Landwirte im Landkreis Cham planen erneut Sternfahrten im Schleichtempo

Von Johannes Schiedermeier · 16. Januar 2024 um 19:00

Die Bauernproteste ruhen weitestgehend. Im Landkreis Cham nicht. Im Landratsamt lag bereits für diesen Dienstag die Ankündigung weiterer Sternfahrten im Bereich Furth/Waldmünchen vor. Zwischen 18.30 Uhr und 23 Uhr sei dort eine Demo angemeldet worden, bestätigt der Pressesprecher des Landratsamtes, Fabian Koller, auf Anfrage.

Ein Bus mit rund 50 Landwirten ist gemeinsam mit dem BBV-Kreisverband nach Berlin gefahren. Dort beteiligten sich die Landwirte an den Demonstrationen gegen die Subventionsstreichungen und die Politik der Regierung. Der BBV will nun die Gesprächsergebnisse abwarten. Das wollen manche nicht.

BBV-Geschäftsführer Franz Kerscher spricht von einzelnen Untergruppen, mit denen man zwar in Kontakt sei, die jedoch ihre Aktionen eigenständig durchführten. Kerscher macht keinen Hehl daraus, dass der BBV selbst gerne warten würde, was bei den Gesprächen in Berlin herauskommt, die jetzt anstehen. „Wenn nichts kommt, dann sind wir wieder auf der Straße“, so der Geschäftsführer.

Leute, die mehr wollen

Es gebe auch weiterhin die Befürchtung, dass es bereits jetzt zu weiteren Sternfahrten und zu Blockaden komme. „Das sind Leute, die mehr wollen und von uns nicht zu beeinflussen sind“, sagt Kerscher. Kleinere Aktionen findet er aber in Ordnung.

Auf Anfrage unserer Zeitung hat das Landratsamt mitgeteilt, dass die aktuelle Lage des Versammlungsgeschehens stets in Abstimmung mit den Polizeidienststellen neu bewertet werde. Auf die Frage, wie lange man das teils minutenlange Betätigen von ohrenbetäubenden Druckluft-Fanfaren dulden werde, erklärte die Behörde, dass eine solche Beschränkung verfügt werden könne, wenn das zumutbare Maß überschritten werde.

Mehrfach beobachtet worden ist auch ein Wenden von Fahrzeugen auf der Bundesstraße, die in den Konvois zur Schrittgeschwindigkeit gezwungen worden waren. Das Wenden sei verboten, so Koller. Um ein ausreichendes Fließen des Verkehrs zu gewährleisten, sei aber eine Mindestgeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde vorgeschrieben worden. Das gelte auch deswegen, um Auffahr-Unfälle am plötzlich auftauchenden Kolonnen-Ende zu verhindern.

Vorgeschrieben sei in den Auflagen unter anderem ein großräumiges Umfahren von Einrichtungen von besonderer Bedeutung (Krankenhäuser, Rettungswachen, FFW-Gerätehäuser...) Untersagt seien Blockaden der Auffahrten zu Bundes- und Kraftfahrstraßen und das Behindern anderer Verkehrsteilnehmer. Auch Anhänger an Zugfahrzeugen oder Aufbauten seien nicht zugelassen.

BBV-Kreisgeschäftsführer Franz Kerscher betont, dass man sich bei den vom Verband gemeldeten Veranstaltungen an alle Auflagen gehalten habe. Nun gelte es, die Ergebnisse der laufenden Beratungen abzuwarten. Hier sei durchaus Brauchbares in der Diskussion. Als Beispiel nennt Kerscher die Aufhebung bürokratischer Beschränkungen bei der Gülleausberingung. „Die Landwirte sind alle bestens ausgebildet und haben gar kein Interesse, zu viel Gülle auszubringen, weil das ihr Geld kostet. Aber was für einen Sinn macht es, einen Zeitpunkt vorzuschreiben, wenn keiner weiß, ob dann das Wetter passt.“ Der Bauernverband halte auch an der Forderung fest, die Regierung müsse alle Streichungen zurücknehmen.

Wunsch und Wirklichkeit

Höhere Preise für die Lebensmittel sieht Kerscher an der Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit scheitern: „Die Grenzen sind offen. Wenn wir mehr verlangen, dann wird von dort billig eingeführt, wo die Vorschriften geringer sind. Und das ist in allen anderen Ländern so.“ Die BBV-Maxime: Abwarten, was die Verhandlungen bringen.

Kommentar

Von Johannes Schiedermeier

Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, den die Landwirte derzeit absolvieren. Die Auftakt-Sternfahrt am Montag war bestens organisiert und stieß auf viel Verständnis der Bürger, die den Zusammenstoß mit dem Konvoi weitgehend vermieden haben. Bis auf wenige Ausrutscher wie zwei Ampel-Galgen gab es keinerlei Beanstandungen.

Doch jetzt haben ganz offensichtlich einige den Event-Charakter entdeckt und gelbe Blinklichter in den Baumärkten. Wenn alle, die jetzt auf der Straße sind, in den Hofläden einkaufen würden, gäbe es vermutlich kein Problem. Statt abzuwarten, ob die laufenden Verhandlungen zu einem Ergebnis kommen, rufen mancherorts Scharfmacher zu den Fahnen.

Mit Schritttempo und ohrenbetäubendem Fanfaren-Getöse treffen sie zu Stoßzeiten aber nicht die Regierung, sondern Anwohner, Schichtarbeiter und die in weiten Teilen sympathisierende Bevölkerung. Vorsicht! Hier lauert die Rasierklinge: Wer zu oft die Hand schlägt, die ihn füttert, schneidet sich irgendwann ins eigene Fleisch. .

In eigenständigen Untergruppen rufen die Bauern wieder zu Sternfahrten auf. Foto: Simon Tschannerl