Drei Zimmer, Küche, Altar: Auch in Ostbayern werden Kirchen umfunktioniert

Von Isolde Stöcker-Gietl · 30. Januar 2024 um 19:00

Die Kreuzkirche, die Erlöserkirche, die Theresienkirche: Mehrere Kirchen in der Region werden profaniert, weil die Investitionskosten hoch und Gläubige zu wenig sind. In Kelheim sind Ferienwohnungen entstanden. Ein Konzept auch für katholische Gotteshäuser?

Da, wo einst die Gottesdienstbesucher mit großer Inbrunst „Großer Gott, wir loben dich“ gesungen haben, steht heute eine Couch samt Regalwand. Neben der wuchtigen Orgel ist ein kuscheliges Doppelbett platziert. Flachbildfernseher, Bücherstapel und ausgewählte Deko im Boho-Style haben sich mit Ambo und Altar zu einem neuen Konzept verbunden. Aus der ehemaligen Lukaskirche in Kelheim ist ein Ferienhaus mit drei Wohnungen entstanden. 2021 hatte ein Architekt das Objekt für eine halbe Million Euro gekauft und eine ähnliche Summe in den Umbau gesteckt. Zuvor war fünf Jahre vergeblich nach einem Investor für den 1961 errichteten Rundbau gesucht worden. So wie inzwischen für weitere katholische und evangelische Kirchen in Ostbayern neue Nutzungskonzepte diskutiert werden. Denn es gibt zu viele Gotteshäuser für die sinkende Zahl von Gläubigen.

Laut Statista gab es 2004 in Deutschland 24.500 katholische Kirchen und 21.100 evangelische. Außerdem etwa 2800 Moscheen. Nach einem Positionspapier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und des katholischen Verbands der Diözesen Deutschlands (VDD) aus dem vergangenen Jahr werden sich die beiden großen Glaubensgemeinschaften bis 2060 von bis zu 40.000 ihrer Immobilien trennen müssen. Vorrangig Pfarrhäuser und Gemeindezentren, heißt es, aber auch die eine oder andere Kirche werde wohl nicht erhalten werden können. Diesen Gebäuden könnte dann sogar der Abriss drohen.

Sozialwohnungen entstehen in Regensburger Kreuzkirche

So wie die Kreuzkirche in Regensburg. Das evangelische Gotteshaus wurde schon seit längerem nicht mehr von Protestanten genutzt, zuletzt hatte die Gemeinschaft der Altkatholiken dort Gottesdienste gefeiert. 2022 wurde das etwa 60 Jahre alte Gebäude von Regionalbischof Klaus Stiegler endgültig entwidmet. Jetzt sollen auf dem Gelände 40 Sozialwohnungen und eine Kindertagesstätte entstehen. „Im Moment laufen die Verhandlungen mit der Stadt zum Bebauungsplan“, so Anke Polednik, Öffentlichkeitsreferentin im Donaudekanat Regensburg. Auf die schmerzhafte Entscheidung sei inzwischen Zuversicht gefolgt, sagte Regionalbischof Klaus Stiegler vor wenigen Wochen in einem Interview. Die evangelische Kirche bleibe im Stadtosten präsent, „nicht in Form von Gottesdiensten, sondern indem wir Menschen in Notlagen unterstützen“.

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Konzepte, wie sie auch an anderen Orten denkbar wären? In Beratzhausen (Landkreis Regensburg) graben sich derzeit die Bagger rund um die evangelisch-lutherische Erlöserkirche in den Boden. Dort entsteht ein Lebenshilfeprojekt mit 24 Wohnplätzen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Die Kirche wird als zentraler Treffpunkt in der neuen Nutzung erhalten bleiben. Auch hier zeigt sich Pfarrerin Julia Sollinger mit der künftigen Nutzung hoch zufrieden. Hier würden wesentliche Teile der christlichen Arbeit umgesetzt: „Gemeinschaft leben, neue Impulse setzen, sich sehen und verstehen.“

Katholische Kirche tut sich schwer mit Aufgabe von Kirchen

Während die evangelische Kirche die ersten Schritte zu neuem Leben in Kirchenräumen bereits geht, tut sich die katholische Kirche deutlich schwerer mit der Auflassung. „Jede Profanierung eines Gotteshauses ist ein schmerzlicher Prozess“, sagt Jakob Schötz, Sprecher des Bistums Regensburg. Im Bistum gebe es lediglich sehr wenige Fälle, in denen über eine Profanierung nachgedacht werde. Dabei handelte es sich auch nur um Filial- oder Nebenkirchen, aber nicht um Pfarrkirchen, betont Schötz. Die Entscheidungen zur Profanierung müsse die jeweilige Kirchenstiftung vor Ort als zuständiger Rechtträger treffen.

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In Regensburg werden derzeit zwei katholische Gotteshäuser einer neuen Bestimmung zugeführt. In St. Theresia im Stadtteil Kumpfmühl wird am 31. Juli der letzte Gottesdienst gefeiert. Der Orden der Unbeschuhten Karmeliten hat die marode Kirche samt angrenzender Gebäude an einen Investor verkauft. An wen, wurde bislang nicht vermeldet. Eine Anfrage beim in München ansässigen Provinzial Pater Raoul Kiyangi blieb am Dienstag unbeantwortet. Auch über das künftige Nutzungskonzept drang bislang kaum etwas an die Öffentlichkeit. Es wird wohl über eine Zusammenarbeit mit der Katholischen Hochschule für Kirchenmusik verhandelt.

Im Regensburger Stadtwesten wurde die zur Pfarrei Herz Marien gehörende Fidelis-Kirche am 19. Dezember entweiht. Pfarrer Heinrich Börner holte bei dem festlichen Gottesdienst das „Ewige Licht“ von der Wandbefestigung und segnete damit noch einmal die Gläubigen. Dann blies er die Flamme aus. Börner nannte es eine „historische Zäsur“. Die unter Denkmalschutz stehende, gut 100 Jahre alte Kirche direkt neben dem Goethe-Gymnasium ist baufällig und soll nun als Ensemble mit dem angrenzenden Studentenwohnheim veräußert werden. Das einstige Kloster bereits vom Goethe-Gymnasium genutzt. Eine Erweiterung des Schulareals steht deshalb im Raum. Verhandlungen mit der Stadt laufen. Der Rahmen für Veräußerungen von Kirchen ist laut Bistumssprecher Schötz eng gesteckt. Es dürfe kein „unwürdiger Gebrauch“ nachfolgen. Umnutzungen sollten dem Gemeinwohl dienen.“

Pfingstrittmuseum in Bad Kötztinger Kirche

In Bad Kötzting (Landkreis Cham) könnte bald eine Entscheidung über die Profanierung der frühbarocken Filialkirche St. Veit fallen. In der Pfingstrittstadt, wo der Glaube noch stark verwurzelt ist, gibt es neben der Stadtpfarrkirche eine Reihe weiterer Kirchen in der Pfarreiengemeinschaft. Laut Bistumssprecher Schötz wird voraussichtlich im März eingehend darüber diskutiert. Im Gespräch für das verfallende Bauwerk ist unter anderem eine Erweiterung des Pfingstritt-Museums.

Die Bürgerspitalkirche in Amberg wurde 2016 profaniert. Hier fehlt der Stadt bis heute ein Konzept für eine weltliche Nutzung, sagt der Bistumssprecher. Und die Frauenkirche in Amberg will die zuständige Pfarrei St. Michael bereits seit 2018 in eine weltliche Nutzung überführen. Doch bislang gibt es keinen offiziellen Beschluss der Kirchenverwaltung für die Profanierung der Hallenkirche, die mit ihrer besonderen Akkustik beeindruckt.

Es sei eine „schwierige Lage“ in der sich die Kirchen befänden, sagt der für Burglengenfeld (Landkreis Schwandorf) zuständige Dekan Michael Hirmer. Zum einen gebe es immer weniger Gottesdienstbesucher, zum anderen fehlten die finanziellen Mittel, um jede Kirche zu erhalten. „Braucht es zwei Kirchen in einem Ort, wenn immer weniger Menschen in die Kirchen kommen?“, fragt der katholische Geistliche. Er nennt etwa die Kreuzbergkirche in Burglengenfeld und die Kirche auf dem Kapellenberg in Rohrbach bei Kallmünz, die nur noch sporadisch genutzt würden. Auch in Maxhütte-Haidhof seien zwei Kirchen nach heutigem Maßstab überdimensioniert. Aufgrund der hohen finanziellen Unterhaltskosten wäre es seiner Meinung nach sinnvoll, den einen oder anderen Verkauf zu forcieren. „Das Wichtigste ist doch, dass die Gebäude erhalten werden können.“

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Die Ferienwohnungen in der Lukaskirche sind ein voller Erfolg. „Ein außergewöhnlicher Ort“ heißt es in Bewertungen der Buchungsportale.

Die Erlöserkirche Beratzhausen wird umgebaut. F.: Kroboth
Die Kreuzkirche weicht sozialem Wohnungsbau. Foto: Pfeifer
St. Theresia in Regensburg wird im Juli profaniert F.: Wendl
St. Veit Bad Kötzting: Hier steht eine Entscheidung an. F.: Weber