Hertha Kreipl hat viel erlebt: Jetzt ist die Stimme von Frey in Cham in den Ruhestand gegangen

Heute klingt das fast unvorstellbar, was Hertha Kreipl bei einem Kaffee hoch über dem Chamer Marktplatz im „freys“ erzählt, während um sie herum die Stammgäste im Vorbeigehen grüßen, sie mit manchem kurzem Plausch beglücken: Man kennt sie hier!
Kreipl war 14 Jahre alt – „bei uns gab es nur acht Klassen“ – als sie hier als junges Mädchen im Zentrum der Stadt, bei der Firma Frey, ihren Berufsweg 1968 startete – und ihn beendete. Damit ist die öffentliche Stimme verstummt, die Frey und die Chamer jahrzehntelang begleitete.
Und die ersten Schritte zur Einzelhandelskauffrau waren beschwerlich, denn morgens um 7 Uhr stieg die Furtherin in den Zug, lief vom Chamer Bahnhof den weiten Weg zum damaligen Frey Kaufhaus an den Marktplatz, um dann um 19 Uhr wieder in den Zug zurück einzusteigen. Lange Tage und lange Wege seien das gewesen. Sie erinnert sich noch genau, was sie ihrer Mama nach dem ersten langen Arbeitstag gesagt hat: „Da geh‘ ich nicht mehr hin!“ Es habe ihr schon gefallen, doch hätten ihr die Füße so weh getan, weil sie so viel laufen musste, erklärt sie.
An der Schaltstelle von Frey
Dafür, dass sie nach dem ersten Tag nicht mehr dorthin wollte, hat sie es lange ausgehalten – genau 55 Jahre und drei Monate. Davon war sie meiste Zeit an der Schaltstelle von Frey, der Auskunft, wie es erst hieß, später dann die Information, gleich am Eingang.
Bereits als Lehrmädchen sei sie darauf vorbereitet worden, als „Ersatzstimme“ für die damalige Kollegin am Mikro. Sie habe sogar ein Testsprechen absolvieren müssen, am Mikrofon. „Man hat mir gesagt, ich würde im Geschäft nicht zu hören sein“, so Hertha Kreipl. Das stimmte aber nicht – sie sei zwar erst erschrocken, als sie ihre Stimme im ganzen Frey hörte, „dann war es Liebe auf den ersten Blick! Das war mein Leben!“
Genau das, diese Schaltstelle zwischen intern und extern, mit Anrufen, Kundenfragen, Vertreterbesuchen und viel Aktion sei ihre Sache gewesen. In der handylosen Zeit habe sie zeitweise mit zwei Hörern am Ohr gestanden, um zu vermitteln oder Fragen zu beantworten. Dennoch – als es dann soweit gewesen sei, habe sie sich vor Aufregung erst einmal hinter einem Haufen Stoffe versteckt, lacht sie beim Erzählen. Ein Entkommen gab es nicht – und schnell wuchsen Selbstbewusstsein und Menschenkenntnis, zwei wichtige Eigenschaften an dieser Stelle.
Dazu brauchte es Freundlichkeit, Blickkontakt und Coolness, etwa wenn die aufgelöste Mutter beim Einkauf den Sprössling aus den Augen verlor. Dass Kinder verschwanden, habe es oft gegeben – „manchmal haben wir auch die Polizei geholt!“ Aber alle seien wiedergefunden worden, versichert sie.
Vieles blieb bei ihr vorne hängen – etwa auch die Hunde der Kunden, wenn die zum Einkauf gingen. Hertha Kreipl ist mit dem Unternehmen Frey groß geworden, hat unzählige Aufbau- und Umbauphasen miterlebt und auch die Wechsel an der Spitze des Familienunternehmens. „Dr. Adalbert Frey war ein ganz toller Chef!“, sagt sie, wie auch später seine Tochter Caroline Frey. Er habe oft bei ihr vorn am Eingang gestanden. Die Kinder der Familie, vor allem Birgitta und Mathias, seien oft bei ihr gewesen, man habe viel gemeinsam erlebt. „Mathias war wie ein zweiter Sohn für mich. Er lebt heute in der Schweiz. Ich habe aber noch Kontakt mit ihm“, sagt sie.
Mit Softeis und Hotdogstand
Die seien alle ganz normal gewesen, nicht abgehoben oder so. Und auch die nächste Generation, Rosa und Amran, der nun Verantwortung trägt, sind bei ihr an der Info mit aufgewachsen. Das erste Kaufhaus habe nur zwei Stockwerke gehabt, anstelle der Passage habe da noch das Gress-Hotel gestanden. Später sei im Untergeschoss der Lebensmittler Coop eingezogen. Es habe damals noch einen Verkauf vor der Türe gegeben, mit Softeis- und Hotdogstand und 75-Pfennig-Tage, wo die Kunden zeitweise in solchen Scharen gekommen seien, dass man die Türen habe schließen müssen. Kunden kämen von überall zum Frey – „da ist man stolz!“
Die Begrifflichkeiten änderten sich, wie sich auch Frey immer wieder wandelte. Sie erlebte den Wechsel vom Fräulein als Ansprache zur Frau, wie vom Kaufhaus Frey über Frey Centrum und Frey Modehaus bis zum heutigen Frey Modeerlebniskaufhaus. Vieles wurde über die Jahrzehnte modernisiert und umgebaut und morgen wieder durch Neues abgelöst – was blieb, das war die Frey-Stimme im Ohr der Kunden, Hertha Kreipl. Intern blieb sie immer die Hertha, sagt sie – weil sie die erste mit dem Namen im Geschäft war. Alle Herthas, die nach ihr kamen, bekamen von der damalige Chefin andere Vornamen, um bei Ausrufen über Mikro, bei denen nur der Vorname genannt wurde, Verwechslungen auszuschließen.
„Die wurde in Gabi umbenannt, die nächste in Resi“, so Hertha Kreipl. Ihre Aufgabe war neben der Kommunikation bald auch der Briefmarkenverkauf und die Lotto-Stelle, wie mit ihren Durchsagen auf besondere Angebote im Kaufhaus aufmerksam zu machen. Sie erinnert sich genau an den Slogan, der wohl auch den Stammkunden noch im Ohr ist. „Achtung, Achtung“, so starteten Hertha Kreipls Durchsagen, dann kam der Werbeteil und am Ende hieß es aus den Lautsprechern: „Täglich Freude im Frey Centrum!“

