Frischer Wind für die Altstadt: Neue Managerin will das Einkaufen zum Erlebnis machen

Von Marion Koller · 11. Januar 2024 um 10:00

Maria Müller, die neue Chefin der Kaufleute-Vereinigung Faszination Altstadt in Regensburg, setzt auf Verkehrsberuhigung, mehr Grün und enge Kooperation mit den Einzelhändlern.

Von ihrem Bürofenster im Sparkassengebäude sieht Müller auf den Neupfarrplatz. „So ein schöner Ausblick“, freut sich die neue Geschäftsführerin von Faszination Altstadt. Dann fällt ihr Blick auf die Galeria Kaufhof. Dass der Konzern am Dienstag zum dritten Mal die Insolvenz angemeldet hat, treibt ihr die Sorgenfalten auf die Stirn.

„Ich hoffe, dass es gelingt, den Standort zu retten. Es ist trotz der Entwicklungen der letzten Jahre ein sehr motiviertes und engagiertes Team“, sagt die 38-Jährige. Das Kaufhaus spreche eine breite Zielgruppe an. „Eine Schließung würde bedeuten, dass 20 Prozent der Verkaufsfläche in der Altstadt weg wären.“ Der Einzelhandel im Welterbe bietet Waren auf 62.000 Quadratmetern an, die Galeria allein verfügt über 12.000 Quadratmeter.

Maria Müller arbeitet seit drei Monaten bei ihrem Vorgänger Ingo Saar mit. Am Montag hat sie die neue Aufgabe offiziell übernommen. Mit Master-Abschlüssen in Tourismusmanagement und Betriebswirtschaftslehre ist sie gut gewappnet.

Auch Erfahrung als Selbstständige gesammelt

Müller war bei der Deutschen Zentrale für Tourismus in Frankfurt zuständig für die Vermarktung Deutschlands in Ost- und Nordeuropa. Ihr Mann ein Maschinenbau-Ingenieur, hat schon länger in Regensburg gearbeitet, inzwischen ist er bei Vitesco. Lange ist Maria Müller gependelt. „Wir haben unsere Gehaltszettel nebeneinandergelegt, und dann war klar, dass der Tourismus zum Maschinenbau zieht“, sagt die Frau mit dem kaum hörbaren russischen Akzent.

In der Domstadt machte sie sich mit einer Marketingagentur selbstständig. Doch Corona bremste den Tourismus aus. Müller hat es genossen, eine Zeit lang nicht so viel reisen zu müssen. Vorher habe sich Regensburg nicht wie Zuhause angefühlt. Sie hatte eine ganze Weile selbst Naturkosmetik hergestellt und mietete einen Laden in der Kramgasse, wo sie ihre zertifizierten Cremes anbot, aber auch die Rohstoffe verkaufte und Workshops veranstaltete. Die Umsätze reichten nicht zur Kostendeckung aus. Im September erfuhr sie von der Stelle bei Faszination Altstadt und bewarb sich.

Die 38-Jährige verteilt vier hübsch gestaltete Broschüren für den neuen Altstadt-Gutschein auf dem Bürotisch. Ein Titelbild zeigt ein Saxophon und Noten, ein anderes eine Regensburg-Silhouette und Einkaufstaschen. Um die breite Einführung des Gutscheins wird sich Maria Müller kümmern. Er ist seit Juli erhältlich und löst nun den Altstadt-Zehner ab. Die Gutscheine kann man im Netz und an den bekannten Verkaufsstellen erwerben. Auch einen individuellen Betrag können die Kunden eingeben. Die Karten tragen einen QR-Code, mit dem man Teilbeträge einlösen kann. 67 Händler und Dienstleister, von Spielzeug Selmair bis Farben Eckert, machen mit. Die Altstadt-Managerin möchte noch mehr Geschäftsleute gewinnen – und Arbeitgeber, die ihren Beschäftigten eine steuerfreie Anerkennung zukommen lassen wollen. Knapp 1500 Gutscheine wurden bisher verkauft.

Altstadt-Zehner und Gutscheine für 1,4 Millionen Euro

Seit 2015 haben Kunden Altstadt-Zehner und später Gutscheine für 1,4 Millionen Euro gekauft. Allein im Dezember haben Regensburger dafür 15000 Euro ausgegeben. Noch bis Ende 2026 kann der Altstadt-Zehner eingelöst werden. „Wir sind dabei, unsere Mitglieder auf die Umstellung aufmerksam zu machen.“ Ausschlagend sei, dass die Kunden das Geld in die Altstadt tragen.

Die Kaufleute-Vereinigung Faszination Altstadt wird das Straßenkunstfestival, Straßenfeste in den Gassen und das Herbstfest am Neupfarrplatz veranstalten. Ein Play Fountain soll erneut kommen und nicht nur Kindern eine Abfrischung ermöglichen. Wasser und Grün in der Stadt: Das sind zwei der wichtigsten Themen für Müller. Auch der 100 Quadratmeter große Play Fountain trage zur Abkühlung und Klimaresilienz bei. „Jeder Tropfen Wasser und jeder grüne Streifen zählen“, betont sie. „Es wird eine der größten Herausforderungen sein, dass wir uns Konzepte überlegen, um den Aufenthalt im Welterbe an heißen Tagen angenehmer zu machen.“

Mit den Regensburger Kaufleuten, dem zweiten Zusammenschluss von Einzelhändlern und Gastronomen, möchte die Faszination-Geschäftsführerin bei allen Vorhaben zusammenwirken, bei denen es einen gemeinsamen Nenner gibt. Keinen Konsens wird es wohl beim Thema Verkehr geben. Müller tritt für die Verkehrsberuhigung des Welterbes ein, die auch die Stadt anstrebt. „Keine Metropole überlegt sich, mehr Parkplätze in der Innenstadt zu schaffen.“ Parkplätze zögen Verkehr nach sich. „Mehr Autos tragen nicht zur Aufenthaltsqualität bei.“

Müller hat vor, die Mitglieder stärker zu vernetzen, etwa mit dem Format „Einsichten“, bei dem sich Geschäftsleute mit ihrer Passion und ihrem Sortiment den anderen Einzelhändlern vorstellen. „Man könnte das auf die Kunden ausweiten“, schwebt ihr vor. Dessau zum Beispiel veranstaltet ein „Heimat shoppen“, bei dem sich Handel und Gastronomie von ihrer besten Seite zeigen.

Die Leerstände seien traurig und für Kunden natürlich unattraktiv. „Es gibt flexible Vermieter und Vermieter, die sich sperren.“ Eine Handhabe der Stadt existiere kaum.

Appell an die Vermieter

Müller wird an die Hauseigentümer appellieren, ihre Räume für neue Konzepte zu öffnen. Sie sollten gerade im Welterbe Verantwortung übernehmen, Pop-up-Geschäfte und Mischkonzepte zulassen. Dass Sabina Haberkorn in ihrem großen „Kinderzimmer“-Laden in der Simadergasse nicht nur Kinder betreut, sondern eine Weile auch noch Schwangerenmode anbot, begrüßt Müller. Sie versteht sich als Ansprechpartnerin für Vermieter, Händler und Freiberufliche. „Auch wenn es kritische Punkte gibt, können wir in Regensburg stolz sein auf das, was wir haben.“ Der inhabergeführte Einzelhandel begeistere auch Besucher. „Wenn wir eng zusammenarbeiten, können wir diese Einzigartigkeit bewahren.“

Geschäftsführerin in Sachsen

Laufbahn: Maria Müller hat nach dem Studium als Geschäftsführerin des Regionalverbands Sächsisches Elbland angefangen und eine neue touristische Strategie für die Region entwickelt. „Es ging darum. dass die Region auf Dresden zugegangen ist. Wir wollten uns gemeinsam vermarkten“, sagt sie. Touristische Ziele und die Interessenvertretung gegenüber der Politik standen im Vordergrund. Nach einer weiteren Station bei der Deutschen Zentrale für Tourismus in Frankfurt ist sie nach Regensburg gewechselt.

Geburtsort: Die neue Geschäftsführerin von Faszination Altstadt ist eine gebürtige Russin aus Saratow an der Wolga. 2014 ist sie mit ihrem Mann nach Deutschland gegangen.

Familie: Das Paar hat eine Tochter (7), die im Herbst in die Schule gekommen ist.

Faszination Altstadt: 152 Einzelhändler, Freiberufliche, Gastronomen und Hauseigentümer gehören dem Verein an.