Kaum Gegenprotest bei Demo der AfD-Räte in Schwandorf: Bündnis will nun aber aktiv werden

Laute Parolen, leiser Gegenwind: Am Dienstagabend demonstrierten rund 250 Teilnehmer zusammen mit den beiden AfD-Kreisräten Reinhard Mixl und Klaus Schuhmacher am Oberen Marktplatz in Schwandorf. Nur sieben Menschen zeigten öffentlich Flagge gegen die Veranstaltung. Nun will das Bündnis gegen Rechtsextremismus aber aktiv werden.
„Ich habe mich gefühlt wie Greta Thunberg am Anfang“, sagt Martin Schmid. Aus dem Schwarzenfelder spricht die Enttäuschung. Er war einer der wenigen, die sich entschieden gegen die Demo am Dienstag stellten – mit selbst gebastelten Plakaten und einer kleinen Musikbox.
Die Szenen erinnerten an die Corona-Zeit, als die beiden AfD-Politiker Reinhard Mixl und Klaus Schuhmacher, deren Partei in Bayern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, wöchentlich zum Widerstand gegen die Politik aufgerufen hatten. Rund 250 Menschen waren am Dienstagabend um 19 Uhr bei der Kundgebung vor Ort. Danach setzte sich ein Protestzug in Bewegung. Die Themen, die an diesem Abend bei offenem Mikrofon im Mittelpunkt standen: zu hohe Energiepreise und Steuern, Inflation, Verfehlungen in der Flüchtlingspolitik sowie die große „Klimalüge“.
Hauptredner Markus Krall im Krankenhaus
Als Hauptredner war Markus Krall angekündigt. Ein AfD-naher Bestsellerautor, der in der Vergangenheit wegen seiner Kontakte in die Reichsbürgerszene um Heinrich XIII. Prinz Reuß für Schlagzeilen gesorgt hatte. Die Organisation, gegen deren Mitglieder unter anderem Anklage wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung erhoben wurde, habe ihn gar als Finanzminister für ihr Schattenkabinett anwerben wollen. Nach neuesten Recherchen der Süddeutschen Zeitung steht Krall der Reichsbürgerszene sogar näher und kennt deren Mitglieder länger, als er bisher selbst eingeräumt hatte.
Doch Krall kam nicht. Wie Organisator Mixl die Teilnehmer zu Beginn der Veranstaltung informierte, musste er krankheitsbedingt absagen. Es sei wohl auch „etwas Ernsteres“. Mixl habe mit Krall telefoniert, der zum Zeitpunkt der Absage im Krankenhaus verweilte. „Aber die Veranstaltung wird auf jeden Fall nachgeholt“, sagte Mixl und erntete frenetischen Beifall.
Die Veranstaltung und der anschließende Protestzug liefen nach Auskunft der Polizei friedlich. Die etwa 250 Teilnehmer hätten die vorher vereinbarten Regelungen befolgt. Unter ihnen sei eine Handvoll Menschen gewesen, die laut Polizei der ultrarechten Szene zuzuordnen sei. Aber auch diese hätten sich unauffällig verhalten. Ein Demonstrant fiel indes mit einer Flagge der schleswig-holsteinischen Landvolkbewegung auf, die laut gut unterrichteten Kreisen unter anderem für Völkischen Nationalismus und Antisemitismus stehe. Und nicht nur das: Die Landvolkbewegung galt auch als einer der Wegbereiter für den Erfolg der NSDAP.
Stilles Gebet in der Pfarrkirche St. Jakob
Mitorganisator Klaus Schuhmacher wollte Mitglieder des ultrarechten Spektrums, die er schon als „NPD-Fritzen“ betitelt hatte, nicht ausgemacht haben. „Ich kenne sie nicht und weiß nicht, wie sie aussehen“, sagte er am Rande der Demo. Es sei ihm aber auch völlig egal, welche politische Gesinnung die Demonstranten hätten. „Solange sie sich an die Regeln halten, darf jeder bei uns mitmachen“, sagte er. Ob die Veranstaltung am Dienstag der Startschuss für eine Reihe von Protesten gewesen sei, könne er noch nicht sagen. „Die Veranstaltung mit Markus Krall wird aber auf jeden Fall nachgeholt.“
Während die Menschen am Oberen Marktplatz ihren Unmut laut kundtaten, waren in der Pfarrkirche St. Jakob um 19.15 Uhr auf Einladung von Pfarrer Christian Kalis etwa 40Menschen zusammengekommen, um 15 Minuten lang Ruhe zu finden und zu beten. Kalis wollte damit dem Lärm, der in der Stadt verbreitet werde, entgegentreten. Die von ihm organisierte alternative Veranstaltung trug den Titel „AEG – Ausschalten – Einschalten – Geht“.
Dreimal waren die Glocken der Jakobskirche am Marktplatz zu hören. 15 und zehn Minuten vor der Veranstaltung, so wie während eines Gebets. Laut Kalis hatte das aber nichts mit der Veranstaltung am Marktplatz zu tun, sondern sei so Usus. Bei den Demonstranten schien dies anders rüberzukommen. Viele blickten verärgert in Richtung Kirche, Mixl nahm gar in seiner Rede darauf Bezug. „Jetzt wollte ich eigentlich über die katholische Kirche schimpfen. Weil diese so lange geläutet hat, dass fast die Glocken kaputt gegangen sind. Und wir bekommen in Schwandorf ja immer was von unserer Kirchensteuer.“
Bündnis fiel lediglich mit unbeleuchtetem Banner auf
Kalis blickt zufrieden auf seine Veranstaltung zurück. 40Teilnehmer seien realistisch gewesen für einen Abendgottesdienst. „Wir wollten keine Parolen rufen oder Reden halten, sondern einfach nur beten“, so der Geistliche. Er hatte das Gefühl, dass die Veranstaltung den Menschen gut getan hat. „Von mir aus können wir das gerne in einem wöchentlichen Rhythmus wiederholen.“
Ansonsten kam von der Gegenseite nicht viel. Bis auf die eingangs erwähnte kleine Menschentraube, die mit etwas Abstand und selbst gebastelten Plakaten öffentlich ihren Protest gegen die Veranstaltung kundtat. „FCK AFD“ war auf den Plakaten ebenso zu lesen wie „Vielfalt statt Einfalt“. Dazu lief John Lennons Hymne „Give Peace a Chance“ über einen kleinen Lautsprecher. „Ich war überrascht, dass in Schwandorf der spontane Protest gegen Hass und Hetze sehr überschaubar war“, sagte Martin Schmid.
Er habe nach den Massenprotesten in Regensburg und vielen weiteren bayerischen Städten gehofft, dass auch in Schwandorf mehr Menschen öffentlich Flagge gegen die von den AfD-Kreisräten organisierten Demo zeigen würden. Schmid fand es unsäglich, welche Inhalte die Redner von sich gegeben hatten. „Die Ampel ist an allem Schuld, wahrscheinlich auch am Wetter“, sagte er. Er findet den „dumpfen Hass, der da geschürt wird“ erschreckend.
Großer Gegenprotest soll am 7. Februar in Schwandorf steigen
Umso enttäuschter sei er deshalb auch gewesen, dass viele, die vorher in der Kirche waren, anschließend an ihm und seine sechs Mitstreiter vorbei gegangen waren, statt zusammen ein Zeichen zu setzen. Auch vom Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus hätte sich Schmid eine klare Kante erhofft. Doch bis auf ein unbeleuchtetes Banner war das Bündnis an diesem Abend nicht sichtbar.
Das sei auch nie die Absicht gewesen, wie Sprecher Frank Möller betonte, der wie ein paar andere Mitglieder bewusst bei der Andacht von Pfarrer Kalis in der Kirche war. „Wir wollen uns nicht von den eventuell wöchentlich stattfindenden Protesten von Mixl und Co anstacheln lassen“, sagte Möller. Zudem hätte eine Gegenveranstaltung, die nur am Unteren Marktplatz möglich gewesen wäre, eine zusätzliche Belastung für die Einsatzkräfte bedeutet.
Man sei am Dienstag nach dem Gottesdienst ins nur etwa 50Meter entfernte Café und Bistro Kamin gegangen, um zu planen. Laut Möller soll es nämlich schon bald in Schwandorf eine große Protestveranstaltung am Marktplatz geben, die unter dem Motto „Nie wieder ist jetzt. Gegen Hass und Hetze“ stattfinden soll. Als Termin nannte Möller nach jetzigem Stand den 7. Februar um 18 Uhr. Am 31.Januar um 15Uhr soll es dazu auch ein Pressegespräch geben.
Möller sei sich wie viele andere bewusst, dass man ein Zeichen setzen müsse. Die AfD spalte die Gesellschaft. „Es ist erschreckend, wie viele Menschen mittlerweile keine Scheu mehr haben, einer Partei hinterherzulaufen, die in drei Bundesländern als gesichert rechtsextrem eingestuft ist und die in Bayern durch den Verfassungsschutz beobachtet wird“, so Möller.
Man hoffe nun, dass die Schwandorfer nicht „demo-müde“ seien und am 7. Februar zusammenstehen – so wie es in anderen Städten schon zu sehen war. Auch Martin Schmid würde sich das wünschen und richtet einen Appell an alle: „Position beziehen, Gesicht zeigen, dagegen halten.“

