Immer mehr Kommunen werten aus, wie sich Passanten-Ströme entwickeln

Von Christian Eckl · 30. Januar 2024 um 19:00

Daten, Daten, Daten: Sie sind der Stoff, aus dem man kluge wirtschaftliche Entscheidungen strickt. Am Dienstag befasste sich die IHK Regensburg für die Oberpfalz und Kelheim mit dem Thema. Schnell wurde deutlich: Die Digitalisierung bietet für die Innenstädte riesige Chancen.

Bei einem Webinar mit dem Titel „Stadtentwicklung Digital – Kommunen im digitalen Wandel“ wurde deutlich: Die Digitalisierung bietet für die Innenstädte riesige Chancen.

Sebastian Deppe arbeitet für die Beratungsfirma Ariadne. Zusammen mit dem Stadtmarketingleiter von Traunstein, Hans-Peter Weiß, stellte er vor, welche Chancen Datenanalysen für Kommunen bieten. Deppe erläuterte zunächst, wie solche Passantenströme digital erfasst werden können. Ein bekanntes Beispiel sind natürlich Handy-Daten: Die Mobilfunkbetreiber verkaufen solche Daten, doch sie bieten wenig Informationen darüber, wer sich eigentlich bewegt.

Kostenloses Spiel für Daten

Ausgefeilter ist die Datenanalyse beispielsweise, wenn Unternehmen mit Spieleanbietern im Internet kooperieren. Den AGBs stimmt man für ein kostenloses Online-Spiel ja schnell zu – häufig unterschreibt man dadurch aber, dass die Bewegungsdaten des Smartphones getrackt werden dürfen. Ariadne arbeitet mit einem eigenen System, das sie nicht nur in Großstädten wie Leverkusen ausgebreitet haben, sondern auch in Traunstein. Abgestimmt sind die Messstellen in der Stadt natürlich mit den politischen Gremien, aber auch mit dem Datenschutzbeauftragten.

„Wir können jetzt sehr genau feststellen, wie Veranstaltungen die Frequenz in der Innenstadt erhöhen“, schilderte Weiß von der Stadt Traunstein. Beispiel: Eine italienische Nacht. Geschätzt kamen 5000 Gäste. Die Analyse aber ergab, es waren 10000. Bis zu 150000 zusätzliche Besucher durch Veranstaltungen messe man im Jahr nun in Traunstein. „Da ist man im Bereich von drei bis vier Millionen Euro zusätzlichem Umsatz“, sagte Weiß. Zudem sei es nun möglich, vor Ansiedlungen tatsächliche Frequenzen vor Ladeneinheiten zu beziffern.

Kreativer Umgang mit Ressourcen entscheidend

Mit Markus Wotruba von der BBE Handelsberatung referierte auch ein gebürtiger Regensburger, der die Gegebenheiten gut kennt. „Wir dürfen eine Krise nicht ungenutzt verstreichen lassen, sondern müssen sie nutzen, um daraus die Motivation für ein nachhaltiges Umdenken zu ziehen“, lautete sein Credo. Der kreative Umgang mit Ressourcen, aber ein gemeinsamer und einheitlicher Auftritt sei entscheidend. Bezogen auf eine neuerlich drohende Kaufhof-Brache inmitten der Altstadt sagte Wotruba, die Regensburger Innenstadt könnte beispielsweise eine engere Zusammenarbeit mit den Hochschulen gut gebrauchen. „Derzeit sitzen die Hochschulen auf ihrem Hügel über der Stadt“, sagte Wotruba. „Wieso wäre es nicht denkbar, dass die Uni beispielsweise nicht für neue Räumlichkeiten auf der Grünen Wiese baut, sondern sich in diese Immobilie einmietet?“ Interessant auch: Wotruba diagnostiziert tendenziell sinkende Mieten – auch in bisherigen Top-Lagen. IHK-Präsident Michael Matt schilderte seine Erfahrungen: Matt-Optik sei in den Filialen breit aufgestellt auch mit privaten Vermietern. „Wir stellen fest, dass die Bereitschaft, über die Mieten zu verhandeln, bei den Privaten deutlich ausgeprägter ist als bei Immobilien-Fonds oder in den Shopping-Centern.“

Digital Leerstände einsehen

Boris Hedde von der IFH Köln stellte Ergebnisse einer Befragung von knapp 70.000 Innenstadtbesuchern vor, die für 111 Kommunen – darunter etwa die Stadt Regen – erhoben wurde. Eine wichtige Erkenntnis: „Gastronomie gewinnt deutlich an Relevanz“, so Hedde. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass Freunde zu treffen für sie in Innenstädten unbedingt erfüllt sein müsse. Es gebe bereits Kommunen, die perspektivisch mit Innenstädten ohne Handel kalkulieren würden. Hebbe hielt dies für einen „großen Fehler“. Sophie Reindl, Innenstadt-Managerin in Sulzbach-Rosenberg, präsentierte die Chancen einer Smart-City auch für Kommunen mit unter 20.000 Einwohnern. Ein 3D-Stadtmodell und eine Leerstands-Datenbank bieten Chancen für Kommunen dieser Größe, die aktiv gegen eine absterbende Innenstadt vorgehen wollen – erfolgreich, wie das Beispiel Sulzbach-Rosenberg zeigte.

„Um das Investitionsklima zu verbessern, können Maßnahmen wie der Bund-Länder-Pakt zur Planungsbeschleunigung nur ein Anfang sein“, sagt IHK-Präsident Michael Matt. Foto: altrofoto.de