Wie langsam ist so eine „Langsamfahrt“ der Landwirte rund um Bad Kötzting eigentlich?

Hinter mir winkt die Kolbeck-Evi ganz fröhlich – seh ich in meinem Rückspiegel. Die Chefin der Lindner-Brauerei hat sich mit ihrem Kleintransporter vor ungefähr einer halben Stunde ebenso eingereiht wie ich mit meinen kleinen Elektroflitzer, den mir der Verlag dankenswerterweise zur Verfügung stellt. Das ist aber auch der einzige seiner Art an diesem Vormittag, der sich gemeinsam mit unzähligen Traktoren, Maishäckslern und weiteren landwirtschaftlichen Geräten (und auch einigen Lkw-Gespannen) in den Protestzug der Landwirte mit eingereiht hat.
Evi Kolbeck ist aber nicht nur Teilnehmerin, sondern gemeinsam mit vielen anderen auch Sponsorin des Protestzuges der Landwirte im Bereich Bad Kötzting, die sich natürlich auch an der bundesweiten Aktion am Montag beteiligen. Landtechniker, Privatpersonen, Rundholz-Lieferanten, Zimmerer, Bäcker und auch ein Autohaus sorgen ebenfalls dafür, dass die Teilnehmer zu Essen und zu Trinken bekommen.
27 Kilometer Rundkurs
Solidarität mit den Landwirten, die augenscheinlich auch auf der Strecke geteilt wird. Wenn die Fahrt vom Jahnplatz über den Blaibacher See bis nach Miltach über eine halbe Stunde dauert, dann hat man viel Zeit, um auch mal in die Gesichter zumindest derjenigen zu blicken, die einem entgegenkommen. Die meisten sind natürlich Landwirte, manche alleine auf ihrem Traktor, manche mit Kindern oder der ganzen Familie. Aber auch private Pkw finden sich darunter, wobei keiner irgendwie genervt wirkt.
Die Teilnehmer haben die Warnblinkanlage an, aber es gibt auch einige, die gehören gar nicht dazu. Gestresst wirkt aber niemand, der mir auf dem 27 Kilometer langen „Rundkurs“ entgegenkommt – und man hat viel Zeit, sich die Leute anzuschauen, schließlich bewegt sich die Kolonne gerade einmal mit einer Durchschnitts-Geschwindigkeit von 11,5 Kilometern pro Stunde auf der Straße.
Die Polizei-Streifen, die nicht nur am Jahnplatz, sondern auch an den Kreisverkehren an der Bundesstraße 85 bei Miltach und Chamerau postiert worden sind, können es auch ganz entspannt angehen: Der Verkehr an den Hauptstraßen zwischen Bad Kötzting, Chamerau und Lederdorn ist überschaubar. Da die Route der Landwirte aus dem Altlandkreis schon am Wochenende bekannt geworden war, haben sich viele wahrscheinlich gleich Ausweichstrecken gesucht. Aber auch in der Stadt kommt es selbst rund um den Jahnplatz zu keinen größeren Staus. Sogar der Schulbetrieb bleibt weitgehend ungestört, und das, obwohl alle Schulbusse den Jahnplatz täglich zweimal anfahren: Morgens vor 8 Uhr und mittags um 13 Uhr.
Die Ordner um Andreas Miethaner und Josef Bergbauer haben da die Kollegen bestens im Griff: Um kurz vor 7 Uhr ist der Platz bis nach 8 Uhr genauso leer wie ab 12 Uhr, und so kommt an der Grundschule gerade einmal ein Schüler eine halbe Stunde zu spät, an den übrigen Schulen nutzen nur ein paar wenige mehr die vom Ministerium angebotene Gelegenheit, sich krank zu melden und so dem Unterricht fern zu bleiben, wenn sie an diesem Tag keine Möglichkeit sehen, in die Schule zu kommen.
Die straffe Organisation hat aber irgendwie auch zur Folge, dass das mit der Brotzeit für die meisten Teilnehmer wohl erst nach dem offiziellen Ende der „Langsamfahrt“ um 14 Uhr was geworden ist. Denn wer das Motto ernst nimmt, der braucht geschlagene zweieinhalb Stunden, um die Runde zu drehen. Es wird gehupt – gerne auch mit Tröten, die „La Cucaracha“ oder ähnliches von sich geben – und der eine oder andere Hausbewohner, der sich trotz der windig-kalten vier Grad an die Straße getraut hat, gibt dem Corso ein „Daumen hoch“.
Rettungsdienst mit Geduld
Den bekommen die Fahrer durchaus auch von den Fahrern des Bayerischen Roten Kreuzes, die sich, wenn notwendig, auch für kurze Zeit auf ihrem Weg geduldig in die Schlange einreihen. Als sich um 12 Uhr die Traktoren auf den Weg zu ihrer letzten Runde machen, um den Jahnplatz zu räumen, da ist auch die Reporter-Runde wieder vorbei und die Organisatoren vor Ort sind zufrieden.
Selbst die Polizisten an der Wegstrecke hätten mit einer Brotzeit versorgt werden können, die Stimmung war sehr gut und somit alles bestens für die große Kundgebung am Abend in Cham. Im Laufe der Woche sei erst einmal noch nichts für den Bereich rund um Bad Kötzting geplant, sagt Andreas Miethaner. Er ist ebenso wie Josef Bergbauer sichtlich zufrieden, dass trotz der großen Zahl der Teilnehmer keine Vorfälle zu verzeichnen waren.
Bleibt die Frage, wer eigentlich die Arbeit erledigt, die an so einem Hof den ganzen Tag über anfällt. „Vorarbeiten und dann alles noch nacharbeiten“, sagt Josef Bergbauer. „Aber an einem Tag, da muss das schon gehen“, versichert eine Teilnehmerin.
Aber die Protestwoche hat ja gerade erst begonnen, und so war es vielleicht ja doch noch nicht der allerletzte Tag, an dem die Landwirte „auf die Straße“ gegangen sind – friedlich und vor allem auch sehr geordnet.



