Regensburger Sanitäterin zeigt Gesicht: Sexismus, dumme Sprüche – und eine Messerattacke

Die 23-jährige Sara Schätz erlebt in ihrem Job bei den Johannitern Ostbayern Beleidigungen und vor einigen Wochen sogar eine brenzlige Attacke – jetzt ist sie Teil einer bundesweiten Kampagne. Auch BRK und RKT sprechen von sinkendem Respekt gegenüber Helfern.
Es war ein ganz alltäglicher Notruf. Ein Mann hatte sich irgendwo in der Oberpfalz in seinem Badezimmer eingeschlossen. Psychischer Ausnahmezustand. Sara Schätz und ihre beiden Kollegen machten sich auf den Weg. Nichtsahnend, dass sie in eine gefährliche Situation geraten würden. „Als die Rettungskräfte die Wohnung betraten, stürmte der Mann aus dem Badezimmer und bedrohte sie mit einem Messer“, fasst Korbinian Oswald, Sachgebietsleiter Rettungsdienst im Regionalverband der Johanniter Ostbayern das einige Wochen zurückliegende Geschehen zusammen.
Längst sind solche Ereignisse keine Einzelfälle mehr. „Die Eskalationsschwelle ist gefühlt niedriger geworden“, bestätigt auch Sebastian Gerosch, Leiter beim BRK Rettungsdienst Regensburg. Mit Zahlen belegen lässt sich das allerdings nicht.
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Das liegt daran, dass Angriffe auf Rettungskräfte nicht zentral erfasst werden. Die Kriminologische Zentralstelle Wiesbaden hat 2021 eine Befragung durchgeführt und kam zu dem Ergebnis, dass im Durchschnitt wöchentlich 29 Prozent der Befragten aus dem Rettungswesen beleidigt, belästigt oder verbal bedroht wurden. Acht Prozent waren körperlichen Angriffen ausgesetzt. Das BRK Bezirksverband Ostbayern hat für das Jahr 2021 insgesamt 16 Fälle von Gewalt an die Landesgeschäftsstelle in München gemeldet. 2022 waren es 19. Für 2023 werde die gleiche Anzahl an Fällen erwartet, heißt es. Man gehe zudem von einer gewissen Dunkelziffer aus.
Besorgt über die Entwicklung
Es geht aber nicht nur um körperliche Attacken. „Dumme Sprüche, Beleidigungen, bis hin zu verletzenden sexistischen Sprüchen“, beschreibt Sara Schätz ihren Arbeitsalltag. Seit 2019 arbeitet sie im Rettungswesen. Die aktuellen Entwicklungen nennt die Regensburgerin „beängstigend“. Gefühlt nähmen die Übergriffe stetig weiter zu. In jeder Ausprägung. Erst vergangene Woche, so sagt Schätz, seien wieder drei Kollegen körperlich massiv angegriffen und teilweise verletzt worden. „Vor allem nachts wächst bei mir das mulmige Gefühl.“ Dann sei sie nur noch ungern in einem reinen Frauenteam unterwegs.
Das zunehmend anstandslose Verhalten hat die junge Frau nachhaltig beschäftigt. Deshalb hat Schätz ihr Gesicht für eine landesweite Kampagne der Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) zur Verfügung gestellt. „Gewalt gegen Retter macht mich sprachlos. Ich werde es nie verstehen und akzeptieren!“, wird sie auf dem Plakat zitiert. Sie wolle Aufmerksamkeit schaffen, was Einsatzkräfte inzwischen erleben, sagt sie. „Die Menschen rasten ja schon aus, wenn ein Rettungswagen kurz die Straße blockiert.“
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Ein Problem, das wohl in Ballungsräumen größer ist als im ländlichen Raum. Der Chamer BRK-Rettungsdienstleiter Dominik Lommer spricht für sein Gebiet von Einzelfällen. „Im Rettungsdienst weiß ich, dass ich irgendwann einen Volltrunkenen bei einer Feierlichkeit abholen muss und ich weiß, dass sich nicht jeder freuen wird, wenn der Rettungswagen vor der Tür steht.“ Lommer kann sich nur an einen gravierenden Fall in den vergangenen Jahren im Chamer Bereich erinnern, bei dem eine Kollegin mit Tritten gegen den Kopf attackiert wurde. Der Täter landete vor Gericht. Bundesweit Schlagzeilen machte 2022 eine Attacke mit einer Machete auf zwei Rettungssanitäterinnen in Hohenfels (Lkr. Neumarkt). BRK-Präsidentin Angelika Schorer sprach damals von einer „Zunahme des Aggressionsgrades“.
Angriffe werden angezeigt
Sebastian Gerosch nennt neben Drogen- oder Alkoholeinfluss auch die aufgeheizte Stimmung beim nächtlichen Feiern, die in manchen Fällen in eine Eskalation gegenüber Rettungskräften führt. Als Entschuldigung will der Regensburger BRK-Rettungsdienstleiter das nicht gelten lassen. Übergriffe aber auch Beleidigungen würden zur Anzeige gebracht. „In einem gesellschaftlich bisweilen rauen oder angespannten Klima, sind Einsatzkräfte die falsche – wenn nicht die falscheste – Adresse für Frustrationsabbau oder Imponiergehabe“, betont er.
Beim privaten Rettungsdienstleister RKT werden Rettungskräfte angehalten, auf Anzeichen von Aggression zu achten und in gefährlichen Situationen umgehend polizeiliche Unterstützung anzufordern, sagt Sprecher Konstantin Steinhauser. In der Ausbildung sei zudem das Eigenschutztraining ein wesentlicher Bestandteil. Auch Johanniter und BRK bieten Deeskalationstraining an. „Selbstverständlich“ fühlen sich die BRK-Mitarbeiter weiterhin sicher, betont Gerosch. „Mehr als 99 Prozent der Einsätze verlaufen ohne Zwischenfälle.“ Auch Sara Schätz liebt ihren Job. „Aber es ist mir wichtig, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird. Und dazu gehört für mich der nötige Respekt.“
In loser Serie widmen wir uns in den kommenden Wochen dem Thema Gewalt gegenüber bestimmten Berufsgruppen.