Verpackungen und Flaschen nerven Regensburger: „Schauerlich, wie viel Müll herumliegt“

Gabriele L. aus dem Regensburger Westen führt jeden Tag ihren Foxterrier Mausi aus. Der verschlingt alles, was nach Nahrung riecht. Die 58-Jährige muss aufpassen, dass ihr Hund nichts frisst, was ihm schaden könnte. Deshalb weiß sie genau, wie viel Abfall an Straßenrändern und in Parks herumliegt.
„Die Sauberkeit in Regensburg hat dramatisch nachgelassen“, schimpft Gabriele L.. „Schauerlich, wie viel Müll am Busbahnhof herumliegt.“
Die frühere Bürokauffrau kritisiert nicht die Stadt. Im Gegenteil, den Mitarbeitern der Straßenreinigung spricht sie ihre Hochachtung aus. „Die machen sauber und am nächsten Tag fangen sie von vorne an.“ L. prangert an, dass Passanten ihren Abfall achtlos fallen lassen, auch wenn 50 Meter weiter ein Mülleimer steht. „Wenn man feiert, Pizza isst oder ein Bier trinkt, sollte man sein Glump wieder mitnehmen.“
Unwirtliche Orte sind gefährdet
An diesem Mittag wirken die Straßen und Gassen im Welterbe blitzblank. Die Ausnahmen: Im Fürst-Anselm-Park und rund ums Peterskirchlein beim Bahnhof verteilen sich Zigarettenschachteln, Jägermeisterfläschchen, Kaffeebecher und Fastfood-Kartons. Es fällt auf, dass unwirtliche Orte wie das vernachlässigte Grün ums Peterskirchlein eher vermüllt werden als Flaniermeilen wie die Wahlen- oder Gesandtenstraße. Stimmt die umstrittene Broken-Windows-Theorie also doch, die besagt, dass die Abwärtsspirale von Stadtvierteln mit Schmierereien, Müll oder einem zerbrochenem Fenster beginnt? Nicht nur der Bauzaun um das sanierungsbedürftige Kirchlein lässt den Ort verwahrlost wirken. Stadt, Kirche und Soziale Initiativen ringen um eine kulturelle und soziale Nutzung, doch zunächst muss es saniert werden.
60 bis 70 Tonnen Müll räumt die Straßenreinigung jeden Monat weg. Den Großteil hinterlassen Passanten und Partyvolk. Die Stadt stellt einen Anstieg des Müllaufkommens zwischen 2022 und 2023 fest. Mit fünf bis zehn Prozent mehr rechnet das Rathaus.
„Der meiste Abfall fällt in der Innenstadt an, da sich hier zahlreiche Menschen tagsüber wie auch abends aufhalten“, sagt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. Was die Entsorgung kostet, kann die Kommune nicht sagen. Nicht alle Bereiche sind an die Reinigung angeschlossen.
Angeschlossene Straßen und Plätze werden – je nach Reinigungsklasse – fünfmal, dreimal oder einmal wöchentlich gesäubert. „Das Bestreben aller Straßenreiniger ist, dem Status Weltkulturerbe auch im Hinblick auf die Reinhaltung der Straßen und Plätze gerecht zu werden“, betont Roenne-Styra. Um die Parks kümmert sich das Gartenamt. „Eine saubere Stadt braucht jedoch vor allem Menschen, die sorgsam mit dem öffentlich Raum umgehen.“ Die Kommune kann Bußgelder verhängen: Je nach Müllmenge und Art ab 15 Euro bis zu einer vierstelligen Summe. Doch wer soll die zahllosen kleineren Müllsünden dokumentieren?
Alexandra Zendeli, die in der Maximilianstraße unweit des Bahnhofs auf den Bus wartet, stimmt der Stadtsprecherin zu. Zendeli ist durch den Fürst-Anselm-Park gegangen. „Da liegt schon einiges herum“, sagt die 53-Jährige, blickt hinter die Haltestelle und deutet auf Verpackungen, die im spärlichen Grün vergammeln. Daran sei nicht die Stadt schuld. „Die können ja nicht rund um die Uhr durchfahren.“ Vielmehr sollten die Passanten mehr Rücksicht nehmen. Eine dm-Verkäuferin aus der Fußgängerzone ergänzt, an Freitag- und Samstagmorgen sei es „krass“.
Warum landet so viel Abfall auf öffentlichen Flächen? Es wird üppig verpacktes Fastfood gegessen, oft auch im Gehen. Für Professor Thomas Loew hängt das mit der Beschleunigung der Gesellschaft zusammen. Der Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum betrachtet das Fastfood-Essen und das achtlose Wegwerfen als Frage der Erziehung. Wer als Kind gewöhnt sei, Sonntagmittag im Schnellrestaurant Burger zu essen, werde das weiterhin tun.
In der Erziehung werde offenbar kaum darauf geachtet, dass jeder seinen Müll selbst entsorgen solle. Das sei auch keine Schichtfrage. „Oberschicht wirft genauso weg wie Prekariat. Das ist diese Mentalität, der andere ist zuständig und wird es schon wegräumen.“ Das unbewusste Motiv: Es sei nicht cool, einen leeren Becher oder eine Pappschachtel mit sich herumzutragen.
Psychotherapeut Loew ist überzeugt von der Broken-Windows-Theorie: „Wenn schon Müll herumliegt, sinkt die Hemmschwelle, meinen eigenen Abfall auch noch loszuwerden. Man hat dann das Gefühl, es macht keinen Sinn, die Fläche sauber zu halten.“
Doch gebe es in der Innenstadt zu wenig Müllbehälter. Er schlägt einen Versuch vor: Die Stadt solle in einer Hälfte der Maximilianstraße eine Reihe von Behältern aufstellen, in der anderen nicht, und dann überprüfen, wo mehr Müll auf der Straße lande.
Der Putzmann leidet
Putzmann Alexander stöhnt über die Wegwerfmentalität. „Es ist immer das Gleiche“, schimpft der 44-Jährige, der die Bahnhofshalle wischt. „Kippen überall – hier und draußen vor dem Bahnhof.“ Er beschwert sich jedoch nie bei den Menschen, die ihre Kippen fallenlassen. Es könne ein Betrunkener darunter sein, der das übel nehme. Seinen Nachnamen nennt Alexander nicht, weil er Ärger mit dem Chef befürchtet.
Ein 21-Jähriger schreitet schnell aus dem Peterskirchlein-Areal Richtung Bahnhof und Arcaden. Er wird in der Arbeit erwartet. „Könnte schlimmer sein, der Müll“, ruft er. Und dass er Fotograf sei.

