Rentenkaufkraft: Regensburgs Senioren sind fast die Ärmsten in Deutschland

Von Benedikt Baumgartner · 10. Januar 2024 um 15:02

Geringe Renten, hohe Lebenskosten: Regensburger Senioren verfügen laut einer Prognos-Studie über so geringe finanzielle Mittel, wie an kaum einem anderen Ort in Deutschland. Regensburg belegt mit einer Rentenkaufkraft von 862 Euro den vorletzten Platz unter allen Landkreise und kreisfreien Städte. Noch weniger von ihrer Rente haben Menschen lediglich im Eifelkreis Bitburg-Prüm (Rheinland-Pfalz).

Grassierende Altersarmut im reichen Regensburg? „Ja, das spüren wir“, sagt Tafel-Vorsitzende Jonah Lindinger. „Wir haben einen irren Rentnerinnenzuwachs. Das kommt ja nicht von ungefähr, man stellt sich nicht umsonst bei der Tafel an.“

Was in der Studie abstrakte Zahlen sind, spüren die Rentner in der Schlange der Lebensmittelausgabe der Tafel ganz konkret, wenn sie in den Geldbeutel schauen. Eine 71-jährige Regensburgerin möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, gewährt aber einen Einblick in ihre Finanzen. 1250 Euro Rente bezieht sie, ihre Miete beträgt 600 Euro. Nach Telefon, Strom und weiteren Nebenkosten bleiben ihr monatlich rund 280 Euro zum Leben. Mit dem bisschen Geld zusätzlich, das sie für ein Ehrenamt bekommt, unterstützt sie ihren Enkel, eine Halbwaise, finanziell. „Auf ein Weihnachtsgeschenk muss ich hinsparen, das zwicke ich mir auch noch ab“, erzählt sie.

Miete frisst Rente auf

Persönliche Zahlen, die ein kollektives Problem veranschaulichen, wie die Prognos-Studie belegt. Zur Bestimmung der Kaufkraft zieht sie die regionalen Mietpreise heran. Wo Mieten teurer sind als im Bundesdurchschnitt ist der monatlich zur Verfügung stehende Geldbetrag weniger wert als in einer Region mit günstigem Wohnraum. Dort bleibt Senioren mehr von ihrer Rente. In Regensburg wird ein Preisindex von 1,07 angesetzt, um diesen Faktor ist das Leben in der Domstadt teurer als im Bundesschnitt. Seit 41 Jahren lebt die 71-jährige Regensburgerin in einer Stadtbau-Wohnung, 75 Quadratmeter, dritter Stock.

„Das wird auch immer schwerer zu Fuß, ich würde gerne umziehen“, sagt sie. „Aber ich zahle ja nicht mehr für zwei Zimmer als jetzt für eine Drei-Zimmer-Wohnung.“ Die aber kalt bleibt, seit eine neue Heizung im Mehrparteienhaus eingebaut wurde. Mehr als 15, 16 Grad erreicht die Raumtemperatur laut der Rentnerin nicht. Dafür seien ihre Mietkosten um 200 Euro pro Monat gestiegen.

Sozialkontakte leiden unter geringem Budget

Kein Einzelfall. Brigitte Weißmann, Leiterin der Sozialen Beratung der Caritas, sieht „zweifellos den drastischen Anstieg der Mieten um etwa 60 Prozent“ als wesentlichen Faktor für die leeren Geldbeutel vieler Rentner. Auch Energie und Lebensmittel wurden teurer. Dies sei eine „ernst zu nehmende, wenn nicht gar existenzbedrohende Entwicklung“. Viele Rentner benötigen bereits Mitte des Monats Lebensmittelgutscheine. Kostenlose warme Mahlzeit in der Fürstenküche ermöglichen zudem sozialen Kontakt.

Etwa 20 Prozent der Beratungen werden mit Rentnern geführt, schätzt Weißmann. „Aber ich kann mir vorstellen, dass es 40 Prozent sein müssten.“ Für viele Senioren sei das Fragen um Unterstützung aber schambehaftet. „Die Stadt hilft unbürokratisch, das muss man sagen“, so Weißmann. Bei der Caritas sind Soforthilfen aus dem Energiefonds verfügbar. Für einen Wandel in kleinen Schritten sei aber die politische Ebene gefragt, damit Rentner nicht weiter abgehängt werden.

Rentenkaufkraft in ostdeutschen Städten am höchsten

Die Höhe der Rente ist der zweite Faktor in der Studie zur Rentenkaufkraft. In Regensburg bekamen Rentner im Jahr 2021 durchschnittlich einen gesetzlichen Rentenzahlbetrag von 921 Euro. In Kombination mit hohen Lebenshaltungskosten landet Regensburg dadurch auf einem der Schlussplätze nach Rentenkaufkraft. Am meisten von ihrer Rente haben Senioren in ostdeutschen Städten: Gera, Chemnitz, Cottbus. Dank günstiger Miete und hohen Renten liegt hier die Rentenkaufkraft bei 1425 bis 1437 Euro.

Die Rente der 71-Jährigen liegt über dem Regensburger Schnitt: 44 Jahre hat sie gearbeitet, um nun 1250 Euro Rente zu bekommen. Zunächst war sie in einem Kindergarten angestellt, später bei Continental als Qualitätsprüferin, durchaus verantwortungsvolle Tätigkeiten. Dazu hat sie als alleinerziehende Mutter zwei Kindern großgezogen. Heute muss sie ihre Lebensmittel von der Tafel holen. Was sie dort nicht bekommt, kauft sie gezielt als Sonderangebote.

Frauen sind besonders gefährdet

„Die Senioren fallen einfach hinten runter“, sagt Arno Birkenfelder, Chef der Rengschburger Herzen, die Rentner mit Lebensmitteln und gebrauchten Haushaltsgeräten unterstützten. „Die Aufstocker haben am wenigsten, denen bleiben 200, 300 Euro im Monat zum Leben.“ 1799 Rentner sind Ende des Jahres 2023 im Leistungsbezug der Grundsicherung im Alter, wie Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra auf MZ-Anfrage mitteilt. Tendenz stark steigend: Im Februar 2023 lag die Zahl der Leistungsbezieher noch bei 1312.

Vor allem Frauen sind laut Lindinger von Altersarmut betroffen. Sie üben häufiger schlecht bezahlte Berufe aus, pausieren, wenn sie Kinder bekommen, arbeiten dann gegebenenfalls in Teilzeit. Die Zahl der Bedürftigen, die die Tafel wöchentlich mit Lebensmitteln versorgt, liegt seit Jahren konstant bei 5000. Mehr kann die Tafel nicht stemmen. Doch der Bedarf ist deutlich größer, die Warteliste füllt mittlerweile sechs Ordner – „und sie wächst und wächst“. Die Tafel-Chefin schätzt, dass etwa 40 Prozent der Bedürftigen Rentner sind und verdeutlicht die Brisanz der Lage: „Wir sprechen hier vom Essen, nicht von einem Theaterbesuch oder einer Urlaubsreise. Die brauchen Lebensmittel.“

Die Studie

Auftrag: Die regionale Rentenkaufkraft, also wo Menschen am meisten von ihren Renten haben, untersuchte das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Fragen: Dabei wurden zwei zentralen Fragen betrachtet: Wie viel sind 1000 Euro in einer Region wert, wie viel kann man sich von einem festen Geldbetrag leisten? Und hoch liegt die regionale Durchschnittsrente, wie viel Geld haben Senioren?

Fazit: In Ostdeutschland treffen tendenziell hohe Renten auf geringere Preise als im Westen. Hier ist häufig betriebliche und private Vorsorge eine besonders wichtige Ergänzung zum untersuchten gesetzlichen Rentenzahlbetrag.