Geistliche im Landkreis Cham haben trotz weniger Kirchenaustritte große Sorgen

Nun sag', wie hast du's mit der Religion? Spätestens der Gang zum Standesamt dürfte die berühmte Gretchenfrage in Goethes Faust beantworten. Alleine in den sechs Städten im Landkreis Cham haben im vergangenen Jahr über 600 Menschen diese Frage ablehnend beantwortet.
Was für die Standesämter nur ein bürokratischer Akt ist, hat für die Kirchen weitreichende Konsequenzen. Zumindest Dr. Kazimierz Pajor, Pfarrer in der Pfarrei Sankt Josef in Cham, betrachtet diese Entwicklung vergleichsweise nüchtern. „Dieser Strom reißt noch lange nicht ab“, sagt er mit Blick in die Zukunft. Bereits seit Jahren beobachte er eine „fortschreitende Entchristianisierung in etlichen europäischen Ländern“, wie er sagt. Ein Trend, der auch nicht vor seiner Pfarrei haltmache.
Oberflächliches Verhältnis
Seine Erklärung: Immer mehr Menschen haben mittlerweile ein oberflächliches Verhältnis zur Kirche. Pajor spricht von einem religiösen Analphabetismus, der sich immer mehr ausbreite. Wer Jesus eigentlich war oder welche Bedeutung die einzelnen Sakramente haben, wüssten nur noch wenige.
Trotz allem ließen noch immer viele Paare ihre Kinder taufen, oftmals aus gesellschaftlichen oder familiären Zwängen. Zwar könne er keinem Paar die Taufe verweigern, streng nach Kirchenrecht müsste er das jedoch bei geschätzt jedem dritten Paar, das zu ihm kommt. Das betreffe auch weitere kirchliche Sakramente, wie Kommunion, Firmung oder die Trauung vor einem Pfarrer, die immer mehr auf ihren festlichen Charakter reduziert würden.
Insofern habe der Geistliche vollstes Verständnis für Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, weil sie sich nicht (mehr) mit ihren Werten identifizieren können. „Warum soll ich Mitglied in einem Verein sein, mit dem ich gar nichts anfangen kann“, zieht Pajor den Vergleich.
Auch wenn es zunächst paradox klingen mag: Austritte aus der Kirche brächten dieser langfristig keinen Schaden, sondern führten dazu, dass der Glaubensgemeinschaft nur noch diejenigen erhalten bleiben, die ernsthaft mit dieser sympathisieren. Pajor spricht von einer „Reinigung der Katholischen Kirche von innen“.
Ebenso muss man sich jedoch bereits im Vorfeld über die Konsequenzen eines Austrittes Gedanken machen, sagt er. Vielen sei nicht bewusst, dass sie mit ihrem Austritt etwa auch ihr Recht auf eine kirchliche Bestattung verwirken.
Dass es natürlich auch eine Reihe weiterer Beweggründe für diesen Schritt gibt, ist Pajor bewusst. Individuelle Verärgerungen oder eine persönliche Hilflosigkeit zählen für ihn dazu. Was für ihn insgesamt feststeht: Alleine aktuelle Vorkommnisse, wie die in den vergangenen Jahren aufgedeckten Missbrauchsskandale oder die Flucht vor der Kirchensteuer können nicht die einzigen Auslöser der Austritte ein.
Vielfältige Gründe sieht auch Dr. Michael Rummel, Pfarrer der evangelischen Zachäuskirche Furth im Wald. Allen voran betont er die Individualisierung der Gesellschaft. Er sagt: „Früher war es Standard in der Kirche zu sein. Das ist heute nicht mehr so“. Aber auch die Kirchensteuer sei einer der Gründe, für den Exodus der beiden Kirchen. Gerade jungen Berufsanfängern werde die Abgabe mit dem ersten Lohnzettel erst so richtig bewusst.
Um vor allem jüngere Menschen halten zu können, müsse auch die evangelische Kirche attraktiver werden. Konkret denkt der Geistliche dabei an Gottesdienste an neuen Orten und nennt den erst kürzlich stattgefundenen Cappuccino-Gottesdienst mit Dekanin Ulrike Dittmar im Gemeindehaus in Cham als Beispiel, neues zu versuchen. Eine weitere Idee, die ihm vorschwebt, sind Samstagabend-Gottesdienste, um vor allem jüngere Zielgruppen zu akquirieren.
Einen Schwerpunkt sieht er in der Erweiterung der Angebote für junge Familien. Schon jetzt biete man in Furth im Wald Kinder- und Familiengottesdienste an. Sein Credo: „Wir müssen die Leute ansprechen und ihnen zuhören.“ Dazu gehöre auch ein Ausbau der seelsorgerischen Arbeit.
Mehr Zeit für die Menschen
Um den Geistlichen mehr Zeit für die Menschen in ihrer Gemeinde zu ermöglichen, habe man sich dazu entschieden, die Pfarreien Cham, Waldmünchen und Furth im Wald mit einem künftig zentralen Büro in der Kreisstadt zu fusionieren. Geplant sei die Vereinigung bereits für Ende Juni dieses Jahres.
Kontakt zu den Ausgetretenen in seiner Gemeinde nimmt Rummel bislang nicht auf. „Oft erreichen uns die Austrittsmeldungen erst ein halbes Jahr später“, erklärt er. Wie er künftig damit umgehen möchte, müsse er sich erst noch überlegen. Immerhin sei er erst seit September in Furth im Wald.
Indes versucht Pfarrer Pajor in Cham mit einem standardisierten Schreiben, das die Bischofskonferenz vor acht Jahren zur Verfügung gestellt hat, die ausgetretenen Mitglieder noch einmal zu erreichen. Darin werde das Bedauern zum Ausdruck gebracht, über die Konsequenzen des Austritts informiert und zu einem Gespräch eingeladen. Von Erfolg gekrönt sind jedoch nur die wenigsten Kontaktversuche dieser Art, wie Pajor aus jahrelanger Erfahrung weiß.
Kirchenaustritte in den Städten des Landkreises 2023 und 2022
Austrittszahlen: In Cham traten im Jahr 2023 186 (und 248 im Vorjahr) aus. In Roding waren es 183 (195), in Bad Kötzting 73 (126), in Furth im Wald 84 (168), in Waldmünchen 65 (55) und in Rötz 17 (22).
Ablauf: Wer aus der Kirche austreten möchte, kann dies unspektakulär im Standesamt seines Wohnortes tun. Notwendig sind das Vorzeigen des Personalausweises, eine Unterschrift und die Entrichtung einer Austrittsgebühr von 35 Euro. Gründe für seinen Austritt angeben, muss man dabei nicht. Darauf weisen die Mitarbeiter der Standesämter ausdrücklich hin.

