Dorfleben in Miltach vor 100 Jahren: Als bei der Caritassammlung noch Kartoffel gespendet wurden

Am 27. März 1924 verließ Karl Holzgartner die Expositur Miltach, die er seit 1916 seelsorgerisch betreut hatte. Damit endeten auch seine Einträge in der „Chronik der Expositur Miltach“. Dr. Helmut Weck (Miltach) schreibt 1985 in einem Beitrag über den Geistlichen: „Es gibt kaum eine Pfarrei, in der Pfarrer Holzgartner war, die über einen so kostbaren Schatz heimatkundlicher Daten verfügt wie Miltach“. Mit diesem Beitrag endet die Serie der bisher erschienen Artikel dazu.
Der Chronist schreibt über das Dorfleben vor 100 Jahren:
Januar 1924: Caritassammlung. Die im Spätherbst vorgenommene Caritassammlung brachte folgendes Ergebnis: 22 Zentner Kartoffel, 50 Pfund Äpfel, 800 Mark an Geldspenden. Die Gebefreudigkeit war nicht sehr groß und zwar manchmal besonders bei solchen Familien, die es hätten. Im Nachtrag schreibt der Expositus über die Einnahmen 1923 aus Stolgebühren, das sind Einnahmen, die nicht in die Kirchenkasse fließen, sondern ihm persönlich gehören. Für 47 Taufen erhält er
Enorme Inflation
5 000 000 000 000 Mark und für 6 Hochzeiten 10 500 000 000 000 Mark. Diese Summen muten astronomisch und absurd an, aber im Vorjahr erreichte die Inflation ihren Höhepunkt, bis endlich im Oktober 1923 die „Rentenmark“ in Deutschland eingeführt wurde.
18. Januar 1924: Nachmission. In der Zeit vom Sonntag den 13.1. bis 17.1. fand hier die heilige Nachmission statt, und zwar durch die Chamer Retemtoristenpatres Schleinkofer, Edenhofer und Glockner. Die beiden Letztgenannten predigten sehr eindrucksvoll und zogen „richtig vom Leder“. Pater Glockner predigte besonders fesselnd. Der Besuch der Predigten nahm von Tag zu Tag zu, er war fast besser als bei der eigentlichen Volksmission im Spätherbst 1921. Bei den vier Generalkommunionen beteiligten sich alle Kommunikanten bis auf etwa 35 Personen, die fernblieben. Im Ganzen wurden an diesen 5 Tagen rund 1500 Kommunionen gespendet.
In der Woche vorher hielt ich die Flachskollektur und die Sammlung für die Nachmission. Letztere ergab in bar: 79 Rentenmark. An Lebensmitteln ich: 1 Gans, 1 Gockerl, 4 Köpfl Schmalz sowie Butter, Eier und Milch im Wert von ca. 40 Mark. Die Missionare erhielten 70 Mark, eine Gans und weitere Kleinigkeiten. Die Kosten für Chor, Mesner und Ministranten beliefen sich auf 45 Mark. Beichtgehört wurde wieder in den zwei Schulhäusern. Herr Hauptlehrer Putz stellte für Pater Schleinkofer sein Gästezimmer zur Verfügung. Ein Schulzimmer wurde als Warteraum für Beichtende geheizt. Von den Beichtenden waren es nur die ledigen Frauenzimmer, die sich ungezogen aufführten beim Anstehen. Als Pfarrer wäre es mir lieber gewesen, wenn die Kirche zum Beichten benützt worden wäre.
Bei der Schlusspredigt war die Kirche fast bis auf den letzten Platz besetzt – ein arges Gedränge. Sechs Vereine, 3 Feuerwehren, Veteranenverein, Josefiverein und Mütterverein beteiligten sich an der großen Schlussprozession, die bei prächtigem, klarem Winterwetter stattfand. „Gott gebe Wachstum“, fügte er in Latein dem Resümee an.
Volksbegehren: Vom 28. Januar bis 17. Februar waren die Einschreibelisten für das Volksbegehren: a.) bezüglich der Landtagsauflösung, b.) bezüglich der Änderung der Bayerischen Verfassung, ausgelegt. Gegen dieses Volksbegehren setzte besonders von Seite des Bauernbundes eine starke Agitation ein. Es haben unterschrieben: Von Oberndorf 33 (bei 120 Wahlberechtigten), von Miltach: 61 (bei 180 Wahlberechtigten). Im Land stimmten 1 200 000 dafür, also mehr als 300 000 die notwendig waren.
Ein strenger Winter
20. Februar: Heute erhielt ich folgendes Schreiben: Vorläufige Mitteilung – Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus hat die Katholische Pfarrei Loitzendorf, Bezirksamt Bogen, dem Priester Karl Holzgartner, zur Zeit Expositus in Miltach, Bezirksamt Kötzting, durch Ministerialentschließung übertragen.
Loitzendorf ist durch den am 25. November 1923 eingetretenen Tod von Pfarrer Frank frei geworden. Mitte Januar war Schluss des Bewerbungstermins für die Neubesetzung. Ich erhalte eine eigene Pfarrei bereits im Alter von 45 Jahren und 21 Jahre nach meiner Priesterweihe.
28. Februar 1924: Der zu Ende gehende Winter kann als „Schneewinter“ bezeichnet werden. Am 17. Dezember 1923 fiel der erste Schnee und nach jedem Schneefall trat neue Kälte ein. Heute war es wieder beißend kalt! So viel Schnee und solche Kälte um diese Zeit hat es seit Menschengedenken nicht gegeben.
9. März: In Miltach war die Vertrauensmänner-Versammlung der Volkspartei für die Bezirke Bogen, Viechtach und Kötzting. Als Kandidat wurde Bäckermeister Schefbeck aufgestellt. Die Versammlung war ziemlich gut besucht. Die Landtagswahl findet am 16. April 1924 statt.
Kein feierlicher Abschied
16. März 1924: Gestern um 4 Uhr ist die seit November 1921 bestellte Glocke eingetroffen. Sie wiegt 8 Zentner und 46 Pfund, gegossen von Gugg in Straubing. Heute Sonntag nach der Kreuzwegandacht haben wir sie auf einem festlich geschmückten Bruckwagen feierlich vom Bahnhof abgeholt. Zwei weiß gekleidete Mädchen trugen die passenden Gedichte vor, der Kirchenchor sang zur Feierstunde ein Lied, worauf ich eine kleine Rede hielt. Es beteiligte sich eine sehr große Zahl von Pfarrangehörigen. Wir fuhren die Glocke bis unter den Turm! Der Ton ist auf „a“gestimmt, die für Kriegszwecke abgeliefert Vorgängerglocke hatte ein „b“. Am Tag vor dem Feiertag Josefi wurde sie in den Turm gezogen und dort montiert.
Am 26. März 1924 wurde ich (Karl Holzgartner) in Regensburg auf meine neue Pfarrei Loitzendorf investiert. Tags darauf beerdigte ich noch die Jungfrau Anna Nagl, 62 Jahre alt, die mir wiederholt aushilfsweise den Haushalt geführt hatte. Mit dem Zug um 3.29 Uhr verließ ich Miltach endgültig. Einen feierlichen Abschied lehnte ich ab.
Aus der Vita des Pfarrers
Karl Holzgartner wurde geboren am 26. März 1879 in Neustadt an der Waldnaab. Das Theologiestudium erfolgte in Metten und Regensburg. Seine Primizfeier hielt er am 17. Juni 1903 in Stadt-Kemnath. Nach Aushilfsjahren in Gosseltshausen, Ascholdshausen und Haberskirchen war er Kooperator in Hainsbach und Haader. Als Expositus wirkte er in Kümmersbruck und Miltach. Ab 27. März 1924 war er Pfarrer in Loitzendorf. 1934 wurde ihm die Pfarrei Mindelstetten übertragen, wo er als Dekan bis 1950 war. Bis 1961 blieb er als Ruhestandspfarrer im nahe gelegenen Pförring, wo er am 8. Februar 1961 starb. Er ist in Mindelstetten beerdigt.


