Hochwasserschutz Mitterdorf: Von großen Plänen bis zum bitteren Aus

Von Bastian Schreiner · 29. Januar 2024 um 05:00

In Roding ist es gelungen, Hochwasserschutz und Städtebau unter einen Hut zu bringen. Die Ergebnisse sind deutlich sichtbar – die Regenuferpromenade ist ein beliebter Treffpunkt und etablierter Veranstaltungsort. Auch für Mitterdorf war eine ähnliche Lösung angedacht. Mit der neuen Brücke steht das „Herzstück“ des Projekts seit einem Jahr, doch der Bau des Hochwasserschutzes lässt auf sich warten. Wegen fehlender Haushaltsmittel hat das Umweltministerium die Maßnahme nun auf unbestimmte Zeit verschoben. Ein Rückblick:

November 2015: Wie in der Stadtratssitzung bekannt wird sollen Hochwasserschutz und Städtebauförderung auch in Mitterdorf als gemeinsames Projekt verwirklicht werden. Markantester Teil wird eine Brücke für Fußgänger und Radler zwischen dem Esper und dem Ortsteil sein. Die Gesamtmaßnahme soll laut ersten Schätzungen vier Millionen Euro kosten.

Februar 2016: Da die Mitterdorfer die Befürchtung hegen, dass sie durch den Hochwasserschutz in Roding noch stärker als bisher in Mitleidenschaft gezogen werden, möchte die Stadt rasch Nägel mit Köpfen machen. Ziel der Gesamtmaßnahme sei es, eine harmonisch und anspruchsvoll gestaltete Verbindung des Flusses mit der Stadt wiederherzustellen, diesen erlebbar zu machen und gleichzeitig die Bebauung vor Hochwasser zu schützen. Die Verwirklichung des Projekts steht für die Jahre 2018 und 2019 im Investitionsprogramm.

Juli 2016: Bei einem Festakt wird die Fertigstellung der Maßnahme in Roding offiziell gefeiert. „Ein Maßanzug, der Roding gut steht“, betont der damalige Regierungspräsident Axel Bartelt. Das Leben sei nun ein Stück sicherer

September 2016: Ein Ingenieurbüro führt Vermessungsarbeiten am Regenufer sowie auf privaten Grundstücken durch.

August 2017: Die Bewohner müssen sich noch gedulden, denn die Planungen befinden sich erst im Anfangsstadium. „Zwar steht der Vorentwurf kurz vor dem Abschluss, der mögliche Baustart ist aber noch völlig offen“, sagt Alfons Lerch, Abteilungsleiter am Wasserwirtschaftsamt.

Februar 2018: Bei einem Pressegespräch verkünden Alfons Lerch und Bürgermeister Franz Reichold, dass der Ortsteil spätestens im Jahr 2023 sicher vor den Fluten seien. Die Regierung der Oberpfalz hat der Fortführung der Planungen zugestimmt. Angaben zu Baukosten werden nicht gemacht.

August 2018: Der Brückenschlag soll aus städtebaulicher Sicht der Dreh- und Angelpunkt für das Gesamtprojekt werden. Dafür wird ein europaweiter Ideenwettbewerb ausgelobt. Ziel ist es, dass Architekten trotz präziser Vorgaben Alternativen liefern.

März 2019: Der Sieger des Ideenwettbewerbs steht fest: Nach einer langwierigen Sitzung entscheidet sich die Jury für das Modell des Büros DKFS Architects aus London. Die Planer des „künstlerischen Brückenschlags“ erhalten ein Preisgeld von 30000 Euro. Insgesamt elf Entwürfe waren eingegangen.

August 2019: Die Stadt geht davon aus, dass der Spatenstich im Jahr 2020 erfolgen soll. Der Brückenschlag ist „Am Graben“ geplant.

Juli 2020: Der Brückenschlag vom Esper nach Mitterdorf gilt als Einstieg in den Hochwasserschutz. Doch Corona hat die (Zeit-)Pläne ins Wanken gebracht.

September 2020: Nach einer kontroversen Debatte spricht sich der neue Stadtrat mit 12:11 Stimmen gegen das Leuchtturmprojekt aus. Wegen steigender Kosten, gleichbleibender Fördergelder, coronabedingter Steuerausfälle und Bedenken der Bürger beschließt man das Aus für die Brücke. Die Zusage für den Hochwasserschutz steht aber weiterhin.

Oktober 2020: Im zweiten Anlauf – nachdem dem Stadtrat Fehlinformationen vorlagen – stimmt das Gremium doch noch für das Projekt in Mitterdorf. Mit 22:2 Stimmen fällt die Entscheidung deutlich aus.

März 2021: Vor Ort stellen Bürgermeisterin Alexandra Riedl und Alfons Lerch vom Wasserwirtschaftsamt die aktuellen Pläne vor. Ab November 2021 soll die Brücke „Am Graben“ gebaut werden. Frühestens 2025 wird dann der Ortsteil vor Hochwasser sicher.

Juli 2021: Die Trasse beginnt südlich der B 85, verläuft direkt am Regenfluss und endet beim Sportplatz. Die Mauern, die überwiegend aus Stahlbeton bestehen sollen, werden entlang der Uferpromenade bis zu 3,5 Meter über das Gelände herausragen. Aufgrund der engen Verhältnisse muss die Mauer sehr nah an die Bebauung heranrücken. Im Bereich des Fußballplatzes wird eine Spundwand errichtet.

Oktober 2021: Erstmals tagt das Hochwasserforum. Das Großprojekt mit Hochwasserschutz und Städtebau soll zügig vorangehen.

Dezember 2021: Fast still und heimlich startet der Bau der neuen Brücke. Dafür muss das alte Mitterdorfer Feuerwehrhaus weichen.

April 2022: Es laufen Gespräche mit den Anliegern. Ziel ist es, dass der Schutzwall nicht groß ins Auge fällt. Neben der Betonmauer ist ein Umfeld mit Erholungsfaktor geplant. Für den Hochwasserschutz sind 7,5 Millionen Euro veranschlagt. Beim Brückenbau hakt es, da 270 Tonnen Stahl aus der Ukraine fehlen. Die Bürgermeisterin spricht von „Supergau“.

Dezember 2022: Ein schwedischer Hersteller kann den Stahl liefern – das erste Brückenteil wird eingehoben.

März 2023: Das letzte von insgesamt sechs Teilen der neuen Geh- und Radwegbrücke zwischen Roding wird mit einem Spezialkran auf seinen Platz gehievt.

September 2023: Nach der Fertigstellung im Mai kann die neue Brücke dank eines Provisoriums nun endlich genutzt werden. Der Baustart für den Hochwasserschutz steht unterdessen in den Sternen.

Oktober 2023: Wie das Wasserwirtschaftsamt Regensburg auf Nachfrage mitteilt, fehle derzeit das Geld, und andere Projekte würden priorisiert. Der Hochwasserschutz scheint damit in weiter Ferne zu sein.

Januar 2024: Der geplante und zugesagte Hochwasserschutz für Mitterdorf wird vorerst gestoppt. Das hat das Umweltministerium entschieden. Da die Kosten explodiert sind (14 Millionen Euro) und Haushaltsmittel fehlen, wird das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben. Das sorgt sowohl bei der Stadt als auch den Anwohnern für Frust und Enttäuschung, zumal man immer wieder vertröstet wurde.

Ein Modell der Hochwasserschutzmauer aus Beton mit den Gestaltungselementen kann man am Mitterdorfer Sportplatz begutachten. Foto: Christoph Klöckner/Archiv
Alfons Lerch (links) stellt bereits 2018 erste Pläne im Rathaus vor. Foto: Bastian Schreiner/Archiv