Mord am Straßenrand – Darum kümmert sich in Neustadt a.d. Donau der Heimatpfleger

So lieblich und klein sie in der Landschaft stehen, so schwer und traurig ist oft ihre Geschichte: Die mehr als 100 Marterl und Feldkreuze in Neustadt a.d. Donau (Landkreis Kelheim) erzählen nicht nur von der Frömmigkeit der Menschen, sondern auch von Mord und Unglück. Ein Mann kämpft für ihren Erhalt.
Edi Albrecht kümmert sich seit Jahren um die Marterl und Feldkreuze. Und er klärt gleich einmal auf: Was als „Marterl“ bezeichnet wird, ist oft einfachein Kleindenkmal. „Das Wort Marterl bezeichnet keinen Typus, es ist vielmehr eine Botschaft, die die Bedeutung des gebrachten Opfers darstellt“, erklärt der Neustädter Stadtheimatpfleger.
Und so zeugen die Kleindenkmale von unterschiedlichsten Beweggründen, weshalb sie errichtet wurden. Oft ist es die Frömmigkeit der Menschen, um die es geht. Ein anderes Mal geht es um den Schutz der heimischen Fluren. Wieder ein anderes Mal handelt es von einem Verbrechen oder einem Unglück.
So zeugt zum Beispiel an der Straße zwischen Irnsing und Arresting ein Marterl vom brutalen Mord an einem Mädchen: Die sechzehnjährige Jungmagd Walburga, Tochter des Irnsinger Kleinbauern Andreas Ullinger, wurde im November 1886 von ihrem Dienstherrn in der Früh um sieben nach Arresting geschickt, um das Restgeld von 63 Reichsmark für den Kauf eines Stück Viehs zu überbringen.
„Der Steinhauer Anton Riedl aus Hienheim, der von dem Botengang erfahren hatte, passte das Mädchen ab, schlug dann mit einem Stock auf das arme Ding ein und trat mit seinen Nägel beschlagenen Stiefeln auf dem Kopf des Mädchen herum“, sagt der Stadtheimatpfleger. Riedl ließ erst von seinen Kopftritten ab, als er glaubte, dass die 16-Jährige tot war.
„Anschließend riss er den Rocksack mit dem Geld heraus und verschwand mit der Beute. Ein Maurer fand das furchtbar zugerichtete Mädchen, welches man dann nach Arresting brachte. Dort erlag die Jungmagd noch am gleichen Tage ihren äußerst schweren Verletzungen“, berichtet Edi Albrecht.
Tod durch das Fallbeil
Die Neustädter Gendarmeriemannschaft ermittelte den brutalen Raubmörder, dem im Frühjahr 1887 in Amberg der Prozess gemacht wurde und der mit dem Todesurteil endete. Das Urteil wurde am 2. Juli durch den Nachrichter Kißling und seinen Gehilfen mit dem Fallbeil vollzogen.
Das Marterl, dass in Erinnerung an die Tat und zum Gedenken an die Jungmagd errichtet wurde, steht derzeit in der Werkstatt von Steinmetz Rudolf Pfeiffer in Neustadt a.d. Donau. Von der einstigen Schönheit des Marterls ist nichts mehr zu sehen. Als es zu Rudolf Pfeiffer in die Werkstatt kam, war der grüne Sandstein, aus dem es einst angefertigt wurde, verwittert und mit Farbe überpinselt. Moos hatte sich gebildet und Schmutz auf dem Stein abgesetzt. Nur noch mit geübtem Auge war zu erkennen, dass hier ein Steinmetz eine teilweise regelrecht filigrane Arbeit geschaffen hatte.
Pfeiffer soll das Marterl wieder herrichten und hat es deshalb erst einmal zerlegt und gereinigt. „Über den Stein wurde früher mal mit Dispersionsfarbe drüber gestrichen. Unter der Farbe ist der Stein erstickt und deshalb ist er porös geworden“, hat der Steinmetz festgestellt. „Und mit Zement wurde der Sandstein repariert.“ Schlimmer kann es aus Sicht Pfeiffers kaum kommen.
Pfeiffer wird deshalb den Zement durch einen Spezialkitt ersetzen, der mit Farbe angemischt wird. „Das machen sie in der Regensburger Dombauhütte beim Regensburger Dom auch“, sagt er. Und die Kanten und Flächen des Marterls – alles, was es unverwechselbar macht – sollen nachgearbeitet werden. Danach wird auch das kleine Gitter montiert, in der eine Heiligenfigur wieder ihren Platz findet. Eine Tafel, die an dem Marterl montiert wird, wird von dem Schicksal erzählen, dass sich nahe Arresting im Herbst 1886 zugetragen hat.
Über 100 Marterl gibt es noch in Neustadt a.d. Donau. Allein im Ortsteil Marching sollen es zehn Stück sein. Etliche sind renoviert worden, viele warten noch auf die Werkstatt. Der Stadtheimatpfleger ist froh, dass seine Arbeit anerkannt wird. „Der frühere Bürgermeister Thomas Reimer hat mich unterstützt, sein Nachfolger Thomas Memmel tut das auch“, lobt er.
Marterl verschwunden
Dennoch sind manche Feldkreuze und Marterl verschwunden. „Regelmäßig standen die Marterl an Feldrändern. Wenn der Besitzer wechselte, ging das Wissen um den Anlass für ihre Errichtung verloren“, sagt Edi Albrecht. Bisweilen sei aber auch das Bedürfnis für die Pflege der Gedenkstätte verschwunden.
Einmal jedoch war die Situation noch anders. Das Erinnerungsmal am Dettenbachbrückl zwischen Marching und Pirkenbrunn war über 20 Jahre lang verschollen. Der Gedenkstein erinnert an einen Unglücksfall am Dettenbach, wo drei Personen durch Hochwasser den Tod fanden.
Schließlich fand Edi Albrecht heraus: Bei einem Manöver amerikanischer Truppen wurde das Marterl von einem Panzer umgefahren und lag in der Dettenbachböschung. Die heutigen Angehörigen der 1889 verunglückten Bauersleute, die in Lobsing wohnen, bargen das Erinnungsmal und bewahrten es im Stadel auf.


