Riesen Schaden nach Schneebruch: Waldbauer aus Ihrlerstein steht vor zerstörtem Lebenswerk

Von Martin Rutrecht · 22. Januar 2024 um 19:00

Robert Flotzinger aus Ihrlerstein (Landkreis Kelheim) ist ein gestandener Waldbauer. Doch das Ausmaß des Forstschadens nach dem Schneebruch Anfang Dezember 2023 steckt ihm heute noch in den Knochen. „Das ist einfach nur traurig“, sagt er. Die Ertragsgrundlage für die Zukunft wurde ihm und Kollegen mit einem Schlag zerstört.

„Als achtjähriger Bub habe ich die Baumpflänzchen mit meinem Onkel selbst gesetzt“, erinnert sich Flotzinger. Genau 40 Jahre später ist dieses Lebenswerk auf einen Streich weggewischt. „Zwei von meinen sieben Hektar Waldbesitz sind zerstört“, sagt der Ihrlersteiner. Eigentlich sollten die Bäume – meist Fichten – noch Jahre wachsen, um für die Verwendung in der Holzwirtschaft die ideale Größe zu erlangen.

Doch der Schneebruch Anfang Dezember machte ihm und anderen Waldbauern einen Strich durch die Rechnung. „Der nasse Schnee lag wie auf einem Dach auf den Baumkronen. Irgendwann wurde die Last zu groß und die Bäume knickten reihenweise um“, schildert Ottmar Kürzl, Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung (WBV) Kelheim. Wie Mikado-Stäbchen liegen die Stämme in Forstabschnitten kreuz und quer.

Ausfall im Landkreis Kelheim: Eine Million Euro bricht weg

Insgesamt seien etwa 15.000 Festmeter – ein Festmeter entspricht einem Kubikmeter fester Holzmasse – in den Wäldern des Landkreises zerstört, schätzen Kürzl und WBV-Vorsitzender Rupert Gruber. Vor allem Ihrlerstein, Painten, Schultersdorf und Lindach traf es. Bei der Bezifferung einer Schadenssumme können die Forstexperten nur eine vage Rechnung aufmachen. Wenn man für einen Festmeter guter Baumqualität mit einem Alter von 70, 80 Jahren einen Preis von 80 Euro ansetze, „landet man bei über einer Million Euro Ausfall“, taxiert Gruber.

Für Flotzinger, der auch als Maurer sein Geld verdient, steht nicht der materielle Verlust im Vordergrund. „Beim Wald ist es wie bei einem Kind, das man heranwachsen sieht.“ Fast täglich stecke er Arbeit rein, pflege und hege den Forst, kämpfe gegen Schädlinge an. Mit dem Pflanzen eines Baumes ist es nicht getan, ergänzen auch Gruber und Kürzl. Der Bestand müsse mit zunehmendem Wuchs ausgelichtet werden, um den starken Bäumen Platz zu verschaffen.

Ein Sturm könnte es noch schlimmer machen

Dass gerade rund 40 Jahre alte Fichten – zu 60 Prozent die Hauptbaumart in den Wäldern – wegknickten, liegt an ihren noch vergleichsweise dünnen Stämmen, während die Wipfel dennoch fatale Auflagefläche für Schneemassen bieten. Aber auch Eichen oder Birken mit reichem Blattwerk brachen um. „Wenn ein Sturm reingeht, wird es weitere Schäden geben“, sagen die Forstfachleute

Flotzinger hat mittlerweile fast das gesamte Schadholz aus seinem Wald gebracht, von seinem Maurerberuf nahm er dafür eine Auszeit. Unter dem Einsatz von zwei Harvestern wurden die Bäume rausgezogen. „Mich hat das Aufräumen nochmal nervlich richtig angegriffen.“ Rund 300 Festmeter Holz wurde rausgeschafft. Das kann Flotzinger auch verkaufen (sofern er es nicht für die eigene Hackschnitzelheizung verwendet), aber zwei Drittel davon nur zu einem Festmeterpreis von 25 bis 30 Euro für die Papierindustrie oder als Biomasse. „Das deckt gerade mal die Kosten für die Aufarbeitung.“ Die übrigen 100 Festmeter bringen 40 bis 50 Euro. „Die Arbeitszeit darf ich gar nicht rechnen.“

Nichts da für die nächsten Jahre

Sonst schlägt der Ihrlersteiner jährlich nur 30 Festmeter ein. Für Waldbauern gilt der eherne Grundsatz: Nur so viel wie nachwächst (etwa acht Festmeter pro Hektar), wird auch eingeschlagen. „Für die nächsten zehn Jahre fehlen mir jetzt die Bäume, die mit dem Schneebruch weg sind. Das wäre meine Zukunft gewesen.“ Als Erschwernisausgleich erhalten die Waldbesitzer nach dem Schadensfall 500 Euro pro Hektar. „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Kürzl.

Auch die Zeit tickt: Die umgestürzten Bäume sollten aus den Wäldern sein, ehe der Borkenkäfer Einzug hält. „Wir appellieren an jeden Waldbesitzer, baldmöglichst aufzuräumen“, sagt WBV-Chef Gruber, der eine Lanze für seine Berufskollegen bricht. „Waldbauern arbeiten mit Leidenschaft und Herzblut in und mit der Natur.“

Jetzt pflanzt er für seine Kinder

Robert Flotzinger wird in seinem Wald wieder neu anpflanzen. Jahrzehnte werden vergehen, viel Arbeitsaufwand nötig sein, bis wieder mächtige Bäume stehen. Sie sollen das Versprechen für die nächste Generation sein – die Kinder des Waldbauern sind zehn und zwölf Jahre alt.

Die Bäume liegen kreuz und quer. Geschäftsführer Ottmar Kürzl (l.) und Vorsitzender Rupert Gruber von der Waldbesitzervereinigung Kelheim begutachten einen schweren Schneebruch-Schaden. Foto: Rutrecht