Aggressionen gegen Uniformträger: In Ostbayern gibt es mehr Attacken auf Polizisten

Sie drohen mit der Axt, versprühen Pfefferspray, treten nach den Ordnungshütern, die eigentlich helfen wollen. Auch in der Oberpfalz und Niederbayern haben körperliche und verbale Attacken auf die Polizei deutlich zugenommen. Die Anlässe sind nicht selten banal.
Zweiter Weihnachtsfeiertag: Bei der Polizei in Nabburg (Landkreis Schwandorf) geht ein Notruf ein. Ein alkoholisierter Mann terrorisiert seine Familie und droht, das Anwesen anzuzünden. Als die Streifenbeamten eingreifen, geht der 46-Jährige mit einer Axt auf sie los. Weder Pfefferspray noch Warnschüsse können den Mann in seinem psychischen Ausnahmezustand stoppen. Erst als er sich am Dienstwagen der Polizei abreagiert hat, lässt er von seiner Waffe ab. Allein in den vergangenen vier Wochen hat das Polizeipräsidium Oberpfalz fünf solcher gewalttätiger Übergriffe veröffentlicht. Und auch beim Präsidium Niederbayern schnellen die Zahlen weiter nach oben.
Zwei versuchte Tötungsdelikte
Gefühlt, so sagte der Oberpfälzer Polizeipräsident Thomas Schöniger vor wenigen Wochen im Interview mit der Mediengruppe Bayern, „vergehen keine 24 Stunden, in denen es nicht zu Übergriffen auf Beamtinnen und Beamte kommt“. Die Kollegen würden beleidigt, körperlich attackiert, angespuckt oder auch bedroht.“ In Zahlen ausgedrückt: 2022 wurden in der Oberpfalz 1473 Beamte Opfer von physischer oder psychischer Gewalt, was einer Zunahme von 14 Prozent entspricht. 233 Polizisten (Vorjahr: 200) wurden leicht verletzt, ein Beamter schwer (Vorjahr: 3). Zahlen für 2023 liegen noch nicht vor. Das Polizeipräsidium Niederbayern nennt 1640 geschädigte Beamte und eine Zunahme um knapp zehn Prozent. 296 Polizisten wurden verletzt, drei von ihnen schwer. Bei zwei Beamten wurden die Attacken als versuchtes Tötungsdelikt gewertet. Bayernweit gab es 2967 verletzte Polizisten, darunter 22 Schwerverletzte. „Ein neuer trauriger Rekordwert“, nannte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Entwicklungen. Für 2023 rechnet Herrmann mit keiner Entspannung, im Gegenteil: „Erste Trends zeigen, dass wir einen weiteren Anstieg beklagen müssen“, sagte er beim Polizeitag im Dezember in München.
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Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, sieht die Wut auf den Staat als Ganzes als einen Auslöser. Es gehe immer mehr um die Verwirklichung der eigenen Interessen, schreibt er in einem Beitrag auf dem Präventionsportal. Zudem fördere seiner Meinung nach die deutlich radikalere Sprache aus den Sozialen Netzwerken Hass und Hetze in der Offline-Welt. Die sinkende Hemmschwelle zeigt sich in allen Lebensbereichen – vom Verkehr über Arztpraxen bis hin zum Fußballfeld.
Tatverdächtige meist männlich
Bei den Tatverdächtigen überwiegt das männliche Geschlecht. Laut Statistik der Polizei in Niederbayern waren 84 Prozent erwachsen, zwei Drittel standen unter Einfluss berauschender Mittel. Menschen in Städten sind aggressiver als auf dem Land. In Niederbayern sind Landshut, Passau, Straubing sowie Deggendorf Hochburgen, in der Oberpfalz Amberg (2022: 50 Fälle), Regensburg (210) und Weiden (73).
Attacken auf die Polizei können seit 2019 im sogenannten priorisierten Verfahren geahndet werden. Ziel sei es, der Tat eine schnell verhängte Strafe folgen zu lassen. Laut dem Regensburger Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher lägen die Zahlen bei den priorisierten Verfahren pro Jahr im unteren zweistelligen Bereich.
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Für mehr Eigenschutz trainieren Polizisten regelmäßig den Umgang mit aggressiven Personen. Ein Schwerpunkt: verbale und nonverbale Kommunikation. Doch nicht immer zeigen die Methoden Erfolg. Betroffene litten nach Attacken nicht nur körperlich, sondern mitunter auch unter psychischen Belastungen, sagt die niederbayerische Präsidiumssprecherin Kathrin Hiller. „Zwar wird in erster Linie eine Uniform angegriffen, dennoch steckt hinter jeder Uniform auch ein Mensch.“
Fälle aus Ostbayern aus den vergangenen Wochen:
Lappersdorf: Weil er die Glasscheibe eines Buswartehäuschens eintrat, wurde ein 31-Jähriger von der Polizei gestellt. Der Mann reagierte äußerst aggressiv. Es brauchte Pfefferspray und Schlagstock, um ihn schließlich zu überwältigen. Dabei wurden zwei Polizeibeamte leicht verletzt.
Neumarkt: In der Innenstadt griff ein 51-Jähriger unvermittelt einen Passanten und seine Begleiterin an. Er schubste und attackierte sie verbal. Eine Polizeistreife konnte den Mann nicht beruhigen. Er bedrohte und beleidigte auch die Beamten, die ihn daraufhin mit zur Dienststelle nahmen.
Ergolding: Ein 46-Jähriger hatte sich mit seiner Mutter in einem Zimmer verschanzt. Da die Frau Schmerzen äußerte, brachen Beamte die Türe auf. Dahinter wartete der Mann mit einem Pfefferspray. Einen Beamten traf er direkt im Gesicht. Erst einer weiteren Streife gelang, ihn zu überwältigen.
Straubing: Ein 14-Jähriger und seine Mutter reagierten mit hoher Aggressivität auf einen Haftbefehl, der gegen den Lebensgefährten (24) der Frau erteilt wurde. Vor dem Amtsgericht beleidigte der Jugendliche die Beamten und ging mit Fäuste auf sie los. Zwei Polizisten wurden leicht verletzt.