Regensburger Forscher Enzo Weber hat die Digitalisierung untersucht: „Deutschland ist Mittelmaß“

Digitalisierung ist die Zukunft, da sind sich alle einig. Gerade für Unternehmen. Doch Deutschland liegt bei der Digitalisierung in der Europäischen Union im Mittelfeld, wie jüngst der Digitalrat des Bundes der deutschen Arbeitgeberverbände feststellte.
„Das digitale Deutschland – eine Bestandsaufnahme“ ist eine Zwischenbilanz überschrieben, die vom Digitalrat kürzlich veröffentlicht wurde. Einer der Autoren ist der Regensburger Arbeitsmarktforscher Enzo Weber. Sein zusammenfassendes Fazit über die Lage: „Deutschland ist Mittelmaß bei der Digitalisierung.“ Und weiter: „Wir verpassen den Anschluss in Sachen Zukunftsfähigkeit.“
„Das digitale Segel setzen“
Laut dem Experten ist es für Unternehmen von zentraler Bedeutung, ob sie ein „digitales Segel“ haben, das sie setzen können, wenn der Wind der digitalen Zukunft einsetzt. „Es geht nicht nur darum, Abläufe effizienter gestalten zu können – das auch“, sagte Weber der Mediengruppe Bayern. „Es geht vor allem um die Innovationskraft.“ Wer heute nicht gerüstet ist dafür, wie sich die Welt derzeit digital entwickelt, der könne eben keine neuen Geschäftsmodelle entwickeln, der verpasse den Anschluss. „Wir waren bekanntlich das erfolgreichste Industrieland der Welt“, sagte Weber. „Man wird das aber in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt nicht halten können. Jetzt geht es darum, neue Geschäftsmodelle aufzusetzen.“
Doch was ist zu tun? Weber nennt ein Beispiel: 30.000 allgemeinbildende Schulen gibt es in Deutschland. Jährlich werden 300 neue Informatiklehrer ausgebildet. „Das bedeutet: Alle 100 Jahre kommt einer an einer Schule vorbei“, scherzt der Wissenschaftler. Aber das Thema ist ihm ernst: „Es geht nicht darum, Schülern zu erklären, wie sie Computer einsetzen können oder ihr Handy – da sind die jungen Leute ohnehin gut.“ Es gehe darum, den Schülern klar zu machen, wie etwa große Sprachmodelle wie ChatGPT funktionieren, welche Grundlage sie haben, wie die „Architektur und Logik dahinter aussieht“, so Weber. Dass neue Techniken wie Künstliche Intelligenz das Fachkräfte-Problem lösen und den Mangel kompensieren, glaubt Weber auf Dauer nicht. „IT-Mitarbeiter sind massive Mangelware.“ Gleichzeitig habe Deutschland zwar einerseits ein Einwanderungsrecht, dass es den sogenannten „digital Expats“ die Zuwanderung ermöglichen würde. „Wenn die aber in ein eigentlich analoges Land kommen sollen, dann winken viele ab – Spezialisten auf dem Gebiet der Digitalisierung können überall auf der Welt arbeiten.“ Und genau da herrscht eine riesige Lücke: Beim Staat.
Kürzlich zog auch der Branchenverband Bitkom ein Fazit über die Digitalisierung der Bundesregierung. Im Monitor Digitalpolitik kamen die Experten zu dem Schluss, dass lediglich 18 Prozent der Digitalisierungs-Projekte auf Bundesebene umgesetzt sind. Weber sagt: „Da geht es nicht darum, ob ich mir den Gang zum Bürgerbüro sparen kann, weil ich einen Antrag auch digital einreichen kann.“ Es gehe hier darum, dass Behörden bis hin zum Kanzleramt, wo allen Ernstes noch mit Rohrpost gearbeitet wird, den Zug der Digitalisierung zu verpassen drohen. „Natürlich ist man für Cyberangriffe nicht erreichbar, wenn man noch Informationen per Rohr und auf Papier hin und her schiebt“, witzelt Weber. „Die Fehlerraten bei nicht digitalen Vorgängen sind enorm hoch.“ Das Thema „Big Data“ spielt dabei eine große Rolle: Behörden horten Datenschätze. Wirtschaftlich nutzen lassen sich beispielsweise Verkehrsdaten nur für neue Geschäftsmodelle, wenn diese auch digitalisiert sind. Doch die Datenschätze liegen derzeit noch brach auf Papier.
Alle müssen mitlernenSeiner Ansicht nach helfe eine „digitale Grundkompetenz“ auch gegen die meisten Cyberangriffe wie Phishingmails. „Mehr als die Hälfte der Deutschen hat keine digitalen Grundkenntnisse. Da haben Länder wie die Niederlande oder Finnland ganz andere Zahlen“, sagt Weber. Letztlich sei die Digitalisierung Aufgabe der ganzen Gesellschaft.
