Johannes Haslsteiner hat fast ein Jahrzehnt Waldmünchens Charakter bewahrt

Kurz vor Weihnachten ist er noch einmal ganz bewusst durch die Straßen der Altstadt spaziert, Johannes Haslsteiner. Eine letzte Runde, ehe er sich im Rathaus offiziell als städtebaulicher Berater abgemeldet hat. Es war eine besondere.
„Es ist Erhebliches passiert“, lautete an jenem Tag wie heute das Fazit des Architekten aus Bad Kötzting, der ab 2016 als städtebaulicher Berater für Waldmünchen tätig war. Zum Jahresende hat er seinen Rückzug beschlossen. Aus Altersgründen. Bald wird er 69, die kommenden, letzten Berufsjahre will er lieber mit eigenen Objekten und Projekten verbringen, sich noch ein wenig mehr in seinem Heimatdorf Weißenregen einbringen, in dem er sich schon als Feuerwehrvorsitzender engagiert.
Knackpunkt Eigentümer
Leicht fällt das Loslassen nicht, schließlich gebe es in der Altstadt das ein oder andere Haus, dessen Sanierung er gerne begleitet hätte. Stichworte Glassteine am Fuß oder wunderbare Ornamente oberhalb der Fenster. „Aber wenn die Eigentümer nicht mitziehen...“
Vorzeigeobjekt am Marktplatz
Das ist eine der wenigen bitteren Erkenntnisse seiner Waldmünchen-Zeit. Doch es gibt andere, wichtigere. Angenehme Zusammenarbeiten, das Mehrgenerationenhaus, den Seilerbauer („ein Idealfall, da passiert was, da wird was lebendig“), manches Gebäude in einer Seitenstraße, um dessen Wohnungen sich die Menschen rissen. „Doch, ich habe das Gefühl, etwas vorangebracht zu haben“, sagt der Bad Kötztinger selbstbewusst.
Über 50 Beratungen
Über 50 Bauberatungen hat er abgehalten. Dass nicht jede davon in einen Umbau mündete, gehöre zum Geschäft. Man solle sich die Rechnung aber nicht zu einfach machen, mahnt Haslsteiner und weist auf Langzeit-Effekte und Impulse hin. Klar könne man eine Prozentzahl des Nicht-Umsetzens ansetzen, vielleicht sei es aber sinnvoller, zu sehen, was tatsächlich „passiert“ ist.
Meisterwerk Gestaltungsfibel
Dazu gehört, was Bürgermeister Markus Ackermann im Nachgang als Meilenstein bezeichnet: Die Überarbeitung der Gestaltungsfibel aus den 1990er Jahren. Die wurde nicht den modernen Anforderungen angepasst, und änderte dank Johannes Haslsteiner und Peter Haimerl (der renommierte Architekt war in den ersten Jahren mit an Bord) auch seine Sprache. Weg vom Belehrenden, Restriktiven, hin zu Ermutigendem und Offenheit.
Hilfe im Alltagsgeschäft
Sie sei, zumal in der Waldmünchner Fassung, eine Bereicherung und im Alltagsgeschäft eine Hilfe. Andernorts – und der 68-Jährige hat viele gesehen – heiße es schnell: „Das ist ja dein Geschmack.“ Fibeln erlaube n objektive Begründungen, die es allen leichter mache.
Wunderbare Altstadt
„Diese Altstadt hat für mich einen Wert“, betont der Architekt und erklärt sogleich, warum er gerne in und für Waldmünchen tätig war. So sah er auch seine Rolle. Kernaussage: Empfehlungen geben, Lösungen suchen, oft im Kleinen, schließlich ging es meist nicht um das große Geld. Dennoch immer um die Gratwanderung: Wie sind die Anforderungen der Zeit und die Wünsche der Eigentümer mit dem Stadtbild vereinbar?
Lesen Sie hier: Anpassung an den Zeitgeist
Gut darstellbar ist dies an Solaranlagen auf Dächern, die nunmehr mit Ausnahme besonders sensibler Zonen fast nahezu überall errichtet werden können. Über deren Optik könne man streiten, sagt Haslsteiner zur entsprechenden Neuausrichtung der Gestaltungsfibel, allerdings sei die dem Zeitgeist geschuldet. Auch da habe er versucht, das Beste für die Stadt(optik) herauszuholen. Konkret: Stimmige Flächen statt Ausfransung, gleiche Neigung von Anlage und Dach, kurz: „Das ursprüngliche Bild soll erkenn- und erlebbar bleiben.“
Bad Kötzting bastelt noch
Trotz eines gewissen Lokalpatriotismus seiner Heimatstadt Bad Kötzting gegenüber bleibt Johannes Haslsteiner dabei: Die Waldmünchner Altstadt ist eine der schönsten „weit und breit“. Deren Entwicklung werde er aus der Ferne, aber interessiert verfolgen, unterstreicht er.
Feld war vorbestellt
Was das Arbeiten dort zudem angenehmer machte: Das Feld war schon vorbestellt, sprich das Wissen um den Schatz der Altstadt durch seine Vorgänger, Initiativen und Impulse zur Stadtentwicklung verankert. „Das Klima ist weit gediehen, die Offenheit groß“, attestiert er, an Professor Reichenbach-Klinke oder Ideen eines Walter Angonese erinnernd. Klingende Namen, zu denen der Peter Haimerls passte, als dessen Partner Haslsteiner einst in Waldmünchen Fuß fasste. Und als Praktiker und Pragmatiker blieb, während der extrovertierte Kollege nach fünf Jahren das Handtuch warf.
Provokationen kamen nicht bei jedem an
„Die Arbeit hier war ihm wohl nicht spektakulär genug“, sagt Johannes Haslsteiner mit Bedacht. Schließlich ist der als unkonventionell geltende Architekt für seine Provokationen bekannt, Waldmünchen wiederum konnte mit diesen vielleicht nicht umgehen.
Lesen Sie hier: Ein gutes Ende
Johannes Haslsteiner musste manchen Angriff einstecken und manche Diskussion aushalten. Im Rückblick waren sie es aber wert, bilanziert er. Weil sie zu städtebaulich guten Kompromissen geführt hätten. Denn: „Am Ende zählt das Ergebnis.“ Das gilt auch für seine Amtszeit.

