Krebsraten steigen, aber auch die Chance auf Heilung: „Wir finden immer mehr relevante Gene“

Regensburger Krebsexperte Prof. Olaf Ortmann spricht über neue Entwicklungen in der Krebsmedizin und was jeder präventiv tun kann. Vor allem Übergewicht, Bewegungsmangel, Nikotinabhängigkeit und ungesunde Ernährung sind Risikofaktoren.
Die älter werdende Gesellschaft schlägt sich in den Krebsdatenbanken nieder. Erhalten derzeit etwa eine halbe Million Menschen jedes Jahr eine Krebsdiagnose, werden es bis 2030 etwa 600.000 Menschen sein. Doch es bewegt sich viel in Bezug auf die Versorgung und die Lebensqualität der Betroffenen, sagt der Regensburger Krebsmediziner Prof. Olaf Ortmann. Er leitet die Universitätsfrauenklinik am Caritas-Krankenhaus St. Josef. Vor allem durch die enge Verzahnung von Forschung und behandelnden Ärzten gelinge es inzwischen, überall einen hohen medizinischen Standard für die Patienten zu erreichen. „Die Überlebenschancen steigen, weil die Therapien durch ein immer besseres Netzwerk in der Fläche durchgeführt werden können und nicht mehr den einen Spezialisten vor Ort brauchen.“ In Deutschland sterben derzeit jedes Jahr knapp 250.000 Menschen an Krebs.
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Vor fünf Jahren wurde die Nationale Dekade gegen Krebs gegründet. Sie kommen gerade vom Symposium Future X Change. Welche Erfolge gibt es zu vermelden?
Ortmann: Ganz allgemein gesagt, ist das Ziel der Nationalen Dekade die Krebsforschung erheblich zu beschleunigen und die Akteure zu bündeln. 150 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren investiert, um die drängendsten Forschungsaufgaben zu definieren und Lösungen anzugehen. Dazu gehört neben ungelösten Fragen der Krebsforschung und Prävention auch die Wissensgewinnung durch die Vernetzung von Forschung und Versorgung, deren Arbeitsgruppe ich vorstehe. So sollen neue Erkenntnisse rasch zu den Patienten in die Krebszentren kommen. Umgekehrt sollen wiederum Erkenntnisse aus der Versorgung der Krebskranken von der Forschung aufgegriffen werden. Denn nicht alles, was in klinischen Studien entwickelt wird, nützt auch allen Patienten. Die Beteiligung der Patienten ist von sehr, sehr großer Bedeutung. Und da sind wir einen großen Schritt vorangekommen.
Von welchen Entwicklungen profitieren denn die Krebspatienten in Bayern?
Ortmann: Auch Bayern hat nun einen Standort des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen. Die universitären Krebszentren Würzburg, Erlangen, Regensburg und Augsburg haben sich 2019 zur „Comprehensive Cancer Center Allianz WERA“ zusammengeschlossen, die im Jahr 2022 von der Deutschen Krebshilfe als „Onkologisches Spitzenzentrum“ ausgezeichnet wurde. Die vier Standorte decken ein Versorgungsgebiet von rund acht Millionen Menschen ab. An den bundesweit sechs Nationalen Centren wird die frühe Krebsforschung mit zusätzlichen Fördergeldern vorangetrieben. Die Forschung dockt dabei direkt an die Versorgung der Patienten an.
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Was bedeutet das für Patienten?
Ortmann: In einer flächigen und ländlich geprägten Region wie in Ostbayern ist es perfekt, wenn solche Netzwerke existieren. Denn Behandlungen müssen dann nicht immer in den großen Tumorzentren stattfinden, sondern können auch wohnortnah umgesetzt werden. Gleichwohl gibt es aber die Standorte mit besonderer Expertise, die personalisierte Therapien entwickeln. Beides ist ein großes Plus für die Region. Und wenn man in die Zukunft schaut, ist es nicht nur wichtig, dass die Chancen auf Heilung steigen, sondern auch, dass sich die Lebensqualität für die Patienten verbessert. Denn eine Heilung bedeutet oft auch, dass langfristige Folgen der Therapie auftreten. Folgen, die die Lebensqualität deutlich beeinflussen können. Das reicht von Organschädigungen bis hin zu -ausfällen oder Schäden, die zum Beispiel durch die operative Entfernung von Tumoren entstehen. Und auch die Psyche leidet unter einer Krebserkrankung. Deshalb wollen wir Ärzte eigentlich so wenig wie möglich eingreifen, um Heilung zu erreichen.
Was kann jeder Einzelne dazu beitragen, dass die Krebsraten nicht noch weiter steigen?
Ortmann: Den demografischen Wandel können wir nicht verhindern. Je älter die Menschen werden, desto mehr Krebserkrankte gibt es. Aber der zweite primäre Faktor ist eine ungesunde Lebensweise. Übergewicht, Nikotinabhängigkeit, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel. Hier braucht es Aufklärungsarbeit, um ein Bewusstsein zu schaffen. Zudem können wir Menschen, die ein deutlich höheres Krebsrisiko in sich tragen, immer besser identifizieren. Dazu gehören Patienten mit bestimmten Genmutationen. Wir finden immer mehr Gene, die relevant für Krebserkrankungen sind. Hier bieten wir Präventionsstrategien an.
Werden wir uns irgendwann gegen eine Krebserkrankung impfen lassen können?
Ortmann: Das ist schon jetzt möglich. Die erste präventive Impfung gegen Krebs ist die HPV-Impfung, die die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs minimiert. Sie wurde zunächst nur für Mädchen, inzwischen auch für Jungen angeboten. Obwohl die Impfung hervorragend funktioniert, wurde sie in Deutschland nur schleppend eingeführt, trotz ihrer Entwicklung hier im Land. Das zeigt: Wir brauchen nicht nur die Forschung, wir brauchen auch eine Umsetzungsstrategie.
Das Interview führte Isolde Stöcker-Gietl.
