Das Neumarkter Obdachlosen-Quartier bietet Container-Wohnungen für 40 Personen

Seit 2014 gibt es für Obdachlose die Möglichkeit, einen Platz in der Container-Wohnanlage im südlichen Industriegebiet zu beziehen. Ist das eine Übergangslösung oder die Endstation?
Beim Besuch vor Ort in der Goldschmidtstraße wirkt die Anlage sehr ruhig und aufgeräumt. Mit ihren weiß-blauen Farben erinnern die Container sogar etwas an die Umkleidekabinen einer Strandpromenade.
Mit zwei Paketen Semmeln erklimmen Lena Schmalzl und ihre Praktikantin Sophia Bachhofer die Außentreppe der Containeranlage. „Jeden Freitag bekommen wir diese Brot-Spende von der Pilsacher Landbäckerei Lang“, erzählt Schmalzl. Eine Gelegenheit, welche die Sozialpädagogin nutzt, um an Türen zu klopfen und Gespräche zu beginnen. 25Stunden in der Woche kümmert sich Schmalzl um die Anliegen der Obdachlosen. Sie begleitet Behördengänge und Arztbesuche, hilft bei der Job- und Wohnungssuche. Angestellt ist sie bei der Diakonie, bezahlt wird sie von der Stadt.
Typische Obdachlose gibt es nicht
Die Personen, die ihr öffnen, sind sehr unterschiedlich: Männer und Frauen, vom Mittzwanziger bis zur Seniorin. „Den typischen Obdachlosen gibt es nicht“, sagt Schmalzl. „Das liegt daran, dass viele Wege in die Obdachlosigkeit führen. Das kann ein Unfall sein oder das Ende einer Beziehung.“ Zwar sei die überwiegende Zahl der Menschen hier männlich, das liege aber laut Schmalzl an einer hohen Dunkelziffer bei den Frauen: „Sie kommen leichter für ein paar Nächte privat unter.“
Ein WC für fünf Leute
Eines haben aber alle hier gemeinsam: Den genormten Wohnraum. Ein paar Quadratmeter mit Bett und schmalem Schrank. Je fünf Bewohner teilen sich ein Gemeinschafts-WC mit Dusche. Wer einziehen möchte, muss zuerst im Rathaus einen Antrag stellen. „Dabei fragen wir unter anderem nach den Einkommensverhältnissen und ob die Person einen Job hat“, erklärt Rudolf Schneller von der Stadt Neumarkt. „Die Wohnungen sind schon für sozial schwache Menschen gedacht, nicht für gut situierte, die aus privaten Gründen aus ihrer Wohnung geflogen sind. Die sind in der Regel in einer Pension besser aufgehoben.“
Nachfrage nach Container-Wohnungen steigt
Dennoch steigt die Nachfrage kontinuierlich: Die ursprünglichen zehn Container wuchsen im letzten Jahrzehnt auf das vierfache an. „Als Stadt sind wir gesetzlich verpflichtet, Wohnräume für Obdachlose bereit zu stellen“, erklärt Florian Daffner, Leiter des Neumarkter Liegenschaftsamtes. „Gedacht sind sie aber ausdrücklich als Übergangslösung.“
Deshalb würden die Plätze in den Containern immer nur für drei Monate vergeben. In dieser Zeit sollen sich die Bewohner eine eigene Wohnung suchen. In der Praxis blieben die meisten aber wesentlich länger. „Die Wohnungssuche kommt oft erst als letzter Schritt in einer langen Entwicklung“, sagt Pädagogin Lena Schmalzl. „Die Menschen haben meist viel zu viel im Kopf, mit dem sie zuvor klarkommen müssen.“
Keine Hunde, keine Kinder
Und nicht alle, die aus der Container-Siedlung ausziehen, tun das, weil sie in geordnete Verhältnisse wechseln. Manche treten Haftstrafen an, andere wollen sogar zurück auf die Straße. „Hier darf man zum Beispiel keine Haustiere haben“, sagt Rudolf Schneller. „Das ist auch ein Grund, warum viele Leute es ablehnen, hier überhaupt einzuziehen.“
Ein anderer Grund seien Streitigkeiten, besonders zum Thema Sauberkeit. Zwar gäbe es einen Putzdienst, der einmal pro Woche die WCs reinigt, dennoch „haben wir teilweise schon ein derbes Klientel, bei dem auch Flaschen aus dem Fenster fliegen“, so Schneller. Deswegen gibt es in der Goldschmidtstraße auch keine Wohnungen für Menschen mit Kindern.
Sachspenden sichern die Arbeit
Unterstützt wird die Einrichtung auch von der Christlichen Arbeiterhilfe, die sich gleich gegenüber den Containern befindet und unter anderem günstige Möbel bereitstellt, aber auch von anderen Firmen, die mit Sachspenden helfen.
Wohnungslosenbericht schlüsselt Zahlen auf
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales legte 2020 erstmals einen Wohnungslosenbericht vor. Demnach sind aktuell in ganz Deutschland 262000Menschen ohne Unterkunft. Von diesen leben 38000 auf der Straße. Der Rest ist in privaten oder öffentlichen Einrichtungen untergebracht. Der Bericht macht auch konkrete Vorschläge, wie die Situation verbessert werden kann. Dazu gehören unter anderem die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum, die Anpassung des Wohngeldes an die Kosten sowie präventive Maßnahmen für Menschen mit Mietproblemen.
