Fischzug in Siegenburg: Am Aschermittwoch soll nichts vom Bier übrig bleiben

Mit Zylinder, Fisch und so manchem „Biernoagerl“ wird in Siegenburg seit 2010 der Fasching verabschiedet.
Wochenlang Halligalli und dann plötzlich das große Nichts? Das kann schon mal ganz schön hart werden. Dass der Übergang von der Faschings- in die Fastenzeit etwas weniger schmerzhaft ist, dafür sorgt in Siegenburg der Fischzug. Seit 2010 stapfen ernst dreinschauende Männer mit Grabesmine und Zylinder auf dem Kopf am Aschermittwoch gegen fünf Uhr abends aufs Trottoir, ziehend schweigend durchs Dorf – und steuern das nächste Wirtshaus an. Ihre Mission: dort Platz zu schaffen für das kommende Starkbier, nichts mehr vom Feierbier, das zu Faschingszeiten ausgeschenkt wurde, soll übrig bleiben und schlecht werden. Also am Besten weg damit!
Strenge Regularien
Doch falsch gedacht, wer meint, das Ritual sei ein reines Besäufnis: Die Regularien, denen sich die mittlerweile 18 Herren im besten Alter unterwerfen, die sind streng: Jeder muss im schwarzen Anzug, mit Krawatte und Zylinder bei Manuel Frankl, dem „Anführer“ des Fischzugs erscheinen. Im Haus wird dann jedem Teilnehmer ein Kreidefisch auf die Jacke gemalt. Aber wehe, man nimmt sein Sakko ab, um sich das Gekritzel anzuschauen, dann sind fünf Euro fällig.
Genauso, wenn während des Gangs durchs Dorf geplappert wird. „Sobald wir bei mir an der Hofschwelle stehen, herrscht Redeverbot“, sagt Frankl. Sonst ist gleich der nächste Fünfer fällig. Trauerzuggleich – schließlich soll ja der Fasching zu Grabe getragen werden – setzt sich der Tross dann in Bewegung. Erster Gang: Supermarkt: Dort decken sich die finster dreinschauenden Gesellen mit Fisch, vornehmlich Rollmops und Semmeln, ein. Blöd nur, dass der Filialleiter schon mit einem Schnapserl auf sie wartet. Eine Zwickmühle, denn ablehnen wäre unhöflich. Aber ein Schnapserl anzunehmen, kostet wiederum fünf Euro, und zwar für jeden.
Die Semmeln samt Fisch kommen ins Körbchen und dann geht es weiter zum nächsten Supermarkt. Der Zugführer geht voran, der Fahnenträger folgt, dann kommt der Fisch- und Brotmeister, Beisitzer und Mitgeher ziehen nach. Den Abschluss macht der Kassier, etwaige „Vergehen“ stets im Blick. Dazu zählt zum Beispiel, wenn die Gruppe beim Abbiegen nicht den rechten Winkel einhält: Zack, wieder fünf Euro fällig.
Nur an Brücken, über dem Wasser also, darf geredet und gequasselt werden. So muss zum Beispiel beim Geldbeutelwaschen im Siegbach nach dem Motto „Damit der Beutel sauber wird und für neues Geld attraktiv – so wascht den Beutel
-Taucht ihn tief!“ freilich nicht geschwiegen werden. Mit dem Geldbeutelwaschen soll das Faschingsgeld weg „geschwemmt“ und wieder Platz geschaffen werden für neues Geld. Dann geht es weiter, in fünf verschiedene Lokale. Dort bekommen die Herren ein Bier serviert, selbstverständlich bezahlt aus der Strafkasse. Und wenn der Wirt einen Schalk im Nacken hat, dann stellt er den Schnaps gleich mit dazu. Muss dann mal einer auf Toilette, dann geht ein Aufpasser mit. Der überwacht dann, dass man sich den Fisch auf den Rücken nicht im Spiegel ansieht.
Weil so viele Regeln schon einmal durstig machen können, geht auch das eingesammelte Geld schneller zu neige, als manchem lieb sein dürfte. Hungrig ist man dann am Ende des Abends nicht mehr, „der Fisch kann keinen Fisch mehr sehen“, bringt es Frankl auf den Punkt. Durstig dann irgendwann wahrscheinlich auch nicht mehr.
„After-Fasching“ in Hütte
Am nächsten Morgen zieht es im Übrigen „nur die Harten“ , wie Frankl sagt, in die Arbeit. Die meisten haben Urlaub, fahren dann mit der Siegonia, aus deren Elferrat sich der Fischzug einst auch gebildet hatte, weiter zu einer Hütte in den Bayerischen Wald. Dort wird dann in den kommenden Tagen der Fasching „nachbesprochen“.
Lange Tradition, auch mit Frauen:
Brauch in der Oberpfalz: Der Brauch des Fischzugs ist im Landkreis Amberg-Sulzbach weit verbreitet. So besteht er zum Beispiel in Schmidmühlen schon seit 100 Jahren.
Anderswo, beispielsweise in Kümmersbruck in der Oberpfalz beteiligen sich auch Frauen am Fischzug.
Altes Bier musste weg: Angeblich reiche die Tradition des Fischzugs auf das 18. Jahrhundert und weiter zurück, was aber nicht belegt werden kann. Das von der Faschingszeit übriggebliebene, aufgrund von begrenzter Lagermöglichkeit gefährdete Bier musste weg. So kamen viele Maßen zusammen.
