfe mehr leisten. Bei reinem Reizhusten empfiehlt Lodes einen Hustendämpfer und rät Eltern, dafür zu sorgen, dass Kinder durch die Nase atmen, um den angegriffenen Kehlkopf zu schonen.
Kochsalzlösungen und Nasentropfen würden hier helfen – hier wartet auf die Kinderärzte aber oft schon die nächste Schwierigkeit: Gerade jüngere Kinder lassen sich nicht besonders gerne Nasentropfen geben und Eltern scheuen sich, dies umzusetzen. „Ich verstehe schon, dass das unangenehm ist, aber es hilft dem Kind. Und das versteht noch nicht, was richtig ist.“
Problem mit E-Rezepten in der Praxis
Auch Inhalieren hilft – wenn es nicht das Problem mit den Medikamenten geben würde: Immer wieder ist das Inhalations-Medikament, das etwa bei Bronchitis angewendet wird, nicht verfügbar. „Wir arbeiten nicht nur bei Antibiotika mit Listen“, sagt Lodes. Und auch bei Antibiotika müsse man weiterhin „regelmäßig nicht mit dem Antibiotikum der ersten Wahl“ arbeiten. Das heißt: Ärzte verwenden gerne möglichst spezifische Antibiotika – wenn es die nicht gibt, müssen sie welche verschreiben, die deutlich breiter aufgestellt sind.
Und auch das neue E-Rezept läuft „nicht so geschmeidig“ wie erhofft, sagt Lodes. Bedeutet: Pro Patient braucht er eine halbe, manchmal eine ganze Minute länger. Klar, das klingt im Einzelfall nicht wild – und wäre es wie in der Schweiz, wo ein Arzt eine halbe Stunde Zeit pro Patient hat, wie Lodes sagt, auch kein Problem. Bei einem Durchlauf von 200 Patienten am Tag seien das aber mindestens eineinhalb Stunden Arbeitszeit.
Die Frage, die alle Eltern umtreiben dürfte: Haben wir den Gipfel an Krankheiten jetzt endlich erreicht? Daran hat Harald Lodes so seine Zweifel. „Ich fürchte, in den Faschingsferien werden viele auf Reisen gehen oder Ausflüge machen und sich da anstecken.“ Er erwarte nach den Ferien noch einmal ein Hoch und hoffe, dass die Krankheitswelle danach abebbt.
Infos zum Selbsttest:
Dreifach-Test: Man kennt ihn noch aus Corona-Zeiten – der Test für zuhause, mit dem man überprüfen kann, ob man sich mit Covid infiziert hat. In Drogerien und Apotheken gibt es verstärkt nun auch Dreifach-Tests, die neben Covid auch Influenza und den RS-Virus erfassen.
Unterstützung: Prinzipiell keine schlechte Sache, sagt Kinderarzt Harald Lodes. Es folgt jedoch ein dickes Aber: „Der Test muss richtig durchgeführt werden.“ Und das ist häufig ein Problem, gerade bei Kindern. Gerade beim RS-Virus müsse man dazu auf die entsprechend empfindliche Schleimhaut gelangen – und die ist weit hinten im Hals. Nur vorne einen Abstrich nehmen, sei nicht gründlich genug – und damit sei das Ergebnis verfälscht. „Aber wenn man es richtig macht, hilft der Test auf jeden Fall“, so Lodes.
Anwendung: Für Ärzte ist ein richtig angewandter Test deswegen eine Hilfe, weil sie dann gezielter auf die jeweilige Krankheit eingehen können. Bei konkreten Verdachtsfällen dürfen Ärzte einen Abstrich machen und diesen ins Labor geben. Die POC-Tests, für deren Auswertung kein Labor nötig ist, seien hingegen für Mediziner „immer ein Draufzahlgeschäft“, da die Materialkosten höher als die Kassenleistung seien. Lodes fordert daher: „Die Kassen müssen die Tests in ausreichendem Maß bezahlen.“