Geburtshaus statt Kreissaal: In der Morgenrothmühle in Siegenburg fängt das Leben an

Alternative zur Klinik: Im Geburtshaus Morgenroth können Frauen ihre Kinder zur Welt bringen. Auch Schwangere aus dem Bayerischen Wald kommen hierher.
Ein kleines Schild an der Straße, ein frei stehendes Haus, ein Schrei ins Leben, der bisweilen die Stille zerreißt. In der Idylle des Geburtshauses Morgenroth können sich Mamas auf ihr neues Leben vorbereiten, in einem intimen Rahmen ihr Kind zur Welt bringen.
Was einst als Austragshäusl eines kinderlosen Ehepaars gedacht war, ist jetzt ein Geburtshaus. Seit 1970 ist das Gebäude in Familienbesitz der Mayers. Nach dem Tod seiner Eltern stellte sich für Anita Mayers Gatte die Frage, was mit dem Haus geschehen soll. Fünf Jahre lang haben sie das fast 100 Jahre alte Haus aufwendig renoviert. Die alte Bausubstanz wurde, so gut es ging, erhalten. Am Treppenaufgang erinnern alte Bilder an die ehemaligen Hausbesitzer, auch an die kinderlose Frau, die nach dem Krieg mit einer Flüchtlingsfamilie hier gewohnt hatte, um deren Kinder sie sich auch gekümmert hatte.
Objekt ist perfekt
Als die Mayers vor ein paar Jahren das Objekt zur Vermietung ausschrieben, gab es viele Anfragen, aber so richtig passen wollte es nicht. Bis Ines Voigtländer anrief. Anita Mayer und sie waren sich auf Anhieb sympathisch. Voigtländer zog mit ihrer Familie ein und unterbreitete Mayer dann bald ihre Idee, das Objekt als Geburtshaus nutzen zu dürfen.
Voigtländer ist seit mehr als 30 Jahren Hebamme, machte aber lange Zeit nur noch Vor- und Nachbetreuung. Zurück in den Klinikalltag als Beleghebamme, das konnte sie sich nicht mehr vorstellen. „Ganz viel Intimität, Geborgenheit , Eins- zu -Eins-Betreuung und kein Zeitstress“, das ist es, was sie sich von einem Geburtshaus erhoffte. Und um diese Bedingungen zu schaffen, dafür sei das Haus an der Morgenrothmühle perfekt. Alleinlage, viel Platz, eine gute Anbindung zu größeren Straßen, aber dennoch ruhig, und rundherum ein schöner, grüner parkartiger Garten mit Gewässer – kurzum: Für die Frauen genügend Ruhe, um sich auf ihre Geburt zu konzentrieren.
Mayer war ziemlich schnell angetan von den Plänen, räumt aber auch ein: „Es gehört ein bisschen Mut dazu, dass man diesen Schritt geht“. Und freilich auch etwas Aufwand: Die Nutzungsänderung für das Gebäude sei nicht ganz einfach gewesen.
Das Haus eröffnete im April 2022 mit Entbindungsräumen, einer Küche und einem Seminarraum unter dem Dach. Mit einem Team von zwei Hebammen und künftig noch einer dritten Kraft betreut Voigtländer die Frauen von der Schwangerschaft bis nach der Geburt. Hier finden verschiedene Kurse statt, etwa zur Geburtsvorbereitung, aber auch Geschwisterkurse oder Eltern-Kind-Kurse, die auch Müttern, die nicht hier entbinden wollen, offen stehen.
Mit der Geburt ist es nicht getan, auch nach der Geburt besuchen Voigtländer und ihr Team, Anna- Katharina Mühle und Magdalena Hausner die Frauen, und zwar bis zu zehnmal: „Die frisch gebackenen Mamas brauchen ja einen Ansprechpartner, fühlen sich manchmal allein gelassen nach der Geburt, da fangen wir Vieles auf.“
Über Monate hinweg werden die Familien begleitet, ein Prozess, der es ihnen auch ermögliche, bei der Geburt entspannen, loslassen zu können, ist Mayer überzeugt. Zumal sie sicher wissen können, dass bei der Geburt eine der Hebammen ihres Vertrauens dabei sein wird.
„Das hier bietet den Frauen eine eigene Welt“, sagt sie. Mayer ist als Mütterpflegerin bei Bedarf zur Stelle, unterstützt Familien nach der Geburt im Haushalt, sofern es gebraucht wird, kocht eine Suppe oder bereitet für die Frauen im Geburtshaus ein Frühstück vor. Sie weiß: „Man muss feinfühlig reingehen, das ist ja der Privatrahmen der Familie.“
Nicht jede Frau kann ihr Kind in einem Geburtshaus oder zuhause auf die Welt bringen. Dafür müssen bestimmte Risiken im Vorfeld ausgeschlossen sein, Kind und Mutter müssen gesund sein. Zudem muss das Geburtshaus auch Auflagen erfüllen.
Im vergangenen Jahr waren es immerhin 53 Frauen, die ihr Kind in diesem Rahmen, im Geburtshaus oder zuhause, zur Welt bringen wollten. Voigtländer und jeweils eine zweite Hebamme unterstützen die Frauen dabei. Rechnet man aber auch die Vor- und Nachbereitungen dazu für Jene, die nicht hier gebären, betreut jede Hebamme des Morgenrothhauses pro Jahr etwa 250 Frauen.
Es gibt nicht viele Geburtshäuser, das nächste ist in Ingolstadt. Insofern mag es auch nicht verwundern, dass auch Frauen aus dem Bayerischen Wald, aus Altmannstein, aus Pfeffenhausen oder aus dem Landkreis Regensburg das Angebot in der Morgenrothmühle nutzen.
Hohe Kosten
Die Gründe dafür, dass Geburtshäuser dünn gesät sind, mögen unter anderem auch darin liegen, dass es selbstständige Hebammen nicht ganz einfach haben. Sie müssen hohe Kosten für die Haftpflichtversicherung vorstrecken (sehe Infokasten). Und ein Blick in die Vergütungsvereinbarung zeigt, dass die Sätze, die eine Hebamme beispielsweise für Hausbesuche und Beratungen abrechnen kann, eher niedrig sind. „Man muss schon überzeugt davon sein, dass man das machen möchte“, sagt Anna-Katharina Mühle, die seit Oktober im Team mit dabei ist.



