Vorschriften eingehalten und trotzdem Ärger – Neustadt kämpft mit schwierigen Baustellen

Der Traum von den eigenen vier Wänden ist für viele Menschen gelebte Freiheit und gute Altersvorsorge. Was aber, wenn neben dem eigenen Heim ein Gebäude entsteht, das höher ist als das eigene und jede Sicht und Sonne nimmt. Das stellt auch Bürgermeister und Stadträte in Neustadt im Landkreis Kelheim vor Probleme.
Jakob Paulus im Neustädter Ortsteil Schwaig ist verärgert. Als er sich an der Gadener Straße sein Wohnhaus baute, war nebenan ein freies Grundstück, daran schloss sich ein weiteres Einfamilienhaus an, daran weitere. Viele Jahre blieb das schmale Grundstück neben seinem unbebaut. Von seiner Terrasse schaute Paulus ins Freie, genoss den freien Blick.
Jetzt weiß Jakob Paulus: Mit der Idylle ist es bald vorbei. Es gibt einen Bauantrag für das freie Grundstück, zwei Geschosse plus Dachgeschoss sind geplant. Was hier geplant ist, ist kein Einfamilienhaus, sondern ein Haus mit fünf Wohnungen. „Optisch ist das ein 'Leckerbissen‘ für eine Ortschaft wie Schwaig“, ätzt Jakob Paulus. Für ihn bedeutet das Bauvorhaben, dass er künftig einen Wohnblock „direkt vor seiner Nase“ haben wird. 20 Meter lang und 7,75 Meter breit wird sich der Neubau an der Längsseite von Jakob Paulus‘ Einfamilienhaus erheben.
Fünf Wohnungen geplant
Der Mann aus Schwaig wird jedes Mal auf den Block schauen, wenn er auf der Terrasse sitzt. Er befürchtet, dass das Miteinander in der Straße leiden wird. „Da wohnen dann fünf verschiedene Parteien, da kann man sich unterhalten“, sagt er.
Dabei ist alles rechtens. „Die Abstandsgrenzen sind eingehalten“, betont Neustadts 1. Bürgermeister Thomas Memmel. Er sagt aber auch: „Es ist ärgerlich, was da passiert.“ Und Memmels Stellvertreter Günter Schweiger, der in Schwaig wohnt, betont: „Das ist keine gute Situation.“ Es geht den beiden wie auch schon den Mitgliedern des Bauausschusses, die sich vor wenigen Tagen mit dem Bauantrag darum, dass ein Gebäude in eine bestehende Umgebung gepresst wird. „Da wird das maximal Mögliche auf diesem Grundstück ohne Rücksicht auf die Nachbarn durchgesetzt“, sagt Bürgermeister Memmel. „Es gehört viel Eigensinn dazu , um ein Gebäude so auszureizen.“
Aber der Kommune seien die Hände gebunden. Formal sei nichts zu beanstanden, insbesondere die Abstandsflächen und die Zahl der Stellplätze auf dem Grundstück seien eingehalten. Auch die Zufahrt zu dem Neubau sei gewährleistet, erklärt Memmel.
Das Bauprojekt beschäftigt den Bauausschuss des Stadtrats schon längere Zeit. Der Bauantrag ist zum wiederholten Male eingereicht worden, sagt der 1. Bürgermeister. Immer wieder habe man mit dem Bauherren gesprochen, jetzt sei das Verfahren am Endpunkt angekommen.
Auch bei einem Projekt am Kreisverkehr von Donaustraße und Bad Gögginger Straße in Neustadt a.d. Donau ging mehrere Jahre zwischen Baubehörden und Bauherren hin und her. Auch hier sollte ein Block-ähnliches Gebäude in eine bestehende Bebauung aus Einfamilienhäusern gesetzt werden. Nach etlichen Diskussionen haben jetzt die Bauarbeiten begonnen. Ein Nachbar, der das Pfingsthochwasser 1999 in Neustadt a.d. Donau in seinem Haus hatte, sagt: „Der Neubau ist ärgerlich. Er passt eigentlich nicht hierher.“
Ein wenig stadteinwärts gibt es ein weiteres Bauvorhaben, dass dem Bürgermeister und dem Bauausschuss Sorgen bereitet: In der Herzog-Ludwig-Straße wird die ehemalige Pension Kremler renoviert. Das sei „grundsätzlich zu begrüßen“, sagt Thomas Memmel. Doch auch hier gibt es Probleme. Der Bauherr, sagt der Bürgermeister, will in dem Gebäude wieder eine als Pension betreiben und beruft sich dabei auf sein Bestandsrecht — auch was mögliche Stellplätze betrifft.
Baustelle im Innenhof
„Dann sollte aber auch tatsächlich eine Pension reinkommen“, fordert der Bürgermeister, der einen Verdacht hat: In dem Gebäude könnte es künftig Arbeiterwohnungen geben. Deshalb fordert er namens der Bauausschussmitglieder einen Frühstücksraum.
Der Argwohn des Bürgermeisters ist nicht unbegründet. Im von der Straße nicht einsehbaren Innenhof der früheren Pension Kremler wurde mit einem Anbau begonnen. Nachbarn hatten die Stadtverwaltung darauf hingewiesen. Unterschriften der Nachbarn zu der Maßnahme liegen nicht vor. Der Verfahrensstand „Im Moment ruht die Baustelle“, sagt der Bürgermeister.
Die weitere Entwicklung auf der Baustelle in der Herzog-Ludwig-Straße ist ungewiss. Bei den anderen Projekten liege der Schlüssel beim Bebauungsplan, betont Thomas Memmel. „Der Bebauungsplan ist unser Gesetz, er schafft Rechtsverbindlichkeit.“ Und deshalb wolle er ihn nicht ändern. Auch wenn das manchmal zu Ergebnissen führt, die keine Begeisterung auslösen.

