Aktives Neumarkt initiiert „Altstadtsommer“: Platz um Rathaus wird immer wieder umgestaltet

Von Eva Gaupp · 15. Januar 2024 um 16:01

Seit gut zwanzig Jahren wird in Neumarkt darüber diskutiert, dass die Innenstadt attraktiver werden soll. Jetzt könnte ein ganz neuer Ansatz Bewegung in die festgefahrene Debatte bringen. Das Besondere daran: Es ist eben nicht der erwartete große Wurf.

In Ludwigsburg heißt das Konzept „Pop-Up-Innenstadt“. Neumarkts Citymanager Christian Eisner nennt es „Altstadtsommer“. Der Sommer 2024 steht im Zeichen von Ideen. Konkret ist geplant, zwischen Mai und September in der Fußgängerzone rund ums Rathaus verschiedene Möblierungen auszuprobieren, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern.

Rollrasen, neue Sitzmöbel, kleine Bühne

So könnte an einer Stelle Rasen ausgerollt werden, um darauf zu sitzen, zu liegen, zu spielen oder Kleinkunst Raum zu geben. Sitzmöbel mit vertikaler Begrünung könnten zusätzlichen Schatten spenden, eine kleine Bühne wäre genauso denkbar wie ein Wasserspiel.

„Es soll nicht nur ein schöner Platz rund ums Rathaus sein, sondern ein Ort, an dem man sich wohlfühlt“, sagt Eisner. Und da sieht er beim Rathausplatz noch viel Luft nach oben. In der Vergangenheit hat es ebenfalls schon Vorschläge gegeben – nicht zuletzt einen aufwendigen Architektenwettbewerb noch unter Oberbürgermeister Alois Karl sowie einen reduzierten Plan aus der Stadtverwaltung selbst.

Zuletzt waren sie aber im Sande verlaufen – nicht zuletzt aufgrund von endlosen Diskussionen um die passende Anzahl der Parkplätze und Bäume. „Jetzt wollen wir nicht gleich die ideale Lösung, sondern wir wollen ausprobieren, Erfahrungen sammeln“, erklärt der Citymanager den großen Unterschied.

Welche Angebote gefallen den Neumarktern, welche nehmen sie an, welche nicht? Was bringen die Bürger für eigene Vorschläge mit ein? „Früher hat man einen Plan entwickelt und den umgesetzt. Heute kann man gemeinsam mit der Bevölkerung Neues ausprobieren. Dann ist auch die Akzeptanz größer.“

Eisner hat „eine ganze Schublade voll Ideen“, die im Laufe der fünf Monate umgesetzt werden könnten – vorausgesetzt, der Stadtrat stimmt zu und die Verwaltung erteilt die Genehmigung. Doch da ist Eisner positiv, denn die Ideen erforderten keine großen Eingriffe in den Boden und die Kosten könnten über ein Förderprogramm des Freistaats aufgefangen werden.

Verein Aktives Neumarkt in Förderprogramm aufgenommen

„Neue Läden und neue Ideen für Bayerns Innenstädte“ ist ein ganz besonderes Programm des bayerischen Wirtschaftsministeriums, weil zum ersten Mal private Organisationen – wie beispielsweise Aktives Neumarkt – einen Förderantrag stellen können. Sonst sind es üblicherweise Städte und Gemeinden.

Doch das Förderprogramm beinhaltet auch Herausforderungen: Es unterstützt nur Projekte ab 50000 Euro, die Hälfte der Summe muss der Antragsteller selbst aufbringen und es müssen neue Projekte sein. Deshalb hat der Verein Aktives Neumarkt schon mal Rücklagen angespart und wird eine Projektleiterin auf 520-Euro-Basis einstellen, die die zusätzliche Arbeit übernimmt.

„Ich freue mich riesig, dass es jetzt losgeht“, blickt Eisner auf das Datum 4,Mai, denn der Startschuss soll zur „Nacht der Sinne“ gegeben werden. Aktives Neumarkt sei sehr viel mehr als nur ein Veranstaltungsservice. „Wir wollen die Entwicklung der Stadt aktiv mitgestalten.“ Deshalb hatte Eisner im Sommer vergangenen Jahres das Konzept eingereicht und nun die Zusage aus München bekommen.

Denn der „Altstadtsommer“ könnte noch sehr viel mehr sein als nur eine Phase des Ausprobierens – er könnte der Einstieg in die endgültige Umgestaltung des Rathausplatzes werden. Dieser habe so große Strahlkraft, dass seiner Ansicht nach erst einmal keine weiteren umfassenden Veränderungen in der Altstadt vorgenommen werden müssten, um sie attraktiver zu machen, ist sich Eisner sicher.

Doch dafür braucht er die Unterstützung der Stadtspitze und des Stadtrats. Innenstadtreferentin Gerlinde Wanke ist schon mal begeistert. „Wir wollten immer den großen Wurf – aber der dafür notwendige Hoch- und Tiefbau ist zu aufwendig“, sagt die CSU-Stadträtin. Außerdem sehe man wirtschaftlich ungewissen Zeiten entgegen. Deshalb sei dieser Weg genau der richtige, ohne enorme Eingriffe und dem Risiko ausufernder Kosten. Und die Bürger könnten so ebenfalls einbezogen werden.

Ludwigsburg und „Pop-Up-Innenstadt“ als Vorbild

In Ludwigsburg war das Pilotprojekt „Pop-Up-Innenstadt“ 2021 gestartet und dauerte bis Ende 2023. Ziel war es, direkt nach dem ersten Jahr der Pandemie Maßnahmen für eine Belebung der Innenstadt zu ergreifen. Außerdem ging es darum, die Mobilität zu verbessern und angesichts der heißer werdenden Sommer mehr Schatten und Grün zu bieten.

So ist beispielsweise auf dem zentralen Ludwigsburger Arsenalplatz zeitweise ein kleiner Park mit Rollrasen, Sandfläche sowie Bühne entstanden. 40 Bäume in Containern sorgten für Schatten, unter denen zusätzliche Sitzmöglichkeiten geschaffen wurden.

Der Karlsplatz, ein Kirchenvorplatz in der rund 93000 Einwohner zählenden Stadt in Baden-Württemberg, verwandelte sich übergangsweise von einem Parkplatz in einen Park mit Hochbeeten, zusätzlichen Bäumen in Töpfen, Spielgeräten sowie Bänken. Flankiert wurde diese Möblierung durch Aktionen und Workshops, die sehr gut angenommen worden seien, wie ein Pressesprecher der Stadt Ludwigsburg erklärt.

„Gesamtziel des Projekts Pop-Up-Innenstadt ist, gemeinsam mit Bürgerschaft und Innenstadtakteuren wie Vereinen, dem Einzelhandel, mit Organisationen, Politik und Verwaltung, eine widerstandsfähige, nachhaltige und zukunftsfähige Innenstadt zu entwickeln“, sagt die Projektverantwortliche aus Ludwigsburg Laura Härle. Der öffentliche Raum habe die Bühne geboten für Beteiligung und Zusammenarbeit und habe zum Mitreden und Vordenken, zum Gestalten und Mitmachen, zum Reflektieren und Nachdenken eingeladen.

Ihr Fazit: „Blickt man zurück, haben wir das Ziel erreicht.“ Bestehende Planungen und neue Ansätze seien auf Stärken und Schwächen überprüft worden und die Ergebnisse flössen direkt in die weiteren Planungen ein, sagt Härle. Zudem sei es möglich gewesen, Bedenken aufzugreifen und eventuell gleich in der Probephase auszuräumen. Die Aktionen hätten „entscheidende Impulse für neue Projekte, Initiativen und Kooperationen“ gegeben.

Der Platz rund ums Neumarkter Rathaus soll für fünf Monate während des „Altstadtsommers“ zur Projekt-Fläche werden.
Wenn in der Neumarkter Fußgängerzone mehr los ist, hofft der Citymanager, dass nicht mehr so viele Autos illegal am Rathaus durchfahren. Fotos: Eva Gaupp
Der Linienverkehr soll durch die temporären Aktionen in Neumarkt nicht eingeschränkt werden.
Die gestalterischen Veränderungen gingen in Ludwigsburg mit Workshops und kreativen Angeboten einher.
Verschiedene Konzepte für beschattete Sitzplätze wurden in Ludwigsburg ausprobiert.
Die Stadtbevölkerung von Ludwigsburg nahm die Angebote sehr gut an.