Ein Gespräch über Leben und Tod mit Palliativärztin Dr. Gabriela Marthy

Dr. Gabriela Marthy leitet am Sana-Krankenhaus Bad Kötzting die einzige Palliativstation im Landkreis Cham. Dort werden Menschen behandelt, die an einer nicht heilbaren, fortgeschrittenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung leiden, mit dem Ziel, deren Lebensqualität zu zu erhalten und zu verbessern. Im Interview spricht Dr. Marthy über ihre Arbeit als Palliativmedizinerin und verrät, was diese bei ihr selbst auslöst.
Frau Dr. Marthy, nur wenige Ärzte spezialisieren sich auf die Palliativmedizin. Was genau ist Palliativmedizin?
Dr. Gabriela Marthy: Der lateinischeń Begriff palliare bedeutet so viel wie „mit einem Mantel umhüllen“. Das beschreibt eigentlich sehr gut, was Palliativmedizin ist. Wichtig ist die ganzheitliche Betrachtung des Begriffs der Palliativmedizin, denn die interdisziplinären Palliativteams wollen den Menschen neben der spezialisierten ärztlichen und pflegerischen Behandlung auch mit Seelsorge, Physiotherapie, Pflegeüberleitung und Psychologie zur Seite stehen. Das sind unterstützende Maßnahmen wie etwa Aromatherapie oder Musiktherapie, die den Patienten in dieser Phase begleiten. Primär steht also nicht die Wiederherstellung des Gesundheitszustandes im Vordergrund, sondern die bestmögliche Anpassung an die gegebenen physiologischen und psychologischen Bedingungen.
Warum haben Sie diesen Weg gewählt?
Während meines Medizinstudiums habe ich ein sehr gutes Buch über die Erläuterungen eines Chirurgen über Zeichnungen von und Gespräche mit Krebspatienten gelesen, was mich sehr berührt hat. Mit dem Tod wurde ich selbst schon als Grundschulkind konfrontiert. Meine Großeltern sind in unserer damaligen 3-Zimmer-Wohnung verstorben. Tod und Krankheit spielten irgendwie immer eine Rolle in meinem Leben.
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Erinnern Sie sich an die ersten Patienten, die Sie auf diesem letzten Weg begleitet haben?
Das war vor mehr als zehn Jahren auf der Onkologie. Einer davon war ein sehr netter Kfz-Mechaniker mit Prostatakrebs. Mich beeindruckte, wie ruhig und freundlich er in jedem Stadium seiner Krankheit blieb.
Miteinander reden gibt Kraft
Ärzte sind oft mit dem Tod konfrontiert. Sie sind es täglich und andauernd. Ist das nicht unheimlich belastend?
Wir haben ein großes Netzwerk, wie etwa die Palliativpflege oder die Seelsorge. All diese Menschen begleiten den Patienten. Daher fühle ich mich nie alleine damit konfrontiert. Wichtig ist, dass wir miteinander reden. Das gibt Kraft.
Menschen zu heilen ist wohl der Beweggrund schlechthin, den die meisten Ärzte als Motivation für ihren Beruf nennen würden. Ihr Job fängt aber erst an, wenn man den Patienten nicht mehr heilen kann. Hat sich Ihr Bild von Ihnen als Ärztin dadurch geändert?
Mein Beweggrund ist es, den Menschen zu helfen. Und die Palliativmedizin kann den Menschen helfen. Wir und auch andere Kollegen können viele Krankheiten nicht wegzaubern und wir können auch nicht versprechen, dass am Ende alles gut wird. Wir sind aber da. Wir sind da, um das alles gemeinsam auszuhalten sowie Körper und Geist bestmöglich zu unterstützen.
Stumpft man dem Tod gegenüber irgendwann ab?
Nein, so würde ich das nicht nennen. Aber ich glaube schon, dass der Tod in unserer Gesellschaft oftmals verdrängt wird. Es ist ein Thema, worüber man ungern spricht. All diejenigen, die in der Palliativmedizin tätig sind, sind möglicherweise weniger überrascht, wenn im Einzelfall der Tod dann tatsächlich eintritt. Wir wünschen uns genauso, dass das Schicksal nicht immer so unfair wäre.
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Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben. Wie gut ist Ihrer Meinung nach das ambulante Palliativnetz im Landkreis Cham ausgebaut?
Auch wenn die Menschen selbst gerne zu Hause sterben möchten, sind viele Angehörige mit dieser Situation völlig überfordert und meinen, ein „letzter Versuch im Krankenhaus“ wäre das Richtige. Tatsächlich bietet genau die Palliativstation einen würdigeren Rahmen für diese Situation. Genau deshalb kommen die Patienten auch aus der gesamten Region zu uns.
Das Palliativnetz im Landkreis Cham setzt sich aus mehreren Organisationen und Vereinen im Landkreis zusammen. Hier bin ich Peter Fleckenstein vom Verein Hospiz daheim sehr dankbar, dass er seit Jahren regelmäßige Treffen organisiert und unsere Palliativstation eng einbindet.
Assistierter Suizid ist Thema
Seit dem Februar 2020 befindet sich der assistierte Suizid in einer gesetzlichen Grauzone. Wie ist Ihre Meinung zur Legalisierung von assistiertem Suizid in Deutschland?
Während meiner Tätigkeit in Bad Kötzting wurde ich in den letzten vier Jahren von zwei Patienten auf den assistierten Suizid angesprochen. In einem Fall konnte die Situation mit einem Gespräch und einem Therapieplan gelöst werden. In dem anderen Fall empfahlen wir die Behandlung in einem entsprechenden onkologischen Zentrum mit intensiver psychologischer Unterstützung. Auch die größeren Sana Kliniken berichten, dass den meisten Patienten die Gewissheit ausreicht, dass im extremsten Fall sowas möglich wäre. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst als Ausdruck persönlicher Autonomie ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dies stellen nur wenige zu Diskussion. Viele Rahmenbedingungen sind in Deutschland jedoch nach wie vor nicht geklärt. Klar ist, dass kein Arzt zur Beihilfe verpflichtet werden kann. Weiterhin ist klar, dass Töten auf Verlangen und Verleitung zum Suizid im Sinne einer Beeinflussung des Willens verboten sind. Ärztliche Willensbeeinflussung, um einen Suizid zu verhindern, ist hingegen erwünscht. Unser relativ kleines Palliativteam in Bad Kötzting konzentriert sich auf eine Symptomkontrolle, sprich Beschwerdenlinderung. Wenn wir dem Patienten nicht ausreichend helfen können, dann streben wir die Verlegung in eine größere Klinik an.
Glauben Sie, aufgrund Ihrer Erfahrungen weniger Angst vor dem Tod zu haben als andere Menschen?
Rational ist der Tod als solches für mich absolut selbstverständlich. Seelisch tut der Gedanke daran jedoch genauso weh. Prof. Dr. Ernst Engelke von der Palliativakademie Würburg sagt in den Fortbildungskursen immer wieder, dass dieser Zwiespalt gegenüber dem Tod in der Sterbebegleitung meistens sehr präsent ist. Natürlich hat auch ein Teil von mir selbst Angst davor, irgendwann zu sterben, auch wenn ein anderer Teil das vollkommen akzeptiert.