Gebäude saniert: Willkommen beim neuen Seilerbauer am Waldmünchner Marktplatz

Es ist eine Entscheidung gewesen, die im Grunde keine war. „Ich hab‘ meine Kindheit hier verbracht“, sagt Andrea Heiland sichtlich bewegt. Statt also das Haus am Marktplatz 8 verfallen zu lassen, haben sie und ihr Mann Wolfgang die Sanierung des „Seilerbauer“ in Angriff genommen. Für sich, aber die Menschen, die Heimatstadt....
So lange Andrea Heiland denken kann, „war das ein Lebensmittelgeschäft“. Nicht zuletzt deswegen wäre ein solches ihre erste Wahl gewesen, gibt sie gerne zu. Zu diesem emotionalen Grund kommt ein weiterer wichtiger hinzu: Der Innenstadt hätte dies gut getan, ist sie überzeugt.
Aber: „Keine Chance“, erzählt sie. Egal, welche Kette sie auch anschrieb oder anrief. „Beste“ Gegenargumente: Mit einem vollen Einkaufswagen übers Kopfsteinpflaster, ohne Parkplätze vor der Tür? Ihr Mann Wolfgang zieht den Hut vor dem Einsatz seiner Frau. „Listenweise“ habe sie versucht, Mieter zu gewinnen. Auf denen standen auch Drogerieketten, ist Waldmünchen auf diesem Sektor doch schon seit Längerem ein weißer Fleck. Doch auch da: Nur Absagen – die nicht immer leicht zu verkraften sind. Gedanken, von der Grundidee Laden abzuweichen, gab es indes nie.
Der schönste Marktplatz weit und breit
Überhaupt, die Innenstadt, der Marktplatz. „Er ist wunderschön, sticht absolut heraus“, schlägt ihre Liebe zu Waldmünchen erneut durch. Deswegen hofft sie innig, dass sich mit und durch ihr Projekt etwas zum Positiven verändert. Dass die gute Stube der Stadt eine Wiederbelebung erfährt, dass ihrem Beispiel weitere folgen, dass sich weitere Geschäfte ansiedeln...
Zeit der Schock-Starre
„Eine Art Schockstarre“, beschreibt das Ehepaar die Zeit nach dem Aus des Edeka-Marktes im Oktober 2020, der das dem Familienbetrieb in Form der Kündigung des Pächters Walter Kreitl gefolgt war. Dabei habe (Schwieger)Mutter Emmi Bauer schon Jahre zuvor die Parole ausgegeben: „Ihr richtet das mal her...“
Umbau im Bestand nicht möglich
Wobei immer schon klar war: Solange der Edeka läuft, ist eine Maßnahme nicht möglich. „Das wäre der Tod gewesen“, ist Wolfgang Heiland überzeugt. Umso herausfordernder später das Unterfangen, in vielerlei Hinsicht. Nicht zuletzt finanziell. Was die Wenigsten wüssten: Ab besagter Ansage, oder mehr ab besagtem Wunsch der Mutter, „haben wir angefangen, darauf hinzusparen“, erzählt Andrea Heiland. Schließlich rede man von einem Millionenprojekt.
Ein Begriff, den sie grundsätzlich so nicht mag, wenngleich ihn die Zahlen hergeben. Könnte er doch suggerieren, dass das Geld irgendwo rumliege. Das sei ganz und gar nicht der Fall. „Wir haben uns gewaltig strecken müssen, es für alle aber gerne getan.“
Lesen Sie hier: Das (H)Aus gegenüber
Schließlich sei es das Haus mit Lage („besser geht es kaum“) und Geschichte alleine schon wert. Der Wiederaufbau nach einem Dachstuhlbrand, die Landwirtschaft, der Kramerladen der Großeltern, die Seilerei (daher der Name Seiler plus Inhaber Bauer). Eine Zeit lang hat nach dem Krieg sogar ein Arzt im Gebäude praktiziert, berichten sie von ihren Nachforschungen.
1780 erstmals erwähnt
Im Engagement inbegriffen: Jede Menge Eigenleistungen und Arbeiten „die keiner sieht“ – Wolfgang Heiland kann sich handwerklich gut helfen, ist aktuell mit Ausbau im ersten Obergeschoss beschäftigt. Zuvor waren Dachstuhl und Brandschutz in dem 1780 erstmalig nachweislich erwähnten Gebäude die beherrschenden Themen.
In Generationen denken
Für sie, ihren Mann und Sohn Leon („man denkt in die nächste Generation hinein“) ist immer klar: Wenn wir‘s anpacken, dann „g‘scheit“. Was unter anderem Barrierefreiheit einschließt, sprich unter anderem den Einbau eines Aufzugs. Mit dem ist die bereits eröffnete Logopädie-Praxis Staudinger mit ihren 140 Quadratmetern bereits erreichbar, bis zum Jahresende sollen auf zwei Etagen die Räume fertig werden, die kifas (KAB-Institut für Fortbildung) beziehen wird.
Wirtschaftlich? Naja...
Die Sanierung per se, sie wird für viele Jahre weit entfernt von jeder Wirtschaftlichkeit liegen, ist der Familie bewusst. „Mit einem ähnlichen Objekt in München wäre das ganz anders“, verdeutlicht Andrea Heiland mit Hinweis auf die Mieterlöse, die sich in Waldmünchen erzielen ließen.
Glück mit dem Architekten
„Das Feedback ist absolut positiv“, bilanzieren Heilands bis dao ihr Sanierungsprojekt. „Ich habe schon mehrmals gehört, wie schön der Anblick ist“, unterstreicht Andrea Heiland mit dankbarem Seitenhieb auf den ortsansässigen Architekten Max Schneider. Der habe es nicht nur optisch und funktional verstanden, das im Ursprung wohl noch deutlich ältere Gebäude in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, sondern auch dank bester Vernetzung und guter Firmen für einen reibungslosen und dem Zeitplan entsprechenden Ablauf der Arbeiten zu sorgen. „Gerade bei einem Umbau im Bestand nicht selbstverständlich“, weiß Wolfgang Heiland. Er selbst hat bei Rückbauten, Putzarbeiten und Co. Hand angelegt.
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Es ist Samstag Vormittag und rund um den Seilerbauer kaum ein freier Parkplatz zu finden. „So soll es sein“, kommentiert Andrea Heiland das Bild vor „ihrer“ Haustür. Denn: „Was nutzt der schönste Laden, wenn keiner kommt?“ Die, die in diesen Minuten ein- und ausgehen, sind begeistert von Auswahl und Preis. Für Andrea Heiland Balsam auf die Seele, wünscht sie sich doch nichts mehr als Leben auf dem Marktplatz. Für sich, ihre Kindheitserinnerungen – und die Stadt.


