Pläne für Steinbruch: Reit- und Fahrverein Dirnau bangt um Pferdeparadies in Burglengenfeld

Seit Jahrzehnten ist der Schwanzlhof in Dirnau das sprichwörtliche Reiterparadies. Doch durch die aktuellen Pläne von Heidelberg Materials (HM) scheint das Paradies akut bedroht.
Familie Hofmann hat als Eigentümerin für Pferdeliebhaber eine Infrastruktur aufgebaut, die in der Region einmalig sein dürfte – und vom Reit- und Fahrverein intensiv genutzt wird.
Nun will aber, wie berichtet, der Konzern Heidelberg Materials, seinen Steinbruch noch einmal deutlich erweitern. Bis 2066 soll er um 45 Hektar wachsen. Die erste Stoßrichtung wäre ab 2029 in Richtung Kastenhof – und Dirnau. Schon im ersten Quartal 2024 will das Unternehmen bei der zuständigen Behörde die Genehmigung beantragen. Das Vorhaben sei von existenzieller Bedeutung.
Aus Steinbruch soll letztlich ein See werden
Wie im Dezember vergangenen Jahres sowie bei einer Informationsveranstaltung im Januar zu hören war, hat Heidelberg Materials alles detailliert vorbereitet. Die Verantwortlichen wissen bereits genau, wie sie den Abbau des benötigten Kalksteins weiter vorantreiben würden – und was aus dem Steinbruch am Ende werden soll, nämlich ein See. Durch diverse Gutachten glaubt man auch, die Belastungen für das Umfeld exakt vorhersehen und so steuern zu können, dass die zulässigen Grenzwerte nicht überschritten werden.
Und doch scheinen die Experten bei ihren Voruntersuchungen etwas Wesentliches außer Acht gelassen zu haben: den Pferdehof in Dirnau. Das ist zumindest der Eindruck, den Sarah Reif, Vorsitzende des Reit- und Fahrvereins, und weitere Mitglieder, die jedoch namentlich nicht in Erscheinung treten möchten, beim erwähnten Informationsforum am 6.Januar gewonnen haben.
Informationsforum war eine große Enttäuschung
Die Veranstaltung sei eine einzige Enttäuschung gewesen, sagen sie. Projektleiter Stefan Ventur habe mit seinem Vortrag das Gefühl vermittelt, als seien die Pläne sowieso nicht mehr zu stoppen, und die Experten, die anschließend Rede und Antwort stehen sollten, hätten zugegeben, dass sie von der Existenz eines Reitvereins in unmittelbarer Nähe des Steinbruchs nichts wussten.
Anfang Dezember 2023 hatte das Zementwerk zu einem Informationsforum ins VAZ geladen. Rund 100 Besucher drängten in den Saal. Doch viele zogen sich auch wieder vorzeitig zurück. Die Gründe lesen Sie hier.
Dementsprechend unbefriedigend seien die Aussagen zu drängenden Fragen ausgefallen. Welche Vibrationen und Geräusche sind künftig auf dem Pferdehof durch Sprengungen zu erwarten? Wie stark wird die Staubbelastung sein? Die Gutachter hätten versucht, die Pferdefreunde zu beruhigen, heißt es. Der Staub werde größtenteils „im Kessel bleiben“, und es sei gut möglich, dass sich die Rösser an die Erschütterungen gewöhnten.
Wie reagieren Fluchttiere auf ein „Wumms“?
Sarah Reif und ihre Mitstreiterinnen haben daran große Zweifel. Immerhin seien Pferde Fluchttiere, und zweitens seien längst nicht alle Tiere immer da. Ungezählte würden ja zu den verschiedenen Veranstaltungen immer erst antransportiert. Wie sie sich verhielten, wenn es in enger Nachbarschaft „Wumms“ mache, könne niemand zuverlässig vorhersagen. Sicher sei aber, dass die Belastung deutlich zunehmen werde.
Reif und Co haben auf einer Karte eingezeichnet, wo die heutige Grenze des Steinbruchs liegt und wo sie bis 2066 sein soll. Demnach rückt das Abbaugebiet bis auf wenige Meter an die Flächen heran, die aktuell der offenen Stallhaltung dienen. Die Pferdefreunde haben ferner einen Kreis mit einem Durchmesser von 600 Meter eingezeichnet. Er schließt weite Teile des Schwanzlhofs inklusive Reithallen und Wohngebäude der Landwirtsfamilie Hofmann ein.
Wer bringt die Tiere aus der Evakuierungszone?
Bei einer Sprengung müssten alle Lebewesen, die sich in diesem Rund befinden, vorübergehend evakuiert werden. So jedenfalls haben es Reif und Co beim besagten Infoabend verstanden. Und seitdem fragen sie sich, ob so etwas in der Praxis überhaupt umzusetzen wäre. Am Hof sind mindestens 70 Pferde untergebracht. Auch eine Art Streichelzoo gibt es.
Sarah Reif ruft immer wieder die Homepage des Zementwerks auf. Denn dort sollten alle relevanten Fragen, die am 6.Januar gestellt worden sind, und die Antworten dazu hochgeladen werden.
Bis heute sucht sie danach vergebens, wie sie auch sonst nichts mehr von Heidelberg Materials gehört hat. Die Pferdefreunde sehen in alledem einen krassen Widerspruch zur Selbstdarstellung des Unternehmens.
Widerspruch zur Selbstdarstellung
Auf seiner Website behauptet der Konzern, transparentes und nachbarschaftliches Miteinander gehörten zur Firmenphilosophie. Davon sei in der Praxis nichts zu spüren, sagen Reif und Co. Gleichzeitig betonen sie allerdings, dass sie die Pläne von HM ein Stück weit auch nachvollziehen könnten, denn: „Klar, man braucht die Rohstoffe, man benötigt das Produkt Zement. Wir sind doch nicht weltfremd.“ Ziel müsse es allerdings sein, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen.
Sitzt der Konzern dafür auf einem zu hohen Ross? Unternehmenssprecherin Elke Schönig widerspricht. Allerdings sei der Reitverein selbst kein Nachbar des Zementwerks, sondern der Schwanzlhof. Dessen Eigentümer, die Familie Hofmann, sei bereits 2019 über das Vorhaben inklusive der geplanten Abbaugrenzen persönlich vorinformiert worden. Dasselbe gelte für alle Anwohner in dem Bereich. Inwieweit der Betreiber des Schwanzlhofs die Informationen weitergegeben habe, entziehe sich der Kenntnis des Unternehmens.
Konzernsprecherin versucht zu beruhigen
Ferner versucht Schönig, die Folgen der Expansionspläne für den Verein zu entdramatisieren. Seine Aktivität werde nur während der Sprengungen eingeschränkt. Diese würden sorgfältig geplant und angekündigt. Sie fänden in der Regel in den Vormittagsstunden der Werktage statt. So könnten der Betreiber des Hofs und der Verein entsprechend planen.
Bei einer Sprengung, so Schönig weiter, müsse der Sprengbereich für zehn bis 15 Minuten verlassen werden. Der Abstand zur Wohnbebauung werde mindestens 129 Meter betragen. Man werde im Steinbruch mit niedrigen Wandhöhen arbeiten, um die Erschütterungen so gering wie möglich zu halten. Dadurch werde allerdings die Zahl der Sprengungen steigen, je näher man an die Wohnbebauung rücke. Im Übrigen fordere das Gesetz eine Schutzzone für Menschen, nicht aber für Tiere, so Schönig.
Die Hofbesitzer halten sich noch zurück
Bereits im Dezember hatte Werkleiter Bernhard Reindl betont, das Unternehmen sei bemüht, die Steinbruch-Erweiterung „im Dialog“ hinzubekommen. Er sei daher überzeugt, „dass wir alle berechtigten Belange berücksichtigen können“.
Die MZ hat natürlich auch die Eigentümer des Schwanzlhofs um eine Einordnung der Dinge gebeten. Sie möchten sich aber aktuell noch nicht zur Sache äußern. Hintergrund ist ein laufendes Genehmigungsverfahren für ein weiteres Bauprojekt. Dafür wurde extra ein umfangreiches Gutachten in Auftrag gegeben.
Details zum Reit- und Fahrverein Dirnau
1994 wurde der Verein von einer Schar „Rossnarrischer“ auf dem Schwanzlhof gegründet. Heute zählt er rund 230 Mitglieder. Bereits 1996 wagte man sich an die Ausrichtung eines Dressur- und Springturniers, das seither unter dem Namen Dirnauer Sonnwend-Derby alljährlich am letzten Juni-Wochenende stattfindet. Binnen weniger Jahre hat sich das Derby mit Dressur- und Springprüfungen bis zur Klasse S zu einer dreitägigen Großveranstaltung gemausert. Jedes Jahr sind mehr als 1000 Nennungen aus Niederbayern, der Oberpfalz und vor allem auch aus Franken zu bewältigen. Darüber hinaus wird jährlich ein Westernturnier ausgerichtet. Einige Westernreiter des Vereins haben auch schon internationale Erfolge errungen.
